Die Geschichte beginnt an einem grauen Winterwochenende. Ich lese in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel über einen Schweizer Bauern, der von einem Tag auf den anderen beschließt, seine Tiere nicht mehr töten zu wollen. Er ist am Bauernhof aufgewachsen, seine Eltern führten einen Vorzeigebetrieb, ihr Hofladen war in der ganzen Region bekannt. Dort konnte man hofeigenes Fleisch, Gemüse und Brot aus dem Holzofen kaufen.

Der Sohn jedoch bringt es nicht mehr übers Herz, die Tiere zu schlachten. Zuerst stellt er auf Mutter-Kalb-Haltung um. Doch die Schreie der Kühe, wenn sie von ihren Kälbern getrennt werden, zerreißen dem jungen Vater das Herz. Nun führt er einen Lebenshof. Die Tiere bleiben am Bauernhof, bis sie alt werden. Kühe, Ziegen, Kaninchen, Hühner: Für die Tiere können Patenschaften übernommen werden. Im Hofladen werden pflanzliche Lebensmittel aus eigener Produktion verkauft.

Ein Lebenshof wirkt auf den ersten Blick wie ein "echter" Bauernhof. Geschlachtet wird hier allerdings niemand.
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Der Artikel fasziniert mich. Ich denke noch Tage später darüber nach, weil es mir so ungewöhnlich erscheint. Nutztiere zu halten und diese nicht zu schlachten – von klein auf wird uns ein anderes Bild mitgegeben. In meiner Kindheit hatten unsere Nachbarn Schweine. Wenn lautes Quieken zu hören war, wussten wir, dass Schlachtzeit war.

Großes Herz für Tiere

Ich selbst esse Fleisch, wenn auch nicht übermäßig. Milchprodukte und Eier sowieso. Ich beginne zu recherchieren. Ich will mehr über Lebenshöfe oder Gnadenhöfe, wie sie oft genannt werden, erfahren. Ich bin an kleineren Höfen interessiert, nicht an renommierten Einrichtungen wie dem Gut Aiderbichl, das ohnehin regelmäßig durch die Medien geht. Wer sind die Menschen, die ein so großes Herz für Tiere haben, dass sie ihnen ihr Leben verschreiben?

Ich lande auf dem Instagram-Profil des Vereins Veganimals und folge der Seite. In den nächsten Monaten stolpere immer wieder über Inhalte, die Magdalena dort teilt. Die Veganimals-Gründerin zeigt Schwein Fridolin, das bei den Followern besonders beliebt ist. Oder ruft auf, an Helfertagen teilzunehmen, wo Freiwillige zusammenkommen, wenn größere Arbeiten anstehen. Es handelt sich um keinen Bauernhof im eigentlichen Sinn, weil keine Produkte hergestellt werden. Die Tiere leben hier, so banal das klingt – und werden umsorgt.

Magdalena und ihre Tiere. Jedes einzelne hat einen Namen.
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Ich kontaktiere die 37-jährige Niederösterreicherin, die den Verein mit ihrem Mann gegründet hat und mit ihm sowie mehr als hundert Tieren auf ihrem veganen Hof im nördlichen Weinviertel lebt. Ich beschließe, sie zu besuchen.

Mittlerweile ist Frühling, der heuer zu Beginn außergewöhnlich warm ausfällt. Ehe ich losfahre, schickt mir Magdalena noch eine Nachricht. Ich soll mir mein Trinkwasser bitte selbst mitbringen. Warum, das will sie mir später erklären.

Die Schwäne verbringen am liebsten den ganzen Tag in ihrer Badewanne.
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Ich komme in dem Ort unweit der tschechischen Grenze an. Die genaue Adresse soll nicht in der Zeitung stehen, zu groß ist die Angst, dass Tiere heimlich abgegeben werden. Magdalena und ihr Mann (der anonym bleiben will) begrüßen mich herzlich und führen mich durchs Gelände. Was hier alle Tiere eint, ist, dass sie an ihrem ursprünglichen Lebensort, sei es in der Natur oder auf anderen Höfen, nicht mehr überlebensfähig oder erwünscht waren. Zuallererst stechen mir die Schwäne ins Auge, die ihren Tag in einer großen Plastikwanne verbringen. Beide haben einen Flügel verloren, weswegen sie nicht mehr in der Lage sind, in freier Wildbahn zu leben.

