Wien – Für den Journalismus ist die Klimakrise Herausforderung und Chance zugleich, sagt Wolfgang Blau. Der langjährige Medienmanager und Mitgründer des Oxford Climate Journalism Network spricht am Dienstag in Wien über den Weg, wie Medien die Klimakrise thematisieren können, ohne das Publikum zu überfordern und in puren Alarmismus zu verfallen. Blau ist der erste Vortragende der Hugo-Portisch-Lectures an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Medienmanager Wolfgang Blau
Medienmanager Wolfgang Blau: "Klima ist kein Einzelthema mehr, sondern eine Dimension jedes anderen Themas."
IMAGO/Panama Pictures

STANDARD: Die Berichterstattung über die Klimakrise wirkt oft düster. Wie können Journalistinnen und Journalisten das Thema vermitteln, ohne dass die Zuseherinnen oder Leser verzweifeln? Braucht es mehr positive Ansätze, um das Thema aufs Tapet zu bringen und in den Köpfen des Publikums zu verankern?

Blau: Es ist ja menschlich, dass wir uns lieber mit Herausforderungen beschäftigen, zu denen es auch schon Lösungsvorschläge gibt. Niemand mag das Gefühl der Hilflosigkeit. Und zur Klimakrise gibt es ja nicht nur Lösungsvorschläge, sondern auch wirkliche Fortschritte zu vermelden, etwa in der Energiewirtschaft, aber auch in vielen anderen emissionsintensiven Sektoren. Der Ausbau erneuerbarer Energien geht jetzt mit einer solchen Geschwindigkeit voran, dass er im letzten Jahr schon für zehn Prozent des weltweiten Wirtschaftswachstums verantwortlich war. Um dem Phänomen der Nachrichtenvermeidung im Klimajournalismus zu begegnen, sind dann vor allem zwei Dinge hilfreich: die Erwähnung von Erfolgen sowie der Ansatz, die Klimafrage nicht mehr nur in den Ressorts Wissen, Politik und Wirtschaft – oder bei extremen Wetterereignissen als Breaking News – zu bearbeiten, sondern genauso auch in allen anderen Ressorts. Schließlich gibt es keinen einzigen Bereich unseres Lebens, der von der Klimafrage unberührt bleiben würde.

STANDARD: Haben Sie Beispiele dafür?

Blau: Nehmen wir die Berichterstattung zum Immobilien- und Wohnungsmarkt: Wir sehen zurzeit, dass es deutlich teurer wird, ein Haus gegen extreme Wetterereignisse zu versichern. Aus einzelnen Regionen Kaliforniens und Floridas haben sich die Gebäudeversicherer schon komplett zurückgezogen, was sich dann auf die Immobilienpreise auswirkt und soziale Fragen aufwirft. Klima wird damit zu einem Kernthema im Immobilienressort. Im Immobilienjournalismus sehen wir aber auch viele Lösungsansätze, etwa die vielen neuen Methoden, CO2-armen oder sogar CO2-neutralen Zement zu produzieren, oder Geschichten über die wachsende strategische Bedeutung des Bauens mit Holz oder über neue Technologien, um Häuser klimafreundlicher zu heizen oder zu kühlen.

"Die Modebranche ist ein weiterer Bereich, dessen oft unterschätzte Rolle in der Erderwärmung zunehmend Thema wird."

STANDARD: Und in anderen Ressorts?

Blau: Auch in den Ressorts Ernährung, Gesundheit und Mode können Sie eine stete Zunahme von Geschichten beobachten, in denen die Frage nach der Reduktion von Treibhausgasen eine Rolle spielt. Die Modebranche ist ein weiterer Bereich, dessen oft unterschätzte Rolle in der Erderwärmung zunehmend Thema wird. Die Financial Times hatte kürzlich auch eine Weinbeilage, in der fast jede Weinbesprechung noch erwähnte, wie die Erderwärmung bereits die Standorthäufigkeit der jeweiligen Weinsorte verändert hat. Klima ist kein Einzelthema mehr, sondern eine Dimension jedes anderen Themas. Meine Vermutung ist deshalb, dass das Wort "Klimajournalismus" seine heutige Bedeutung verlieren wird, weil die Erwähnung der Klimadimension in den meisten Themenfeldern so selbstverständlich wird. Zu den sechs W-Fragen des Nachrichtenjournalismus, wer wo was wann warum und wie, gesellt sich dann noch die K-Frage nach der Klimarelevanz eines Themas.

