Porträtfoto von Daniela Hammer-Tugendhat
Daniela Hammer-Tugendhat, jüngste Tochter des jüdischen Paars Grete und Fritz Tugendhat, lebt in Wien. Sie gilt als Pionierin der Geschlechterforschung in der Kunstgeschichte.
Heribert Corn

Eigentlich hat sie längst abgeschlossen mit dem Haus, das so eng mit ihrem Namen verknüpft ist. Zu viele Jahre hat Daniela Hammer-Tugendhat damit verbracht, zu kämpfen. Darum, dass das Erbe ihrer Eltern, die weltberühmte Villa Tugendhat in Brünn, nicht verfällt, darum, dass zumindest ein paar der wenigen übriggebliebenen Möbelstücke wieder in den Besitz der Familie zurückfinden, darum, dass Behörden, Baufirmen und Anwälte die Verfahren nicht unendlich verzögern. "Es ist meinem Mann Ivo zu verdanken, dass das Haus restauriert wurde. Ich hätte aufgegeben. Zu viel Lebensenergie ist da hineingeflossen", sagt Hammer-Tugendhat heute.

"Das Haus", das ist schlicht ein Meisterwerk. Ein Meilenstein moderner Architektur, in Auftrag gegeben beim deutschen Visionär Ludwig Mies van der Rohe von dem jüdischen Ehepaar Fritz und Greta Tugendhat, erbaut zwischen 1928 und 1930 hoch über Brünn. Es gab kein Kostenlimit, das großzügige Geschenk kam von Gretes Vater Alfred Löw-Beer, der als einer der ersten Industriellen im Land ein Vermögen gemacht hatte. Die Investition hat sich gelohnt, wie jeder bezeugen kann, der einen der begehrten Slots für eine Führung durch das Haus ergattert.

Blick vom Garten auf das moderne weiße Haus mit Glasfront
Die Villa Tugendhat, geplant von Grete und Fritz Tugendhat gemeinsam mit Ludwig Mies van der Rohe, thront über Brünn und ist heute ein Besuchermagnet.
IMAGO/Volker Preußer

Die Familie bewohnte die ungemein innovative, in allen Details ausgetüftelte und zugleich anmutige Villa nur wenige Jahre. 1938 flüchtete das Paar vor dem NS-Regime, zunächst in die Schweiz und dann nach Venezuela, mit dabei Tochter Hana aus Gretes erster Ehe und die Söhne Herbert und Ernst (der später sehr einflussreiche Philosoph). Das rettete der Familie das Leben, ein Großteil der Verwandtschaft wurde von den Nazis ermordet. In Caracas wurden zuerst Ruth, die heute in der Schweiz lebt, und 1946 Daniela, das jüngste Kind, geboren. Die renommierte Kunsthistorikerin und Kulturwissenschafterin lebt in Wien, wo sie bis vor kurzem an der Universität für angewandte Kunst in Wien tätig war.

Rückkehr ohne Bitterkeit

Sosehr sich die 77-Jährige von dem Erbe gelöst hat – wenn man in der gemütlich-kunstsinnigen Wohnung von Daniela Hammer-Tugendhat und ihrem Mann, dem Konservator-Restaurator Ivo Hammer, zu Besuch ist, lässt sich nicht leugnen, dass die Villa samt der damit verzahnten Familiengeschichte weiterhin präsent ist. An einer Wand der aus vier Wohnungen zusammengestoppelten Altbauetage hängt eine Reihe von Farbfotos, die Fritz Tugendhat in den 1930er-Jahren in der Villa aufgenommen und in der hauseigenen Dunkelkammer im Bromölumdruckverfahren entwickelt hat. Es sind künstlerisch inszenierte Bilder: Fritz mit in die Hände gestütztem Kopf vor einer Obstschüssel; Grete lesend an einem spiegelnden Tisch; Mohnblumen vor der Onyxwand.

Auf einem Tisch ausgebreitete Fotos, darauf ist Grete Tugendhat zu sehen
Diese Farbfotos hat Daniela Hammer-Tugendhats Vater Fritz von ihrer Mutter Grete aufgenommen und selbst entwickelt. Sie geben heute Zeugnis über das Leben in der Villa Tugendhat.
Heribert Corn

Der raumteilende Stein gehört zu den überwältigendsten Eigenheiten der Villa Tugendhat: Trotz seiner Massivität ist der dicke Onyxmarmor durchlässig und schimmert bei Sonnenlicht in pastellenen Farben. "Als 1969 meine Mutter zum ersten Mal seit dem Krieg nach Brünn kam, ist sie zu dieser Wand gegangen und hat sie gestreichelt, als wäre sie ein Mensch", erzählt Hammer-Tugendhat. Eine Gruppe von Architekten hatte sich im Zuge des Prager Frühlings für die Restaurierung des Hauses eingesetzt. Sie lud Grete zu einer internationalen Konferenz ein, wo sie einen Vortrag über die nahezu vergessene Baugeschichte der Villa hielt. Tochter Daniela begleitete sie.

