Im Juni 1976 war der Forstarbeiter Josef Pfefferle nach einem Lawinenabgang mit der Räumung einer Forststraße in mehr als 2000 Metern Seehöhe nordwestlich von Ischgl beschäftigt. Dabei fand ein etwa ein Kilogramm schwerer Stein mit einer mattschwarzen Oberfläche seine Aufmerksamkeit, weil er aus dem Schnee direkt auf die Straße fiel. Er nahm den ungewöhnlichen Stein mit nach Hause, wo er ihn die nächsten dreißig Jahre in einer Kiste aufbewahrte. Pfefferle erinnerte sich wieder an das Stück, als 2007 in den Medien über den Rechtsstreit infolge des Meteoritenfalls von Neuschwanstein berichtete wurde, von dem die Hauptmasse im Gebiet der Gemeinde Reutte nahe der Grenze gefunden wurde. An der Universität Innsbruck wurde der Meteorit als gewöhnlicher Chondrit der Type LL6 klassifiziert und schließlich vom Naturhistorischen Museum erworben, wo er in einer gemeinsamen Vitrine mit den anderen sieben österreichischen Meteoriten zu sehen ist.

Der Ischgl-Meteorit in drei Ansichten: Die Schmelzkruste der 708,1 Gramm schweren Hauptmasse zeigt deutliche Regmaglypten, die von seiner kurzen Reise durch die Atmosphäre erzählen. Eine Bruchfläche und eine Schnittfläche zeigen das helle Innere des Meteoriten mit ein paar metallischen Körnern. Nur wenige Stellen zeigen Anzeichen von Oxidation.
NHM Wien

Extreme Seltenheit

Ischgl ist einer von weltweit mittlerweile fast 75.000 der Wissenschaft bekannten Meteoriten, und zum Großteil handelt es sich dabei um gewöhnliche Chondrite – das Material des Tiroler Meteoriten ist also keine außergewöhnliche Rarität. Die Forschung unterteilt die Meteoriten außerdem grob in zwei Gruppen, "Fund" und "Fall" – also ob der Stein aus dem All lediglich auf der Erde gefunden wurde oder ob auch sein Eintritt in die Erdatmosphäre beziehungsweise sein Fall auf die Erdoberfläche beobachtet werden konnte. Letztere Gruppe umfasst gerade einmal 1243 verschiedene Meteoriten – nur etwa jeder fünfzigste bekannte Meteorit gehört zur Kategorie "Fall". Von diesen Seltenheiten konnte wiederum bisher bei nicht einmal jedem zwanzigsten aufgrund der Beobachtungsdaten der ursprüngliche Orbit berechnet werden. Diese Extremraritäten – bisher sind es erst exakt 54 – sind aus wissenschaftlicher Sicht besonders wertvoll, da sie einerseits kaum durch irdische Einflüsse verändert wurden und sich andererseits durch die Bahnberechnung Aussagen über ihr Vorleben im Sonnensystem treffen lassen. In guten Jahren werden rund ein Dutzend Fälle verzeichnet, und immer öfter gelingt die Berechnung des Orbits.

Der Fundort des Ischgl-Meteoriten liegt auf einer Straße über dem Madleinbach.

Suche nach Herkunft

Doch wo kam Ischgl her, und wann erreichte er unseren Planeten? Ein internationales Forscherteam unter finnischer Führung und österreichischer Beteiligung hat sich dieser Frage angenommen und dabei in detektivischer Detailarbeit den wahrscheinlichen Tag des Meteoritenfalls identifiziert. Doch wie lässt sich so ein außerirdischer Cold Case klären? Klar ist, dass der Fund des Meteoriten den terminus ante quem markiert – irgendwann relativ kurz vor Juni 1976 muss er auf die Erde gelangt sein. Ebenso klar ist, dass ein Objekt dieser Größe für einen spektakulären Meteor gesorgt haben muss. Ischgl wurde mit einem Verwitterungsgrad von W0 klassifiziert, was eine exzellente Erhaltung bedeutet (die Skala reicht von W0 bis W6) – der Meteorit kann also realistischerweise noch nicht lange auf dem Berg gelegen sein. Sein Fundort entspricht jedenfalls nicht seinem Absturzort – er wurde von der Lawine transportiert und muss also ursprünglich höher gelegen sein. Hier könnten eventuell noch mehr Bruchstücke niedergegangen sein.