STANDARD: Im Jahr 2021 haben Sie in einem Interview mit dem STANDARD gesagt, dass der Klimawandel die größte Herausforderung ist, mit der der Journalismus jemals konfrontiert war. Hat sich an Ihrem Befund in der Zwischenzeit etwas geändert bzw. haben Medien diese Herausforderung angenommen?

Blau: Viele Nachrichtenmedien habe ihre Berichterstattung zur Erderwärmung deutlich ausgebaut. Was aber noch weitgehend zu fehlen scheint, ist ein größeres Bewusstsein für zwei Tatsachen: wie wenige Jahre uns noch bleiben, um auch eine Erderwärmung von mehr als zwei Grad Celsius zu verhindern; und wie dramatisch – in der Fachsprache nonlinear – die negativen Auswirkungen der Erderwärmung zunehmen werden, wenn sich unsere erdnahe Atmosphäre nicht nur um 1,5 Grad, sondern um zwei Grad oder mehr erwärmt. Derzeit steuern wir noch auf eine Erwärmung um 2,7 Grad zu. Die Idee, sich an die Effekte einer solchen Erwärmung noch ohne gesellschaftliches und wirtschaftliches Chaos und ohne großes menschliches Leid anpassen zu können, ist verführerisch aber leider unrealistisch. Was also weitgehend fehlt, ist das Verständnis für die Dringlichkeit und den Zeitdruck, unter dem wir jetzt stehen.

STANDARD: Haben Medien den Ernst der Lage erkannt und bekommt die Berichterstattung in den Redaktionen über das Klima jetzt die Aufmerksamkeit, die angesichts der Dramatik angemessen ist?

Blau: Nein, leider nicht. Die historisch ja nie da gewesene Aufgabe, unsere Gesellschaften auf einen grundlegenden Umbau unserer Wirtschaft in kürzester Zeit vorzubereiten, kann auch nicht vom Journalismus alleine erbracht werden. Auch kulturelle Institutionen - Theater, Museen, Universitäten, der Filmsektor und selbst Konsumgüterhersteller mit ihren oft riesigen Social-Media-Accounts könnten und sollten hier eine größere Rolle spielen. Erfreulicherweise gibt es auch eine ganze Reihe neuer Arbeitsgruppen in der Filmwirtschaft und der Computerspieleindustrie, die sich mit der praktischen Frage beschäftigen, wie der Erderwärmung und den dazu verfügbaren Lösungen mehr Prominenz in Spielfilmen und Games verschafft werden kann.

STANDARD: Immer öfter ist vom "menschengemachten" Klimawandel die Rede. Finden Sie diesen Zusatz gut?

Blau: Ja, ich finde den Zusatz derzeit noch sinnvoll. Auch wenn die überragende Mehrheit der Bevölkerung der Klimawissenschaft vertraut, gibt es immer noch einen Bodensatz von Klimaleugnern, der aber selbst in den USA seit zehn Jahren nicht mehr über 11 Prozent der Bevölkerung herauskommt. Die Art des Leugnens hat sich aber verändert.

STANDARD: Inwiefern?

Blau: Statt die Existenz des Klimawandels selbst zu leugnen, wird nun häufiger behauptet, der Klimawandel finde zwar statt, werde aber nicht durch von Menschen gemachte Treibhausgasemissionen erzeugt. Oder es wird behauptet, es sei leider schon viel zu spät, um noch etwas gegen den von Menschen verursachten Klimawandel zu unternehmen. Alle drei Muster haben dasselbe positive Ergebnis für die Öl- und Gasindustrie, im Wesentlichen so weiter wirtschaften zu können wie bisher. Die Formulierung "menschengemachter Klimawandel" adressiert aber nur die ersten beiden Formen der Klimaleugnung, wonach der Klimawandel entweder nicht existiere, oder nicht durch Menschen verursacht und damit nicht auch von Menschen wieder gestoppt werden könne. Die inzwischen häufigste und wirksamste Form des Widerstands gegen Klimaschutz kommt in subtilerer Form daher: sie bestätigt die Tatsache des menschengemachten Klimawandels, zieht dann aber sämtliche bereits verfügbaren Alternativen zur fossilen Energiewirtschaft in Zweifel, um so die Energiewende zu verschleppen.

