Aidan Moffat und Malcolm Middleton sind Arab Strap, begnadete Fieslinge, wie ihr neues Album zeigt:
Aidan Moffat und Malcolm Middleton sind Arab Strap, begnadete Fieslinge, wie ihr neues Album zeigt: "I'm Totally Fine With It Don't Give a Fuck Anymore".
Rock Action

Man muss sich Aidan Moffat als gfeanzten Beobachter vorstellen. Einen Spanner der Widrigkeiten des Alltags und daran scheiternden Figuren. Dabei ist er so nahe an seinen Sujets dran, dass die Gefahr besteht, den Chronisten und seine Überlieferungen über Gebühr zu vermischen. Als Sänger der schottischen Band Arab Strap tut Moffat genau das – mit Genuss.

Arab Strap nennt man ein Special-Interest-Spielzeug für den Herrn, das eine Erektion unterstützt und in weniger studierten Häusern schlicht als Cockring bezeichnet wird. Der Name des Mitte der 1990er aufgetauchten Duos verdeutlich bereits, dass es keine Scheu hat, Dinge beim Namen zu nennen.

Der Nähe setzt Moffat einen Sprechgesang entgegen, der doch eine Distanz, oft ist es ein Abgrund, zwischen ihm und seinen Figuren auftut. Dort gedeiht die Faszination am Schrecken, was Arab Strap den Ruf eintrug, eine misanthropische Band zu sein. Man kann drei Pint darauf nehmen, dass Moffat und der für die Musik Hauptverantwortliche Malcolm Middleton sich diese Einschätzung wie einen Orden anheften. Eben ist ihr Album I'm Totally Fine With It Don't Give a Fuck Anymore erschienen und erfreut einschlägig.

Fies hat Tradition

Die Arab Strap nachgesagte Fiesheit hat im Pop Tradition. Punk erhob sie zum Geschäftsmodell, seit damals tauchten verstärkt Gruppen auf, deren Verhältnis zur Menschheit und ihrem Treiben von einer genuinen Abneigung geprägt ist. Im Einzugsgebiet von Arab Strap war Mark E. Smith ein Meister dieses Fachs. Eine Art Sodbrand auf dünnen Beinen, den pH-Wert nur knapp über null. Smith war Chef von The Fall aus Manchester und ließ den Autor Jonathan Swift nachgerade als Menschenfreund erscheinen.

Arab Strap - Strawberry Moon (Official video)
Arab Strap

In der Schuld des 2018 gestorbenen Smith stehen die Sleaford Mods, ein Duo, in dem Andrew Fearn die Musik aus dem Laptop klickt und Jason Williamson dazu Speichel freisetzt, wenn er mit Furor und einer in Fankurven geschulten Eloquenz seine Texte keift. Mit der Band Big Special ist eben eine knieweichere Version der Sleaford Mods aufgetaucht, die sich auf ihrem Album Postindustrial Hometown Blues ebenfalls weltekelig gibt, aber musikalisch verbindlicher ist als die Mods. Wahrscheinlich halten Big Special Fremden sogar die Tür auf, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Wie gesagt, die Grenze zwischen den Chronisten und ihren Geschichten vermischt man gerne, das ergibt am Ende ein Image.

Humor für Menschen mit Humor

Die britische Depression vor und nach dem Brexit scheint derlei Stimmungen besonders zu begünstigen. Anders als die Politik durchzieht die Musik der größten Misanthropen noch etwas Humor – und sei er noch so schwarz. So ist der 51-jährige Moffat abseits der Bühnen ein belesener Familienmensch, der über die Auswüchse unserer Zeit befindet und diese eben nach seiner Fasson formuliert.

BIG SPECIAL - SHITHOUSE (Official Video)
BIG SPECIAL

Auf I'm Totally Fine With It Don't Give a Fuck Anymore reflektiert er die Isolation im Netz als einsamer Zecher in seinem Safe Room, dem Pub ums Eck: "Now it's summer season in the city / And everyone's so fucking pretty / But I drink on my own / If you want me, you can get me on the phone."

Schlechter Sex, gute Verdauung

Schlechter und/oder schneller Sex war im Oeuvre Arab Straps oftmals Thema. Mittlerweile findet er nicht mehr zwischen den Mülltonnen im Hinterhof, sondern vorm Bildschirm statt. Die Tragik wird dadurch nicht geringer, die Komik auch nicht. Musikalisch übersetzt wird das in eine elektronische Popmusik für Menschen, die Popmusik hassen, wie Middleton seinen Ansatz einst beschrieben hat.

Arab Strap - Bliss (Official video)
Arab Strap

Das ist leicht kokett, da sich auf dem neuen Album erneut zeigt, welch Händchen die beiden für Melodien haben, selbst wenn sie Texte umrahmen, bei denen Erziehungsberechtigte in Anwesenheit Unmündiger ihre liebe Not haben werden. Da hilft es, dass Moffat im schottischen Dialekt berichtet, das reduziert ungewolltes Publikum doch beträchtlich.

Ihre Elektronik behübschen die beiden mit Akustikgitarren, andernorts kracht der Bass wie im Hardcore. Dabei verstehen es Arab Strap, ausgetretene Pfade zu vermeiden, ihre Musik klingt stets originär nach Arab Strap. Sie entwerfen eine Welt, in der Sex-Positivity einen von fremder Hand zugeführten Höhepunkt und Body-Positivity schmerzfreien Stuhlgang meint. Wer das zu ernst nimmt, wird daran keine Freude haben, wessen Humor angesichts menschlicher Abgründe erst so richtig in Fahrt kommt – Arab Strap haben dafür den Soundtrack. (Karl Fluch, 17.5.2024)