"Ich habe bewundert, mit welcher Haltung meine Mutter da hingefahren ist, ohne Bitterkeit. Sie hat hingenommen, dass das Haus durch das kommunistische Regime verstaatlicht worden war, und tat alles, damit es restauriert und öffentlich zugänglich gemacht wird", erinnert sich Hammer-Tugendhat. "Kurz nach dem Krieg hatten meine Eltern einen Restitutionsantrag gestellt, aber nie eine Antwort bekommen. Danach war das kein Thema mehr." Nach der Beschlagnahme des Hauses durch die Gestapo und später die Rote Armee war kaum etwas von der Einrichtung übrig. Manches tauchte bei einem Nachbarn auf, eine Skulptur von Wilhelm Lehmbruck verschwand jahrelang im Depot der Mährischen Galerie in Brünn, die Erben wurden außen vor gelassen, sagt Hammer-Tugendhat. "Nachträglich ist es aberwitzig, mit welcher Selbstverständlichkeit das alles passiert ist."

Langes Ringen um Restaurierung

Der überraschende Tod der Mutter 1970 – sie wurde von einem Auto überfahren – traf sie hart. Der Vater war bereits 1958 an Krebs gestorben, nur wenige Jahre nachdem die Familie von Caracas nach St. Gallen gezogen war. Hammer-Tugendhat fühlte sich verantwortlich für das weitere Schicksal des Brünner Elternhauses und begann, die Bemühungen ihrer Mutter weiterzuführen, zunächst erfolglos. 1992 wurde im ehemaligen Wohnzimmer der Vertrag über die Teilung der Tschechoslowakei unterzeichnet. 2001 wurde die Villa Tugendhat zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt – im gleichen Jahr wurde übrigens ein Asteroid nach dem Haus benannt. Der Versuch, doch noch eine Restitution zu erwirken, scheiterte an einer wirren Rechtslage, unwilligen Politikern und etlichen anderen Hürden. Erst 2010, nach langem Ringen, stellte die Stadt Brünn Geld für eine umfassende Restaurierung bereit. Die internationale Expertenkommission dafür wurde von Ivo Hammer geleitet.

Blick in das offene Wohnzimmer der Villa Tugendhat, links die umwerfende Onyxwand, die beim Auftreffen von Sonnenstrahlen zu schimmern beginnt.
imago images/CTK Photo

"Meine Mutter und ich hatten eine symbiotische Beziehung", sagt Daniela Hammer-Tugendhat, immer noch mit einer schweizerdeutschen Note in der ruhigen, aber bestimmten Stimme. Mit ihr teilte sie auch die Begeisterung für Kunst. "Wir sind durch Spanien, Griechenland, Frankreich, Italien gefahren und haben uns von morgens bis abends Kunst angeschaut." So war es naheliegend, dass Hammer-Tugendhat Kunstgeschichte studierte, zunächst in Bern, dann in Wien, wo sie 1975 zu Hieronymus Bosch promovierte. Ein Vortrag über Boschs "Garten der Lüste" führte sie Anfang der 1980er-Jahre zur ersten deutschsprachigen Kunsthistorikerinnentagung nach Marburg. Diese brachte eine feministische Sichtweise auf die Kunstgeschichte ins Rollen, die bedeutend von Hammer-Tugendhat geprägt wurde.

"Mich interessiert, wie über Kunst Vorstellungen konstruiert werden, die dann Realitäten herstellen", fasst Hammer-Tugendhat zusammen. Zahllose Publikationen zu Frauenbildern, Männermythen, Liebe, Ehe und Sexualität säumen ihren akademischen Weg, daneben Diskussionen, Vorträge, Ausstellungen, Initiativen für Gleichstellung an den Hochschulen. 2009 wurde sie mit dem Gabriele-Possanner-Staatspreis für Geschlechterforschung ausgezeichnet. Und so viel sei verraten: Ende 2024 wird ihr das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien verliehen.

