Katharina Auer-Scherlin ist optimistisch. Natürlich weiß auch sie, dass es von der ersten Idee bis zur wirklichen Umsetzung eines Baugruppenprojekts oft lange dauert. In Graz gab es noch dazu immer wieder Initiativen in diese Richtung, aus denen dann doch nie etwas wurde. Im vorliegenden Fall sind die Aussichten weit besser: Mit zwei bis vier Jahren rechnet Auer-Scherlin daher. Dann sollen sie fertig renoviert sein, die drei Zinshäuser im Herzen der Stadt, in die die Baugruppe ZplusB einmal einziehen will.

Der aktuelle Besitzer der drei Zinshäuser ist neuen Wohnformen gegenüber aufgeschlossen und erhofft sich Erleichterungen bei der Vermietung.
ZxB - Ralf Aydt

Bis dahin muss allerdings noch viel Wasser die Mur hinunterfließen und vor allem noch viel geklärt werden. Was das Projekt besonders macht: Die Gruppe will nicht in einen Neubau ziehen, sondern drei sanierungsbedürftige Zinshäuser in der Brunn- und in der Zinzendorfgasse in Graz bewohnen, "um nicht den Bodenfraß zu befeuern, sondern das zu nutzen, was bereits da ist". Über einen Freund habe man den Besitzer der Häuser kennengelernt, der neuen Wohnformen gegenüber sehr aufgeschlossen sei.

Außerdem ist die Gruppe auf das Forschungsprojekt "Zinshaus x Baugruppe" (ZxB) gestoßen, das beide Seiten zusammenbringen will. Im Zuge des Projekts sollen innovative Wege gefunden werden, wie Altbauten saniert und erhalten werden können und Menschen, die zusammenwohnen möchten und dafür auch bereit sind, etwas zu investieren, ein Zuhause finden.

Denn häufig, das wissen die Projektverantwortlichen, sei die Sanierung alter Zinshäuser für Privatpersonen finanziell nur schwer zu stemmen. Vielen bleibe nur die Option, sie an Investoren zu verkaufen – vor allem, wenn die Häuser mehreren Familienmitgliedern gehören.

Geplantes Baugruppen-Projekt in Graz, ZplusB
In den drei Zinshäusern, die sich einen Innenhof teilen, gibt es laut Schätzungen Platz für 30 bis 40 Wohnungen.
ZplusB

Wie genau die Umsetzung in Graz stattfinden soll, steht noch in den Sternen. Möglich wäre etwa, dass die Baugruppe sich an den Sanierungskosten beteiligt und dann für einen bestimmten Zeitraum weniger Miete bezahlt. Apropos: Dass die Gruppe als Hauptmieterin auftreten könne und der Eigentümer sich nicht um einzelne Mietverträge oder Nachmieterinnen kümmern müsse, sei ein weiterer Vorteil für den Zinshausbesitzer.

Zwölf Interessierte

In der Baugruppe, die zunächst nur aus Auer-Scherlin und einer Freundin bestand, haben sich nach einem ersten Infoabend rund zwölf Menschen zusammengefunden. Begleitet von ZxB wird nun die konkrete Planung angegangen. Etwa 30 bis 40 Wohnungen hätten in den Häusern Platz. Für Mitte Juni ist ein Visionswochenende mit allen Beteiligten angesetzt. Die Teilnahme an der Baugruppe wolle man auch jenen Mietern anbieten, die aktuell noch in den Häusern wohnen, deren Mietverträge allerdings aufgrund des Sanierungsbedarfs nur befristet sind.

zplusB Baugruppe Graz
Bei einem Infoabend in Graz kamen viele Interessierte. Das grüne Gebäude links im Bild ist eines der drei Häuser, die Teil des Projekts sein werden.
ZxB - Ralf Aydt

Eine besondere Herausforderung ist hier laut Auer-Scherlin der Denkmalschutz. Bei allen drei Gebäuden gebe es unterschiedliche Vorgaben, "und viele in der Stadt reden mit". Im besten Fall, so wünscht sie sich, komme am Ende ein Wohnprojekt heraus, mit Gemeinschaftsflächen, einem Veranstaltungsraum, großen Grünflächen im Hof und vielleicht sogar Coworking- oder Gewerbeflächen.

Am stärksten hofft die Gruppe allerdings auf eine gelebte Gemeinschaft. "Alle können profitieren, wenn man Ressourcen teilt", sagt Auer-Scherlin und meint damit nicht nur die Bohrmaschine, die fünf Nachbarn gemeinsam nutzen und nicht jede für sich anschaffen muss, sondern auch geballtes Wissen oder Kapazitäten bei der Kinderbetreuung. Vor allem Familien seien heute durch ihr "Inseldasein" und fehlende Unterstützung oft sehr gefordert, ebenso wie ältere Menschen, die häufig einsam seien und sich eine Gemeinschaft wünschten. Klingt nach perfekten Synergien. (Bernadette Redl, 10.5.2024)