"Niemand gibt so eine Machtstellung auf, ohne erbitterte Kämpfe zu führen."

STANDARD: Der Gegenwind, den Klimaexpertinnen oder Meteorologen ernten, ist nach wie vor enorm. Spüren Sie das auch am eigenen Leibe?

Blau: Es handelt sich hier um eine Branche, die noch bis vor wenigen Jahren die finanziell wertvollsten Unternehmen der Welt hatte. Nach Berechnungen des International Monetary Fund wird die fossile Energiewirtschaft noch immer mit umgerechnet zwölf Million Euro pro Minute subventioniert. Niemand gibt so eine Machtstellung auf, ohne erbitterte Kämpfe zu führen. Und natürlich gehören dazu auch Desinformationskampagnen auf Social Media und gegen Journalistinnen und Journalisten. Der US-Senat hat erst Ende April einen eigenen Bericht zu den Desinformationskampagnen einiger großer Ölkonzerne vorgelegt, der lesenswert ist. Persönlich kümmern mich diese Angriffe aber weniger als die Frage, wie wir unsere Lebensfähigkeit auf der Erde und unsere Demokratien erhalten können. Wir sind hier ja noch privilegiert. Schon jetzt sind Menschen in vielen Regionen Afrikas und Asiens sehr viel schlechter ausgerüstet als wir, um extremen Hitzewellen standzuhalten.

STANDARD: In immer mehr Redaktionen gibt es eigene Klima- oder Umweltressorts. Ist das der richtige Weg für Redaktionen, oder ist es angesichts der Querschnittsmaterie notwendig, dass sich vom Chefredakteur oder der Chefredakteurin abwärts alle mit dem Thema befassen?

Blau: Es gibt grob gesagt zwei Fragestellungen, um sich der Klimafrage journalistisch zu nähern. Erstens: Wie reduzieren wir unsere Treibhausgasemissionen bis 2030 um die Hälfte und dann bis 2050 auf null, um damit die Erderwärmung zumindest noch auf unter zwei Grad zu halten, idealerweise auf maximal 1,5 Grad? Und zweitens: Wie passen wir unsere Städte und Landwirtschaft an die bereits eintretende Erderwärmung an, damit wir klimabedingte extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen, Dürrephasen und Starkregen sowie auch den zukünftigen Meeresspiegelanstieg besser verkraften können? Diese zwei Fragen – in der Fachwelt "Mitigation" und "Adaptation" genannt – können Sie dann durch alle Sektoren einer Nachrichtenredaktion deklinieren und in Geschichten übersetzen, bis hin zum Sportressort.

Ein zentrales Klima- oder Umweltressort ist da zwar eine gute Sache, es birgt aber auch die Gefahr, dass die anderen Ressorts einer Nachrichtenredaktion sich nicht mehr für die Klimaaspekte in ihren eigenen Geschichten verantwortlich fühlen. Die Redaktionen von Bloomberg News und Financial Times haben beispielsweise weltweit führende Klimaressorts. Und gleichzeitig publizieren diese Titel regelmäßig Texte in Wirtschaft und Politik, bei denen selbst die offensichtlichsten Klimaaspekte fehlen, auch solche Aspekte, die aus Investorensicht eigentlich zentral gewesen wären. Es ist das alte Problem der sogenannten Silos in Redaktionen. Mehr Klimakompetenz in den Chefredaktionen ist deshalb ein wichtiger Schritt und auch ein Grund, weshalb das Oxford Climate Journalism Network regelmäßig Workshops mit Redaktionsmanagern veranstaltet.

STANDARD: Welche Rolle können oder müssen öffentliche-rechtliche Medien wie der ORF spielen, um über die Gefahren des Klimawandels zu informieren?

Blau: In vielen Ländern Europas genießen die Öffentlich-Rechtlichen vergleichsweise großes Vertrauen und erreichen auch breite Schichten der Bevölkerung. Die Klimakrise wird zunehmend zu einer Gerechtigkeitskrise und wird damit auch unsere Demokratien auf die Probe stellen. Die Fähigkeit und Aufgabe der Öffentlich-Rechtlichen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, gewinnt in diesem Kontext noch einmal neue Bedeutung. Hinzu kommen die vergleichsweise gute finanzielle Ausstattung der öffentlich-rechtlichen Redaktionen und die große Bedeutung der Mediengattungen Film und TV in der Klimakommunikation, die beide für ein starkes Engagement der Öffentlich-Rechtlichen in der Klimafrage sprechen.