Ischgl und Kindberg – hier Seite an Seite in ihrer Vitrine im Naturhistorischen Museum – sind zwei der acht österreichischen Meteorite. Beide gehören zu den weltweit nur 54 Meteoriten, deren Orbit berechnet werden konnte.
NHM Wien / Alice Schumacher

Heutzutage werden Meteore von ausgedehnten Feuerball-Netzwerken wie Fripon (Fireball Recovery and Interplanetary Observation Network) dokumentiert. Üblicherweise zeichnen zahlreiche Spezialkameras ein derartiges Ereignis auf. So können auch die Masse und die Bahn des Meteoroiden vor dem Eindringen in die Atmosphäre rückberechnet werden und ein Streufeld prognostiziert werden, wo Bruchstücke zu Boden gegangen sein können. In Österreich gelang dies zuletzt mit dem Kindberg-Meteoriten, der im November 2020 in der Steiermark niederging. Dank gezielter Suchkampagnen des Kurators der Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums, Ludovic Ferrière, und der Sensibilisierung der lokalen Bevölkerung konnte im folgenden Juli tatsächlich ein Fragment gefunden werden. In Deutschland konnte im vergangenen Jänner ein Meteoroid gar von einem Astronomen kurz vor seinem Eindringen in die Erdatmosphäre entdeckt werden. Der Ribbeck genannte Meteorit ist im laufenden Jahr der bisher einzige Fall, der es in die Datenbank der Meteoritical Society geschafft hat. Ein weiterer, Tekapo in Neuseeland, steht kurz vor der Aufnahme.

Neue Technologie

In den 70er-Jahren war die Situation jedoch noch eine andere. Die Technologie eines Feuerballnetzwerkes war noch relativ neu. Nachdem im Jahr 1959 erstmals von verschiedenen Kameras der Fall eines Meteoriten – Přibram – aufgezeichnet worden war und so Bahnberechnungen ermöglicht wurden, begann das Observatorium Ondřejov in der Tschechoslowakei mit dem Aufbau eines Kameranetzwerks zur gezielten Überwachung des Nachthimmels unter der Leitung des Astronomen Zdeněk Ceplecha, was den Beginn des European Fireball Network im Jahr 1963 markiert. Ab dem Jahr 1966 beteiligte sich Deutschland an dem Projekt und steuerte schließlich Kameras an insgesamt 25 Standorten bei. Das Netzwerk war in dieser Form bis 2022 im Einsatz. In diesem Zeitraum wurden mehr als zweitausend Feuerbälle dokumentiert, doch lediglich ein Dutzend dieser Ereignisse war in einer Größenordnung, die einen Meteoritenfall erwarten lässt, und nur drei fanden vor dem Fund des Ischgl-Meteoriten statt.

In den 1960er-Jahren wurden zahlreiche Kameras zur Beobachtung von Meteoren errichtet, so wie diese Station in Gerzen.
Max-Planck-Institut für Kernphysik Heidelberg

Der Feuerball EN241170 wurde in den frühen Morgenstunden des 24. November 1970 von mehreren Stationen des Feuerballnetzwerks fotografiert. Im Jahr 1977 berechnete Ceplecha für das Ereignis einen Ort für einen möglichen Meteoritenfall. Diesen lokalisierte er im Gebiet des Hohen Riffler – nach diesem höchsten Berg der Verwallgruppe nördlich von Ischgl benannte er den Feuerball EN241170 "Mount Riffler". Nicht zuletzt aufgrund der schwierigen Geländebedingungen wurde jedoch nie eine Feldsuche durchgeführt.

Vier Aufnahmen des Feuerballs EN241170: Sie stammen von den deutschen Netzwerkstationen Gerzen, Stötten, Mitteleschenbach und Schönwald.
Max-Planck-Institut für Kernphysik Heidelberg

Ein Team um Maria Gritsevich von der Universität Helsinki und weitere Experten aus Österreich, der Schweiz, Deutschland, Spanien und der Slowakei hat nun die alten Aufnahmen und Daten des Netzwerks mit modernen Mitteln analysiert. Die neuen Berechnungen anhand verschiedener Modelle bestätigen die ursprünglichen Überlegungen Ceplechas aus den 70er-Jahren. Das nun berechnete Streufeld beinhaltet den schon damals postulierten möglichen Einschlagsort – und auch der Fundort des Ischgl-Meteoriten ist in dem Bereich.

Das berechnete Streufeld des Feuerballs EN241170 deckt sich mit dem Fundort des Ischgl-Meteoriten (hier als Zielscheibe dargestellt). Der von Ceplecha vorhergesagte Einschlagsort ist mit einem weißen Dreieck gekennzeichnet. Die bunten Punkte illustrieren die in einer Simulation errechnete Verteilung von Bruchstücken. Blau steht für Stücke mit weniger als 0,1 kg, Cyan für 0,1–0,3 kg, Grün für 0,3–1 kg, Gelb für 1–3 kg und Orange für 3–10 kg. Der Norden ist in der Darstellung rechts.
Maria Gritsevich