Weiter geht es zu den Gänsen und Enten, von denen es jeweils eine Handvoll gibt. Die dutzenden Hähne bleiben mir besonders in Erinnerung. Es ist doch ungewöhnlich, so viele auf einem Fleck zu sehen. Normalerweise werden weibliche Hühner gehalten, die Hähne oft schon als Küken geschreddert, weil sie keine Eier legen können.

Im Schweinegehege leben auch zwei Ziegen. Hier lerne ich Instagram-Liebling Fridolin, eines von vier Schweinen, nun auch persönlich kennen. Er ist eine Mischung aus Wild- und Mangalitzaschwein und war der kleinste in seinem Wurf. Die Veganimals nahmen ihn zu sich, weil ihm keine Überlebenschancen gegeben wurden.

Fridolin begrüßt Magdalena. Ihm wurden zu Beginn seines Lebens kaum Chancen gegeben.
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Heute wiegt er 360 Kilogramm, und mit seinem zottigen Haar und verträumten Blick bringt er Herzen zum Schmelzen, auch meins. "Das Fleisch der Mangalitza gilt als Delikatesse, seine Geschwister sind wahrscheinlich seit Jahren tot", sagt Magdalena. Sie und ihr Mann sehen die Tiere als Lebewesen auf Augenhöhe. Wer sonst würde sich Gedanken über die Geschwister eines Nutztiers machen?

Hund mag man, Schweine nicht

Magdalena erzählt mir von den Beziehungen, die die Tiere untereinander haben, wer mit wem ein Paar ist, wer den Ton angibt, welche Kommandos die Tiere sich untereinander geben. Sich die Lebensgeschichte von mehr als 100 Tieren zu merken ist nicht einfach. Magdalena hat daher alle Daten in einer Excel-Liste gesammelt.

Auch mir wurde antrainiert, dass Hunde und Katzen lieb sind, Nutztieren gegenüber habe ich keine besonderen Emotionen. Möglicherweise aus Selbstschutz. Wir verschließen die Augen vor dem Tierleid, um uns das Wiener Schnitzel am Sonntag nicht zu verderben.

Den Schafen schmeckt das saftige Gras. Sie halten sich am liebsten in der Herde auf.
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Der nächste Halt beim Rundgang ist auf der Schafweide. Die vier Tiere, alle männlich und kastriert, sind sehr zutraulich. Ihr Fell ist flauschig. Kastration ist etwas, das Magdalena befürwortet. Sie ist gegen eine unkontrollierte Vermehrung ihrer Tiere. Der Hof soll nicht größer werden, als er schon ist.

Es folgt der Teil des Hofes, mit dem ich mir am schwersten tue. In einer Voliere werden 25 Tauben gehalten. Ja, auch Tauben sind Lebewesen, die ein Recht auf ein würdevolles Leben haben. Trotzdem sind das Tiere, denen man in der Stadt lieber ausweicht, statt sich um sie zu kümmern. Eine zeitlang galten die Veganimals als Geheimtipp, wo versehrte Tauben ein Zuhause fanden. Das war teils schwierig, berichtet Magdalena. Sie sei regelrecht erpresst worden, die Tiere aufzunehmen. Aus den militanteren Kreisen der Tierschutzszene hat sie sich mittlerweile zurückgezogen.

Bis auf die Katzen, Hunde und Meerschweinchen, die im Haus leben, habe ich nun alle Tiere des Bauernhofs gesehen. Wir sitzen zu dritt im Garten, und jetzt erfahre ich auch, warum ich mein eigenes Wasser mitbringen musste.

Kuchenverkauf wurde untersagt

Vor kurzem wurde der Verein angezeigt. Um Spenden für ihre Tiere zu sammeln, veranstalteten sie regelmäßig sogenannte Bake Sales. Sie backten veganen Kuchen, gaben ihn weiter und erhielten im Gegenzug Spenden. Mit dem Geld kauften sie Futter für ihre Tiere.

Die Anzeige beim Lebensmittelamt nimmt ihnen nun diese Einnahmequelle. Sie besitzen keine Industrieküche und können den erteilten Auflagen nicht gerecht werden. Auch Getränke für Helferinnen oder sonstige Besucher dürfen nicht mehr angeboten werden. Deswegen sitze ich nun mit meiner eigenen Wasserflasche da.