"Journalistisch rate ich, keine Energie auf diese Akteure zu verschwenden."

STANDARD: In Österreich gibt es nach wie vor Parteien oder Medien wie Servus TV, wo sich etwa der Senderchef Ferdinand Wegscheider beinahe jede Woche über die "Klimahysterie" lustig macht und die Krise zu relativieren versucht.

Blau: Ja, das ist ein bekanntes Phänomen. Journalistisch rate ich aber, keine Energie auf diese Akteure zu verschwenden. Das ist ein bisschen wie mit dem Management von Nutzerkommentaren im Onlinejournalismus oder auf Social Media: Don't feed the trolls. Es ist sehr viel wichtiger, sich um die überragende Mehrheit der Bevölkerung und Mediennutzer zu kümmern, denen die Dringlichkeit der Klimakrise sehr bewusst ist, die aber viel zu wenig über verfügbare Lösungsansätze und Technologien informiert werden und auch zu wenig darüber erfahren, wie viele gute, erfolgreiche und Hoffnung stiftende Dinge bereits unternommen werden, sei es von Unternehmen, aber auch in der Energiewirtschaft, von Regierungen oder in der Zivilgesellschaft.

STANDARD: Welchen Begriff verwenden Sie? Klimakrise? Klimawandel? Klimakatastrophe?

Blau: Es gehört zur Phänomenologie der von uns verursachten Erderwärmung, dass sie unsere Vorstellungskraft oft übersteigt. Zum ersten Mal seit Beginn unserer Sesshaftwerdung und Zivilisation vor etwa 11.000 Jahren leben wir nicht mehr in dem stabilen Klima, das unsere Entwicklung so begünstigt hat. Kein Wunder also, dass uns dafür dann die Worte fehlen oder dass alle derzeit geläufigen Begriffe ungenügend sind: Eine "Krise" hat einen Anfang und ein Ende, sonst wäre es keine Krise. Derzeit ist aber nicht absehbar, wann wir jemals wieder in die stabile Klimazone zurückkehren werden, die wir nun mit einer Erwärmung von etwa 1,4 Grad verlassen haben. "Klimawandel" ist eher verharmlosend. "Wandel", vor allem von etwas so grundlegendem wie dem Klima, müsste sehr viel langsamer vonstattengehen als alles, was wir gerade an Extremen erleben. "Klimakatastrophe" ist da etwas genauer, wird sich als Begriff aber verbrauchen. Ist eine Katastrophe, in der man ein gesamtes langes Menschenleben verbringt, noch eine Katastrophe, oder ist das etwas, wofür wir noch einen neuen Begriff brauchen?

STANDARD: Welcher könnte das sein?

Blau: Mangels einer präziseren Formulierung verwende ich all diese Begriffe abwechselnd und spreche manchmal auch von der "Klimafrage". Ähnlich wie die "soziale Frage" des frühen Industriezeitalters in Europa ist die Klimafrage nun die zentrale Frage, um die sich auch die politische Sphäre neu organisieren wird. Das alte politische Koordinatensystem von links und rechts führt in der heutigen Parteienlandschaft und dem programmatischen Potpourri vieler populistischer Parteien bereits zu weniger eindeutigen Zuordnungen als die klare Frage, wie schnell oder wie langsam eine Partei oder ein Politiker die Energiewende und den klimaneutralen Umbau unserer Industrien angehen will.

Das Klima steht damit nicht mehr an der Peripherie der Wahlkämpfe. Wählerinnen und Wähler in Europa sagen, dass die Klimakrise gleich an zweiter Stelle ihrer Sorgen steht, hinter der Jobsicherheit. Eine neue Umfrage des Delors Center unter 15.000 Menschen in Frankreich, Polen und Deutschland ergab, dass die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler eine ambitionierte Klimapolitik fordert. Auch im US-Präsidentschaftswahlkampf spielen Antworten auf die Klimafrage und die Wahl der richtigen Energiepolitik eine ganz zentrale Rolle. Das geht so weit, dass im Silicon Valley wieder von einer "New Economy" die Rede ist, wie einst zu Beginn der Digitalisierung. Dieses Mal ist das aber nicht die "Digital Economy", sondern die "New Climate Economy". (Oliver Mark, 13.5.2024)