Es sind wahre Traumzahlen, mit denen Google vor kurzem aufwarten konnte. Allein im ersten Quartal 2024 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 80,5 Milliarden Dollar, ein Plus von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem aber: Jede einzelne der Kernkategorien wächst dabei derzeit stark, vom angesichts des KI-Booms besonders wichtigen Cloud-Geschäft über die via Google-Suche und Youtube verkaufte Werbung bis zum Abogeschäft mit Youtube Premium und Google One.

Gleichzeitig ist das Unternehmen im zukunftsträchtigen KI-Bereich bestens aufgestellt, von sehr mächtigen großen Sprachmodellen bis zur eigenen Hardware und vor allem der notwendigen Infrastruktur ist alles da. Nach einer etwas holprigen Phase in Reaktion auf den ChatGPT-Hype scheint jenes Unternehmen, das viele Grundlagen in diesem Bereich geschaffen hat, also wieder alles fest im Griff zu haben.

Ein Umbruch mitten am Höhepunkt

Und doch ist das nur ein Teil der Realität. Parallel dazu befindet sich das Unternehmen derzeit nämlich gerade im Umbruch, in seiner größten Reorganisation seit Jahren. Das mag zunächst widersinnig klingen, hat aber durchaus gute Gründe. Sieht sich Google doch einigen großen Herausforderungen gegenüber.

Die Google I/O (hier ein Bild aus dem Jahr 2023) naht. Zeit, sich die Ausgangsposition einmal näher anzusehen.
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Da wäre einmal die technologische: Auch wenn die Macht der Google-Suchmaschine – und der unfassbar produktiven Gelddruckmaschine Online-Werbung, die daran hängt – weiterhin ungebrochen ist, muss das natürlich nicht immer so bleiben. Denn wenn die IT-Geschichte etwas gelehrt hat, dann, dass Monopole meist nicht durch direkte Konkurrenz fallen – selbst wenn die etwas besser ist. Sie brechen zusammen, wenn sich das Nutzungsverhalten grundlegend ändert, neue Technologien dazu führen, dass die Userinnen und User ihre Zeit anders verwenden.

Neue Zeiten, neue Tools

An so einem Punkt könnten wir derzeit stehen. Die Angst, die Google haben muss, ist also weniger, dass eine bessere klassische Suchmaschine auftaucht, sondern dass sich die Nutzung verschiebt, dass zur Informationsbeschaffung künftig ganz andere Tools als die Google-Suche verwendet werden. So fehlerbehaftet Chatbots derzeit auch noch sein mögen, zu einem Teil können sie diese Dinge auch abdecken – und tun es für einen Teil der User bereits. Und die nächste Generation dieser Tools ist bereits eifrig in Entwicklung.

Wenn digitale, intelligente Assistenten zunehmend von sich aus relevante Informationen anbieten, Planung und andere Aufgaben besser abwickeln können als eine Google-Suche, dann knabbert das nach und nach an der Macht der klassischen Suchmaschine. Das wird natürlich nicht von heute auf morgen gehen, der Trend ist aber absehbar. Google weiß das natürlich und investiert selbst massiv in diesen Bereich, trotzdem macht so ein Umbruch immer Raum für die Konkurrenz auf, er bietet Chance für Veränderung.

KI-Trash macht Suchmaschine kaputt

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt, der diesen Wandel beschleunigen könnte: Die Qualität der Google-Suche – oder genauer gesagt: aller klassischen Suchmaschinen – wird immer schlechter. Verantwortlich dafür ist (Achtung: Ironie) vor allem jene Fülle an KI-generiertem und rein auf Suchmaschinen optimierten Spam, der in den vergangene Monaten zunehmend das Netz flutet. Ein Gegenmittel scheinen weder Google noch die anderen Anbieter bisher gefunden zu haben.

Es wird ernst mit der Regulierung

Viel unberechenbarer ist für Google aber noch ein anderes Thema: Das Unternehmen wird von immer mehr Kartellverfahren und Regulierungsbestrebungen in die Zange genommen. Während Google in den vergangenen Jahren äußerst geschickt alle diesbezüglichen Unterfangen ins Leere hat laufen lassen, geht es dabei langsam ans Eingemachte.

So steht derzeit etwa Googles Macht im Online-Werbemarkt gleich in mehreren Ländern im Fokus von Untersuchung. Dass Google dabei zum Teil sowohl als Verkäufer als auch als Handelsplattform auftritt, schmeckt vielen nicht. Welche Auswirkungen ein Verbot in dieser Hinsicht hätte, lässt sich derzeit nicht sagen, positiv wäre das aber wohl kaum für Google.