Zuverlässiger Nachweis

Doch lässt sich daraus ableiten, dass es sich bei Ischgl tatsächlich um das Resultat des Mount-Riffler-Ereignisses handelt? Schließlich haben die Kameras des Feuerballnetzwerks nur in der Nacht bei klaren Verhältnissen und ohne Störung durch das Mondlicht zuverlässige Aufzeichnungen liefern können. Theoretisch sei es möglich, dass zwei verschiedene Meteorite mit einer Endmasse im Kilogrammbereich geografisch und zeitlich an derselben Stelle fallen, sagt Maria Gritsevich. Dies treffe aber auch auf andere Fälle zu, bei denen ein Feuerball beobachtet und anschließend ein Meteorit geborgen wurde. Durch die Berechnung der Flugbahn und des Streufelds sowie die Analyse der kosmogenen Nuklide in Proben des Ischgl-Meteoriten sei die Verbindung zwischen EN241170 und Ischgl ebenso zuverlässig nachgewiesen wie für die meisten anderen Meteoriten, deren Orbit um die Sonne vor dem Impakt rückberechnet wurde. "Wenn die EN-Kameras eine bessere Abdeckung geboten hätten, wären heute noch mehr Meteoriten mit ermittelter Flugbahn und Umlaufbahn bekannt", ist sich Gritsevich sicher.

Rendezvous mit Planeten

Für EN241170 wurde ein ursprünglicher Orbit innerhalb der Marsumlaufbahn berechnet, womit sich die Herkunft Ischgls klar von der anderer LL-Chondrite wie des Chelyabinsk-Meteoriten unterscheidet. Dessen Bahn führte vom Asteroidengürtel ins innere Sonnensystem – wie es trotz der Einzigartigkeit eines jeden Orbits bei den meisten der bekannten Bahnen von Meteoriten der Fall ist. "Dies spiegelt ihren Ursprung als Fragmente größerer Asteroiden wider", erklärt der Geochemiker Matthias M. M. Meier. Einige wenige Meteoriten stammen jedoch von Orbits innerhalb jenes Bereichs, in dem die vier Gesteinsplaneten Merkur, Venus, Erde und Mars die meisten kleinen Körper bereits abgeräumt haben.

Diese Meteoriten, zu denen zum Beispiel Dishchii'bikoh und nun auch Ischgl gehören, müssen durch nahe Begegnungen mit den Planeten eine Veränderung ihrer Umlaufbahn erfahren haben, so wie es in der Raumfahrt benutzt wird, um die Flugbahn einer Raumsonde mit einem sogenannten Slingshot-Manöver zu verändern, sagt der Direktor des Naturmuseums St. Gallen. Diese Umlaufbahnen verraten demnach etwas über die Dynamik im inneren Sonnensystem. Da nur sehr wenige Beispiele zur Verfügung stünden ("Für LL-Chondriten hat Ischgl die Statistik gerade um 100 Prozent erhöht"), sei jeder weitere Beleg von hohem Wert für die Forschung.

Sorgfältige Archivierung als Basis

Dass der Cold Case Ischgl mithilfe neuer Methoden neu aufgerollt werden konnte, ist das Ergebnis einer sorgfältigen Archivierung. Alle Originalnegative der Feuerballbilder sind inzwischen in das Archiv des Instituts für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Berlin-Adlershof integriert, sagt der Koordinator des Feuerkugelnetzwerks, Dieter Heinlein. Alle für die Analyse der Bilder nötigen Daten wie die exakten Kamerastandorte, Belichtungszeiten und die Zuordnung der Bilder zum jeweiligen Feuerballereignis sind hier zu finden. Digitale Scans und Metadaten zu den von den deutschen EN-Standorten dokumentierten Boliden wurden außerdem der zentralen Datenbank der Esa übermittelt, wo sie der Wissenschaft zur Verfügung stehen.

Der Ischgl-Meteorit wurde erst 2008 klassifiziert, jedoch schon 1976 gefunden, und ist wohl bereits seit 1970 auf der Erde.
Foto: NHM Wien / Alice Schumacher

Auch wenn die Chancen auf Funde weiterer Bruchstücke des Ischgl-Meteoriten gering sind und mittlerweile wohl die Verwitterung an den Überresten genagt hat, könnte sich eine Nachschau dennoch lohnen. Vorausgesetzt, man hat ausreichend Bergerfahrung und Ausdauer, denn das langgezogene potenzielle Streufeld erstreckt sich von einem Gebiet westlich von Reutte bis Ischgl. Während der Kindberg-Meteorit nicht zuletzt durch den Einsatz Ferríères gefunden werden konnte, steht er für Suchkampagnen diesmal nicht zur Verfügung: Er ist nun auf Meteoritenjagd in den Vereinigten Arabischen Emiraten und ist als Kurator am Aufbau eines neuen Naturgeschichtemuseums in Abu Dhabi beteiligt. (Michael Vosatka, 28.5.2024)