Nicht alle träumen von der Hochzeit in Weiß.
Nicht alle träumen von der Hochzeit in Weiß.
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Es gibt da dieses Fotobuch. Meine Mutter im weißen Kleid, mein Vater im Anzug – mit Fliege, Hornbrille, die Haare liegen auf dem Hemdkragen. Um das Paar hat sich auf den Bildern sehr viel Verwandtschaft versammelt. September 1977, meine Eltern lachen in die Kamera. Sie haben soeben Ja gesagt, mit Kirche und allem Drum und Dran. Geschichten zu dieser Hochzeit kenne ich wenige. Nur so viel: Meinen Eltern war es wichtig, in der Pflaumenkuchen-Saison zu heiraten. Das durfte als romantische Ansage zu verstehen sein. Zumindest mein Vater kann von Pflaumenkuchen nicht genug bekommen, am liebsten mag er ihn mit einer großen Portion Schlagobers. Deshalb sorgt meine Mutter dafür, dass der Blechkuchen immer im Herbst verlässlich auf den Tisch kommt. Die Pflaumen pflückt mein Vater, immerhin.

An diese alte Anekdote muss ich denken, wenn ich das Fotobuch in die Hände bekomme und die Menschen in den ausgestellten Hosen und spitzen Krägen und die jungen, glücklichen Gesichter des Hochzeitspaars bewundere. Nie hatte ich beim Durchblättern des Albums das Gefühl: Das will ich auch.

Vorhersehbar war meine Haltung nicht. Hochzeit, Haus und Kinder. In etwas anderer Reihenfolge wurde mir das nicht nur vorgelebt, andere Lebensmodelle waren in meiner Kindheit nicht vorgesehen. Selbst die kinderlosen Tanten trugen einen Ring am Finger. Nicht nur sie. Auch die Grundschullehrerin, die Frau aus der Turngruppe, die Mütter der Freundinnen. Einem anderen Lebensentwurf, nämlich einem reinen Frauenhaushalt bin ich das erste Mal in der Stadtbibliothek begegnet: In Christine Nöstlingers Olfi Obermeier und der Ödipus wächst Olfi mit Mutter, Oma, Großtante, zwei Tanten und zwei großen Schwestern auf. Kein Mann weit und breit, konnte das denn sein?

Nichts verpasst

Das konventionelle westdeutsche Familienkonzept der Achtzigerjahre verfehlte seine Wirkung nicht. Heute sind nicht nur die Eltern, sondern auch meine Brüder verheiratet. Nur ich eben trotz Beziehung nicht. So ist mir einiges erspart geblieben: das Warten auf einen Antrag, ein peinlicher Junggesellinnenabschied mit Motto-Shirt und Bauchladen, die verzweifelte Suche nach dem Traumkleid. Andere mögen einwenden, dass mir die Feier mit Tüll und Torte, der schönste Tag im Leben, entgangen sei. Ich entgegne dann gerne: Um zu feiern, brauche ich keine Hochzeit.

Dabei ist es nicht so, dass ich wie die französische Politologin Emilia Roig die Abschaffung der Ehe fordere. Obwohl das so falsch nicht wäre: Wer nicht verheiratet ist, wird strukturell benachteiligt – das darf im Jahr 2024 doch eigentlich nicht wahr sein. Ich scheue die Ehe vielmehr, weil ich Angst habe. Davor, mich festzunageln und abhängig zu machen. Das mag als kinderlose, berufstätige Frau ein Irrglaube sein. Doch geben mir die Zahlen nicht recht? 2023 wurden in Österreich weniger Ehen geschlossen und mehr geschieden als im Jahr zuvor.

Viele spielen das Spiel mit, obwohl sie Risiken und Nebenwirkungen kennen: Die Ehe ist kein sicherer Hafen, kein Pinterest-Traum, dem "Ja, ich will" folgt immer häufiger der große Kater, der Kampf um Häuser, Sofas, Autos, Kinder. Ist nicht auch Linda de Mol, die Moderatorin der RTL-Traumhochzeit, glücklich geschieden? Selbst das erste Paar, das in ihrer Sonntagabendunterhaltungsshow im Jänner 1992 die ewige Liebe geschworen hat, ist seit zwei Jahren getrennt. Was spricht dagegen, sich den Scheidungsanwalt zu ersparen? (RONDO Exklusiv, Anne Feldkamp, 29.5.2024)