Dazu kommt, dass die Verträge mit anderen Firmen zunehmend unter Beschuss kommen. Seien es jene Deals mit Android-Herstellern, über die die prominente Verbreitung von Google-Apps gesichert wird, oder vor allem auch jener Deal, der die IT-Welt derzeit so prägt wie kein anderer: die Abmachung mit Apple, die dafür sorgt, dass die Google-Suche auf allen iPhones und iPads voreingestellt ist. Zur Erinnerung: 20 Milliarden Dollar zahlt Google dafür jährlich an Apple. Fällt dieser Deal, wäre das für Google recht unerfreulich.

Der Umbau ist schon da

All diese Erkenntnisse sind Google natürlich nicht verborgen geblieben, also nimmt man gerade den bereits erwähnten großen Umbau vor. Bereits im Vorjahr wurden die zuvor getrennt agierenden KI-Abteilungen von Deepmind und Google Brain zusammengefasst, das aktuell stärkste KI-Modell von Google, Gemini, ist das sichtbare Ergebnis dieses Prozesses. Vor kurzem wurden auch noch weitere mit KI beschäftigte Abteilungen unter das Dach von der nun Google Deepmind genannten Abteilung geholt.

Nicht minder wichtig ist aber die zweite Reorganisation, die das Unternehmen gerade vollzieht. Es wird nicht nur die gesamte Hardwareentwicklung unter ein Dach gestellt, dieser ist künftig auch die Entwicklung so wichtiger Software wie Android oder Chrome unterstellt. Der Grund lautet auch hier KI: Man will die Entwicklung von Hard- und Software und hier eben vor allem von KI-Features künftig Hand in Hand gehen lassen. Dabei geht es nicht nur um neuer Smartphones, sondern auch um eigene Chips, die die speziell optimierte Hardwarebasis für Googles eigene KI-Modelle liefern sollen.

Eigene Hardware wird für Google immer wichtiger.
REUTERS/CAITLIN OCHS

Im Endeffekt bedeutet dies: Den Kern von Google bilden künftig zwei KI-Abteilungen, eine für Software, eine für Hardware, und auch diese werden natürlich eng kooperieren. Mit dem einst sehr verstreuten Aufbau von Google und seinen zahlreichen Dopplungen hat das nur mehr wenig zu tun.

Aber wozu das alles?

Die Hoffnung Googles ist dabei zweierlei: Einerseits geht es darum, mit dem Hardwaregeschäft ein weiteres, vom Werbebusiness unabhängiges und vor allem starkes Standbein zu schaffen, das noch dazu die optimale Plattform für die eigenen Dienste bietet. Das zeichnet sich zwar schon länger ab, so klar wie jetzt war die Richtung aber noch nie. Google ist dabei davon überzeugt, durch die eigene Stärke im KI-Bereich einen echten Vorteil gegenüber der Konkurrenz – und hier vor allem Apple zu haben. So war etwa gerüchteweise zu hören, dass Google bereits für das im Herbst erwartete Pixel 9 einen eigenen, am Gerät laufenden KI-Assistenten plant, der intelligent im Alltag zur Seite steht. Das würde über die bisher alle recht ähnlichen – und vergleichsweise simplen – KI-Features wie Textzusammenfassungen auf Smartphones deutlich hinausgehen.

Alles Cloud

Doch wir sind noch die zweite Hoffnung schuldig: Die dreht sich um das Cloud-Geschäft. Auch wenn Google in diesem Bereich derzeit nur die Nummer drei am Markt ist, so hofft man, in der Mischung aus den eigenen KI-Modellen, selbst entwickelten Chips und der starken Infrastruktur des Unternehmens einen echten Vorteil zu haben. Selbst wenn man jetzt nicht gleich Amazon AWS den Rang ablaufen wird, so bleibt das Ganze unzweifelhaft ein weiter stark wachsender Markt, der auch einen immer größeren Teil zu Googles Gesamtgeschäft beiträgt.

Eine entscheidende Frage bei all dem wird übrigens die Steigerung der Effizienz all der KI-Tools spielen. Dabei konnte Google-Chef Sundar Pichai am Rande der Verkündung der aktuellen Quartalszahlen mit einer durchaus beeindruckenden Zahl aufwarten, die in der Berichterstattung etwas untergegangen ist. Die Kosten für den Betrieb jenes "Search Generative Experiment", mit dem Google seit dem Vorjahr an einer Art KI-basierter Suchmaschine experimentiert, konnten mittlerweile um 80 Prozent reduziert werden. Das einerseits durch Effizienzsteigerungen bei neueren Modellen, aber auch durch den gezielten Einsatz unterschiedlicher Modelle für unterschiedliche Aufgaben.

