Antiquariat, City, Vienna, Books
Aufgesperrt haben die Buchhandlung und das Antiquariat bereits 1954. Hier gibt es an die 100.000 Bücher.
privat

"Unser Geschäft in der Sonnenfelsgasse im alten Universitätsviertel Wiens existiert seit 1954, also seit 70 Jahren. Es handelt sich um eine ruhige Ecke in der Innenstadt. Die Atmosphäre ist durchaus dörflich. Man kennt sich. Hier ist die Zeit ein bisschen stehengeblieben. Zum Geburtstag bringen mir die Nachbarn sogar Blumen. Den Graben und den Kohlmarkt hier in der Innenstadt meide ich mittlerweile.

Gegründet hat das Geschäft mein Großvater, dann kam mein Papa, und seit gut 20 Jahren bin ich an Bord, wobei ich bereits mit dem Geschäft aufgewachsen bin. Außerdem war ich immer eine typische Leseratte. Bücher sind meine große Liebe. Hinzu kommt, dass ich Germanistik und Komparatistik studiert habe. Das passt alles gut zusammen.

Wir sind ein Team von acht Angestellten, die Fläche des Geschäftes misst ungefähr 150 Quadratmeter. Insgesamt gibt es bei uns 100.000 Bücher, der Großteil betrifft das Antiquariat. Wir haben aber auch Neuerscheinungen im Programm.

Das Geschäft hat sich insofern verändert, als dass es in den vergangenen Jahren einen massiven Onlineschub gegeben hat, wobei der Anteil der Kundschaft, die zu uns kommt, immer noch größer ist. Die Klientel ist sehr gemischt, neuerdings kommen auch wieder viele junge Menschen zu uns. Ich denke, das liegt am generellen Hype rund um das Thema Vintage. Die Jüngeren interessieren sich für schön gestaltete Bücher, dazu zählen zum Beispiel kunstvoll gestaltete Einbände oder Goldprägungen. Der Autor oder die Autorin des Werkes steht gar nicht so sehr im Vordergrund, wobei diese Bücher schon auch gelesen werden. Klassiker sind in diesem Bereich ebenso sehr gefragt. Gestern war eine junge Frau hier, die hat sich von Goethe bis Hesse quer durchgekauft. Früher wurde einfach mehr Augenmerk auf die Qualität und die Machart von Büchern gelegt. Der Hype um den Buchschnitt, auch bei neuen Büchern, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass es eine steigende Nachfrage nach schönen Dingen gibt, nach dem Motto 'Klasse statt Masse'.

Ob dieser Trend bleiben wird? Ich denke schon. Ich sehe ihn auch bei meinen eigenen Kindern, die Schallplatten kaufen oder Flohmärkte besuchen. All diese Entwicklungen helfen natürlich, das Image des Antiquariats wieder mehr aufzupolieren, welches bei manchen ja etwas verstaubt rüberkommt. Aber zurück zur Kundschaft: Ich würde sagen, die Zahl der leidenschaftlichen Sammler mit großen Bibliotheken zu Hause sinkt. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Wohnungen kleiner werden und die Mieten steigen. Bücher brauchen Platz.

Antiquariat, City, Vienna, Books
Der Eingang zum Geschäft im alten Universitätsviertel in der ziemlich ausgestorbenen Sonnenfelsgasse im ersten Bezirk.
privat

Nein, ich habe keine Lieblingsbücher hier. Es gibt immer wieder Sensationen. Wir hatten einmal einen gewidmeten James Joyce, eine Ausgabe von Dubliners. Die haben wir um 150.000 Euro verkauft, und ich freue mich, dass sie nach Irland ging, wo sie hingehört. Das Buch war bestimmt schon 40 Jahre bei uns.

Diese schnelle, kapitalistische Welt ist nicht die unsere. Manche Bücher behält man, manche gehen gleich nach einem Ankauf wieder weg. Und bei anderen weiß man nicht, ob man sie wieder hergeben will. Zum Beispiel eine gewidmete Ausgabe des Mann ohne Eigenschaften von Musil. Was der kostet? Kann ich nicht sagen. Warum? Weil ich ihn nicht hergeben möchte. Es ist nicht alles käuflich.

Ich habe während des Studiums lange als Kellnerin an einer Bar gearbeitet und sehe durchaus Zusammenhänge mit meinem Job hier. Ich mag Menschen und freue mich, wenn sie zu uns kommen. Reale Kundschaft ist mir viel lieber als jene im Internet. Mir geht es um Kommunikation. Ich denke, Menschen plaudern gern, wenn sie in Buchhandlungen kommen. Sie erzählen, was sie gelesen haben, fragen, was man selbst gerade liest. Ich würde sagen, dass meine Lektüre aus durchschnittlich zwei Romanen pro Woche besteht.

Ob früher alles besser war? Nein. Weder bin ich Kulturpessimistin, noch verkläre ich ein abstraktes 'Früher'. Subjektiv könnte man sagen, dass mit Corona ein gewisser Bruch stattgefunden hat. Die Leute sind seither gestresster. Und das ist nicht wieder verschwunden. Es ist besser geworden, aber wir haben den Status der Zeit vor Corona nicht wiedererlangt. Lesen könnte dabei helfen." (Michael Hausenblas, 12.5.2024)