Wider dichotomisches Denken

Einen eindrücklichen Überblick über ihre Arbeit hat die unermüdliche Forscherin zuletzt in der zehnteiligen Vorlesungsreihe mit dem Titel "Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft" gegeben. Die im Wintersemester 2022/23 abgehaltenen Lectures sind auf Youtube abrufbar und spannen einen Bogen von Adam und Eva über Themen wie Emotionen, Ethik, Natur und Utopien bis hin zu Tod und Jenseits. "Es ist für mich der große Mehrwert von Kunst, dass sie Vorstellungen unterläuft oder mit ihnen bricht, dass sie Widersprüche und Ambivalenzen zeigt – im Unterschied zu unserem dichotomischen Denken, das gerade heute wieder überhandnimmt."

Das ist auch das Stichwort für Hammer-Tugendhats Kritik an den "haarsträubenden" Reaktionen auf den Gazakrieg, der sie sehr beschäftigt. "Ich verstehe nicht, wieso man sich mit der einen oder anderen Seite identifizieren sollte, warum gerade an den Unis die Leute entweder propalästinensisch sind oder sich hinter Israel stellen. Man kann den grauenhaften Anschlag vom 7. Oktober aufs Schärfste verurteilen und zugleich die rechtsradikale Regierung Netanjahus und die jüdischen Siedler kritisieren, die mitverantwortlich für diese Katastrophe sind." Sie selbst bezeichnet sich als nicht religiös, stehe aber jederzeit dazu, dass sie aus einer jüdischen Familie komme. Zu oft war sie selbst mit unverhohlenem Antisemitismus konfrontiert.

Porträtfoto von Hammer-Tugendhat
Durch den Verlust ihrer Eltern musste sich Daniela Hammer-Tugendhat schon früh mit dem Tod auseinandersetzen. Das Thema beschäftigte sie auch in ihrer Forschung.
Heribert Corn

Die Situation im Nahen Osten beschäftigt sie derzeit mehr als ihre Krebserkrankung, die vor drei Jahren diagnostiziert wurde. Der Tod, mit dem sie durch den Verlust der Eltern schon früh konfrontiert wurde und dessen Veranschaulichung sie auch in ihrer kunsthistorischen Forschung beschäftigt hat, war gefährlich nahe gerückt. Heute geht sie erstaunlich gelassen damit um: "Ich finde die Vorstellung, ewig zu leben, grauenhaft. Ich glaube, das Bewusstsein, dass wir ein Leben haben, aber nicht wissen, wie lange dieses dauern wird, gibt uns die Chance, so intensiv wie möglich zu leben", sagt sie in einem Gespräch, das im Katalog zur Ausstellung Sterblich sein abgedruckt ist, die noch bis zum 25. August im Wiener Dommuseum zu sehen ist.

Geist der Avantgarde

Sie habe für sich erkannt, dass es so etwas wie ein Weiterleben nach dem Tod gibt. "Ich war mit meiner Mutter trotz ihres Todes gedanklich stets verbunden und ständig mit ihr im inneren Gespräch", sagt sie, selbst Mutter von zwei Söhnen (einer davon ist der Grünen-Abgeordnete Lukas Hammer) und fünffache Großmutter. Der Geist der Avantgarde, den ihre Eltern versprühten, ist auch in der Wiener Wohnung der Hammer-Tugendhats zu spüren. Neben Basteleien der Enkelkinder und Kunstwerken jeder Art an den Wänden (und auch an der Decke – "Ivo braucht das, als Restaurator ist für ihn die Decke gleichwertig wie eine Wand") steht auch noch eine Originalkommode aus der Villa Tugendhat. Das Makasser-Ebenholz mit der markanten Tigermusterung sieht wie neu aus, hat sämtliche Umzüge über die Schweiz nach Venezuela und zurück in die Schweiz und dann nach Wien überstanden. "Wenn man die Türen öffnet, sieht man, wie es die Strukturen des Hauses spiegelt", sagt Hammer-Tugendhat.

Auch wenn sie die Querelen um das ikonisch gewordene Haus ihrer Eltern ad acta gelegt hat, die Faszination lässt sie immer wieder einmal zurückkehren. "Für mich ist es das schönste Haus der Moderne, das ich kenne. Die Ausstrahlung des Hauses ist sehr wohltuend, weil es so klar und strukturiert ist, aber gleichzeitig nach außen öffnet. Das hat etwas Meditatives. Ich habe solche Erfahrungen nur mit Kirchen oder Bauwerken wie dem Pantheon: dass man einfach in einem Raum ist und das Gefühl hat, das genügt einem jetzt." Diese Perspektive macht das schwere, schöne Erbe gleich viel leichter. (Karin Krichmayr, 18.5.2024)