Ziegen und Schweine teilen sich ein Gehege. Die Besucher werden neugierig beäugt.
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"Wir haben nun keine andere Möglichkeit mehr, außer zu betteln", sagt Magdalena zerknirscht. Sie arbeitet Vollzeit, ihr Mann ist zu Hause am Hof. Ihr Gehalt kommt zu einem großen Teil den Tieren zugute. Sie sind angewiesen auf Spenden, außerdem kann man auch Patenschaften für ihre Tiere übernehmen.

Andere Lebens- und Gnadenhöfe finanzieren sich ebenfalls über Spenden und Patenschaften. Wobei den Veganimals keiner der beiden Begriffe so richtig für ihren Verein zusagt. Bei Gnadenhöfen denke man ausschließlich an alte und kranke Tiere. Lebenshof wiederum klinge fast etwas zu schön. “Man hat dennoch die Sorgen, wie man das alles finanziell schafft", sagt Magdalenas Mann. Sie seien alles andere als sorgenfrei.

Auf der Heimfahrt vom Bauernhof merke ich: Es arbeitet in mir. Ich kann den Sichtweisen der Veganimals vieles abgewinnen. Der Fleischkonsum unserer Gesellschaft ist übermäßig, hier muss jeder mitwirken, um dem entgegenzutreten. Doch vegan leben: Wie soll ich das neben Beruf und Familie auch noch schaffen?

Veganer in der Minderzahl

Ein paar Tage später zeige ich meinem Sohn die Fotos der Tiere, die ich gemacht habe. Er hört zu, ist neugierig, wenn ich ihm die Namen der Tiere nenne, und ist besonders interessiert, welche Beeinträchtigungen manche der Tiere haben.

Kein Fleisch mehr zu essen, nein, das kann er sich nicht vorstellen. Mit seinen sieben Jahren ist er in unserer Welt des Fleischkonsums angekommen. Er kennt es auch nicht anders. Vegane Menschen sind in der Minderzahl, maximal fünf Prozent der Bevölkerung ernähren sich laut Statistiken in Österreich gänzlich tierfrei.

Ich denke wieder an Magdalena, die neben den ethischen Gründen gesundheitliche und Gründe des Klimaschutzes erwähnt, warum man sich vegan ernähren sollte.

Woher kommt das Fleisch?

Auch mit meinem Mann rede ich in diesen Tagen vermehrt über Veganismus, eine Ernährungsform, die wir beide noch nicht ausprobiert haben. Wir kommen zu dem Schluss, dass uns vor allem Massentierhaltung ein Dorn im Auge ist. Nein, Fleisch von Tieren, die ihr Leben lang leiden müssen, wollen wir nicht konsumieren.

Ich schreibe Magdalena, dass ich seit unserem Besuch viel zu grübeln habe. "Vielen Dank, dass du nicht unberührt aus dem Gespräch gegangen bist", antwortet sie.

Aber was tue ich nun mit meiner Berührtheit? Zur Tagesordnung überzugehen fühlt sich falsch an. Wenn es bei uns zu Hause weiterhin Fleisch und andere tierische Produkte geben soll, will ich künftig noch viel genauer wissen, woher sie kommen. Fleisch und Eier kaufe ich sowieso nur mehr mit Biolabel. Aber dass das Tier dann ein schöneres Leben hatte, davon gehe ich nicht mehr automatisch aus. Das reicht nicht mehr, um mein Gewissen vollends zu beruhigen. Es musste ja trotzdem für meine Mahlzeit sterben. Ich nehme mir vor, künftig öfter die vegane Alternative zu nehmen, wenn ich auswärts essen gehe. Statt Hühnercurry gibt es nun das mit Tofu. (Rosa Winkler-Hermaden, 19.5.2024)

Kann ich ein Schwein schlachten?
Um vom Fleisch als Produkt wieder zurück zum Tier zu kommen, hat sich STANDARD-Social-Media-Managerin Toni Titze im Selbstversuch damit konfrontiert, ob sie ein Schwein schlachten kann und wie dessen Verarbeitungsprozess überhaupt aussieht.
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