Weg von der Werbung

Der wahre große Umbruch, der sich hinter all dem versteckt, ist insofern jener: Google will weg von seiner Abhängigkeit von der Google-Suche und damit auch vom Werbegeschäft. Natürlich wird man diese Milliardeneinnahmen nicht freiwillig aufgeben, Google wird den Markt also so lange melken, wie es nur irgendwie geht. Gleichzeitig sieht man die Zukunft anderswo, vor allem bei der Cloud, bei Hardware und ebenfalls nicht zu unterschätzen: kostenpflichtigen Abodiensten.

Mit diesem Bereich ist man übrigens bereits jetzt erfolgreicher, als vielen bewusst sein dürfte. Sowohl Youtube Music / Premium als auch Google One haben mittlerweile mehr als 100 Millionen Kundinnen und Kunden. Und eine weitere interessante Zahl: Google geht davon aus, dass Youtube und das Cloud-Geschäft im Jahr 2024 gemeinsam bereits 100 Milliarden Dollar zum Umsatz des Unternehmens beitragen werden. Das ist so viel, wie Google im Gesamten noch vor sechs Jahren umgesetzt hat – also nicht gerade nichts.

Der Präzision halber sei angemerkt, dass es bei Youtube sowohl um Abo- als auch Werbegeschäft geht – aber eben auch eines, das von aktuellen Wettbewerbsverfahren nicht betroffen ist. Zudem tut Google derzeit wirklich alles, um Youtube-User zum Abschluss eines Abos zu drängen, wie sicher viele angesichts der immer aufdringlicher werdenden Werbung leidvoll bestätigen können.

Android ändert sich

Der Drang zu immer mehr eigener Hardware hat übrigens noch einen anderen Vorteil: Je mehr Pixel-Geräte gekauft werden, desto weniger ist man von den komplizierten Android-Verträgen und den Gefahren durch Kartellwächter betroffen. Auf diesen Geräten kann man nämlich im Großen und Ganzen vorinstallieren, was auch immer man will, die eigenen Dienste ganz in den Vordergrund stellen. Insofern reduziert ein Push der Pixel-Reihe sowohl die Abhängigkeit von anderen Firmen als auch die Gefahr durch Regulierung. Eine Realität, die übrigens so manch anderem Android-Hersteller durchaus Sorgen bereiten darf – und sollte.

Die Google I/O gibt die weitere Richtung vor

All das bildet jenen Hintergrund, vor dem Google nun zu seinem wichtigsten Event des Jahres ruft: Am Dienstag startet die Google I/O, die das Unternehmen üblicherweise für einen regelrechten Ankündigungssturm nutzt. Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu erwähnen, dass das Thema Künstliche Intelligenz dabei den Schwerpunkt bilden wird. Dies sowohl in Form neuer Basisforschung als auch der KI-Nutzung in all den unzähligen Diensten, die Google so zu bieten hat – von Maps über Gmail bis zur Suche. Realistisch erscheint etwa, dass Google künftig deutlich mehr KI-Features in seine Suche einfließen lässt, immerhin hat man mit dem Search Generative Experiment im letzten Jahr viele Erfahrungen in diese Richtung gesammelt.

Einen weiteren Schwerpunkt dürfte das kommende Android 15 darstellen und damit die nächste Generation von Googles Betriebssystem. Von diesem gibt es zwar schon einige Vorversionen, neue Features behält sich Google aber gerne für die I/O auf. Auch hier dürfte wohl KI eine wichtige Rolle spielen und dabei vor allem KI, die lokal direkt am Smartphone läuft.

Kommt Android XR?

Eine gewisse Chance gibt es auch auf eine komplett neue Android-Variante: Android XR. Dass Google an einer neuen Plattform für Virtual- und Augmented-Reality-Geräte arbeitet, ist mittlerweile gut dokumentiert. Dabei setzt man aber nicht auf eigene Hardware, sondern Partnerschaften mit Samsung und Qualcomm, die gerne Apples Vision Pro Paroli bieten wollen – potenziell aber in einer deutlich günstigeren Preisklasse.

Wovon es hingegen aller Voraussicht nach nichts zu sehen geben wird, ist neue Hardware. Das Pixel 8a hat Google bereits im Vorfeld präsentiert, andere Geräte dürften erst im Herbst kommen. Maximal gibt es einen kleinen Teaser für anstehende Hardware, alles andere wäre eine große Überraschung.

Mit dabei und mittendrin

DER STANDARD ist bereits vor Ort und wird die Google I/O mit zahlreichen News-, aber auch Hintergrundberichten begleiten. Den Kern bildet dabei die einleitende Keynote, die am Dienstag, 14. Mai um 19 Uhr (MESZ) startet. Zu dieser wird es einen Liveticker geben, kurz danach werden die präsentierten Neuerungen in Artikelform ausführlich erläutert. Also besser schon einmal Reminder setzen, um dann live mitzudiskutieren. (Andreas Proschofsky, 12.5.2024)