Welt- und Europameisterin Ivana Vuleta in der Flugphase bei der Leichtathletik-WM in Budapest.
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Den neuen Vorschlag vergleicht Ivona Dadic mit Fußballmatches ohne Torhüter. Keiner komme auf die Idee, Goalies abzuschaffen, nur damit mehr Tore fallen. In Dadics Beruf, in der Leichtathletik, möchten die obersten Funktionäre den Weitsprung attraktiver machen — und schlagen eine revolutionäre Regeländerung vor. Der Absprungbalken soll weg. Stattdessen würde Dadic aus einem Bereich im Anlauf, aus einer Absprungzone, abheben. Ungültige Versuche, wenn Profis den Balken übertreten, würden wegfallen. Dadic hält wenig von der Idee, sie ist damit nicht allein.

"Ich kenne nicht viele Athleten, die dafür sind", sagt sie dem STANDARD. "Man würde es uns leichter machen. Aber das will keiner." Die 30-Jährige zählt zu Österreichs besten Siebenkämpferinnen, der Weitsprung zu ihren Stärken. Würde man das Brett abschaffen, komme der Reiz abhanden. "Wir sind darauf ausgerichtet, dass man sowohl mental als auch körperlich alle Facetten der Leichtathletik abdeckt", sagt Dadic. "Das macht unseren Leistungssport aus."

Ein Drittel ungültig

Bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer in Budapest waren rund ein Drittel aller Sprünge ungültig. Mit der Änderung würde fast jeder Sprung zählen. Selbst gültige Versuche spiegeln nicht die wahre Weite wider, die ein Athlet in der Luft zurücklegt. Der Weltrekord von Mike Powell, aufgestellt bei der WM 1991 in Tokio, steht bei 8,95 Meter. Der US-Star hatte bei seinem Versuch aber drei Zentimeter zum Balken Platz gelassen, in Wahrheit übersprang er 8,98 Meter.

Außerdem findet der Weltverband, beim Weitsprung sinke das Interesse. World Athletics verspricht sich durch die geplante Änderung "dramatischere Wettkämpfe". Der Ablauf soll kürzer werden: Bei gültigen Sprüngen dauert es aktuell bis zu einer halben Minute, bis die Weite offiziell gemessen wurde. Bei Sprüngen aus einer Zone sollen Distanzen mit Lasern in Echtzeit erhoben werden. Man müsse den Geist der Zeit erkennen, heißt es. Es gelte, junge Leute zu begeistern, und ebenso Sponsoren. Eine Möglichkeit sei, das Stück Holz am Absprung abzuschaffen. Der Weltverband testet Zonen nun "mit sehr guten Athleten", heißt es, in mehreren internationalen Trainingsgruppen etwa. Wenn das schiefgeht, "würden wir es nie einführen", sagt World Athletics.

Siebenkämpferin Ivona Dadic müsste sich nicht mehr fürchten, im Weitsprung bei drei ungültigen Versuchen null Punkte anzuschreiben. Trotzdem gefällt ihr die geplante Reform nicht.
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Charme statt Clowns

Der Verband verärgerte mit seinem Vorschlag die Szene. Weltmeister Miltiadis Tentoglou aus Griechenland kritisierte die Reform, kündigte gar an, auf den Dreisprung umzuschulen. "Wenn sie das Brett abschaffen, wird der Weitsprung zur einfachsten Disziplin." Olympiasiegerin Malaika Mihambo aus Deutschland ist eine der wenigen, die nichts einzuwenden hätte. "Ich glaube, es ist Geschmackssache. Es setzt andere Schwerpunkte."

Gregor Högler kennt die Schwerpunkte. Er ist Sportdirektor beim Österreichischen Leichtathletikverband (ÖLV) und Maschinenbauer. Högler fuchst sich gerne rein in sämtliche Studien aus der Sportwissenschaft, die sich mit der Leichtathletik befassen. "Der Charme des Weitsprungs ist die Präzision im Anlauf", sagt er. "Wenn ich mit fast 40 km/h auf den Absprung hinbolze, kommt es auf die Körperbeherrschung an, den Balken auf den Zentimeter zu treffen."

Der Sprung an sich sei vergleichsweise einfach, sagt Weltmeister Tentoglou. Die Schwierigkeit liegt im Timing, darin liege die Faszination, der Schlüssel, die Herausforderung. Högler: "Wir sind keine Clowns im Zirkus. Wir brauchen nicht permanent Innovationen, um attraktiv zu sein. Sie versuchen krampfhaft, Änderungen einzuführen." Die Aktiven ärgern sich, weil sie mit dem Vorschlag überrumpelt wurden. "Bei World Athletics sitzen Leute, die nicht direkt auf dem Platz sind", sagt Högler.

Gregor Högler trainiert Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger und Speerwerferin Victoria Hudson. Er findet, der Vorschlag von World Athletics ist nicht zu Ende gedacht, und fordert Studien zum Thema.
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Die Schwächen des Vorschlags

Högler hat den Vorschlag für die Praxis durchgedacht. Er glaubt, dass die Weiten ohne Balken nicht steigen. Anstatt des Holzbretts würde wohl die Tartanbahn weiter verlaufen. Das Material gibt aber mehr nach als Holz, speziell bei langer Sonneneinstrahlung und hohen Temperaturen. Auf Holz ist der Impact größer, die Athleten können sich da besser abstoßen und springen weiter. Absprungzonen sind bei Schülerwettkämpfen bereits üblich, Kindern versucht man zunächst das Springen beizubringen, erst im Teenageralter kommt der Balken hinzu. Einzig bei Regen würde Tartan Vorteile bringen: Wenn der Balken rutschig ist, wird die Disziplin gefährlich, weil die Verletzungsgefahr steigt.

Dadic denkt auch an den Wind, denn ohne Balken würde er keine Rolle mehr spielen. Dadic nimmt bis zum Absprung 18 Schritte Anlauf. Bei Rückenwind startet sie von weiter hinten, weil sie mehr Tempo aufbaut; das muss sie mit berücksichtigen, um nicht zu übertreten. Dadic denkt noch weiter: "Will man künftig auch im Hochsprung den Abstand zwischen Balken und Körper mitrechnen?"

Die Tür wäre mit der Reform von World Athletics offen, auch im Speerwurf oder im Diskus Abwurflinien abzuschaffen. Vorerst gibt es diese Pläne nicht. Und im Fußball bleiben auch die Torhüter im Tor. (Lukas Zahrer, 2.4.2024)