Übergewichtige Frau mit blonden Haaren im Bikini am Strand, sie hat einen Strohhut in der Hand 
Nicht alle freuen sich auf die Badesaison. Gerade im Sommer werden Adipositas-Betroffene besonders stark stigmatisiert.
Getty Images/Javi Sanz

Mit dem Sommer beginnt für Alina* eine Saison der Ausreden. Samstagnachmittag ins Freibad? Leider, da ist zeitgleich eine Familienfeier. Dienstags Afterwork am See? Schade, dienstags ist es immer besonders stressig in der Arbeit, das geht sich nicht aus. Heute Abend spontan Strandbar? Die Wohnung sieht so übel aus, da gehört dringend wieder einmal geputzt. Wenn andere freudig Sommerpläne schmieden, zieht sich bei Alina alles zusammen – und sie muss kreativ werden.

Warum macht sie das? Hat sie wirklich keine Zeit? Keine Lust? "Die Betroffenen kennen eigentlich die Antwort. Sie möchten gerne, können aber nicht", sagt Simone Parzer. Als klinische Psychologin und psychologische Adipositas-Trainerin kennt sie Leiden wie jene von Alina zuhauf. Viele ihrer Klientinnen und Klienten gehen schon seit Jahren in kein Freibad mehr. "Sie ziehen sich im Sommer komplett zurück", berichtet sie.

"Ich höre die Kommentare"

Lange war der Sommer Alinas liebste Jahreszeit, seit ein paar Jahren – seit sie fast 40 Kilo mehr wiegt als früher – ist er für sie zur schlimmsten geworden. Denn mit der Depression vor neun Jahren veränderte sich auch ihr Körper und damit auch die Art und Weise, wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Anders als Menschen, die schon in der Kindheit dick waren, kennt sie auch ein Leben als dünner Mensch und die Unterschiede zwischen diesen Lebensrealitäten. "Ich spüre die abwertenden Blicke. Und ich höre es, wenn im Freibad eine Person zur anderen sagt 'Schau mal, die Dicke da drüben!'", erzählt sie.

Wenn sie sich dann doch in seltenen Fällen überwindet und mit zum Schwimmen geht, dann nur bis an den Poolrand. "Ich habe dann zum Beispiel manchmal gesagt, dass mir etwas zu frisch ist zum Baden, obwohl es fast 30 Grad hatte und alle anderen froh waren über die Abkühlung im Pool."

Gerade im Sommer werden dicke Menschen besonders häufig stigmatisiert, das zeigen zahlreiche Erhebungen und berichten Fachleute wie Parzer aus der Praxis: "Das Übergewicht schränkt Betroffene dann derartig ein, dass es für sie schwierig wird, am sozialen Leben teilzunehmen."

Selbst schuld?

Dieser Rückzug macht auf Dauer depressiv, sagt Parzer. Und das kann wiederum zu einem Teufelskreis führen. "Durch die depressiven Gedanken wird für ein Glücksgefühl wieder zum Essen gegriffen. Denn wer allein zu Hause sitzt, während alle anderen baden, sucht oft im Kühlschrank nach Trost", berichtet sie. Und später kommt das schlechte Gewissen, weil man schon wieder etwas gegessen hat – und die Selbstbestrafung.

Dabei geht es auch stark um Versagensgefühle, nach dem Motto: Andere können doch auch einfach abnehmen, warum ich nicht? Sind diese Versagensgefühle erst einmal da, wird das Abnehmen immer schwieriger, um etwas zu verändern, weiß Parzer. Daher gehe es in der Therapie erst einmal darum, die Schuldgefühle zu reduzieren. "Betroffene sollen nicht glauben, alles sei ihre Schuld. Aber genauso sollen sie nicht in eine Opferhaltung kommen und glauben, sie seien der Situation hilflos ausgeliefert. Da muss man das Mittelmaß finden", sagt sie.

In einem ersten Schritt wäre es für Betroffene wichtig, über ihre Gefühle zu sprechen. Aber vielen fehlt die Ansprechperson, sagt Parzer: "Die meisten reden bei mir in der Therapie darüber, aber ganz selten mit ihren Nahestehenden. Das lässt sie mit den Gedanken allein."

Vermeintliche Makel

Längerfristig müsse man daran arbeiten, den Selbstwert vom Aussehen zu lösen. Das sei vor allem für Jugendliche, die viel Zeit auf sozialen Medien verbringen, eine Herausforderung. "Aber es geht!", sagt die Expertin. In den Therapieeinheiten versucht sie ihren Klientinnen und Klienten ein möglichst ganzheitliches Selbstbild zu vermitteln: Aus welchen Facetten – außer der Optik – besteht man noch?

"Meine Erfahrung ist, dass für viele Betroffene gar nicht das Abnehmen im Vordergrund steht. Die meisten, egal ob Jugendlicher oder Erwachsener, wollen fühlen, dass sie so, wie sie sind, in Ordnung sind", erzählt Parzer. Aber in einer Welt, die einem ständig die vermeintlichen Makel vor Augen führt, ist das gar nicht so einfach, findet Alina. Man kann dem Schönheitsdruck kaum entkommen: "Gerade im Frühjahr reden alle von Beach-Bodys, Fitnessketten suggerieren mit ihren Kampagnen, dass der Körper noch einiges an Training braucht, bevor ich mich damit im luftigen Sommeroutfit blicken lassen kann."

Gefühle kommunizieren

Ziehen sich übergewichtige Menschen aus dem Sozialleben zurück, hat das zudem nicht nur individuelle Konsequenzen, sondern auch gesellschaftliche, findet Alina: "Rund die Hälfte aller Erwachsenen sei übergewichtig, heißt es. Aber ich sehe sie nicht!"

Nun sei es freilich nicht die Verpflichtung von Dicken, sich der Stigmatisierung auszusetzen und für Sichtbarkeit zu sorgen. Aber je mehr dicke Menschen öffentliche Räume einnehmen, desto heilsamer wird es für alle anderen, glaubt sie. Zumindest spricht sie dabei aus eigener Erfahrung: "Wenn ich im Freibad möglichst viele unterschiedliche Körperformen sehe, hilft mir das, dem Optimierungszwang zu trotzen."

Parzer sieht das ähnlich – und ermutigt Betroffene für die kommende Badesaison. "Vielleicht gibt es Tageszeiten oder Orte, an denen weniger los ist und man sich vielleicht einmal ins Freibad trauen kann?" Und wenn nicht, sollte man, anstatt Ausreden zu formulieren, lieber seinen Engsten offen und ehrlich kommunizieren, wie es einem geht: "Ich fühle mich in öffentlichen Bädern einfach noch nicht wohl." (Magdalena Pötsch, 14.5.2024)

Video: Fatshaming: Gesund muss nicht unbedingt dünn bedeuten.
DER STANDARD