Sturm Graz bei der Tellerübergabe.
Meister.
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Dass Sturm Graz nach dem 2:0 gegen Austria Klagenfurt die Meisterschale heben durfte, wäre vor vier Jahren undenkbar gewesen. Im Mai 2020 wurde Andreas Schicker vom Chefscout zum Geschäftsführer Sport befördert, er sollte die wechselhaften, bisweilen orientierungslosen Jahre des Klubs beenden. Gemeinsam mit Trainer Christian Ilzer hat er sich in Graz längst Heldenstatus erarbeitet: Schicker baute trotz struktureller und finanzieller Nachteile eine Meistermannschaft – und nimmt diese für den STANDARD unter die Lupe. Gewählt wurde für jede Position des ilzerschen 4-4-2 mit Raute der Spieler, der in der laufenden Saison die meisten Einsatzminuten bekam. Bemerkenswert dabei: Nur für einen dieser Spieler zahlte Sturm eine siebenstellige Ablöse.

TORWART: Kjell Scherpen

Sturms von Brighton geliehener Rückhalt spielte in der Herbstsaison monatelang mit Kreuzbandriss. "Ich habe da größten Respekt vor Kjell, das ist ein Wahnsinn gewesen. Der hat aufgrund seiner 2,06 Meter einen anderen Hebel." Sturm verlängert Scherpens Leihe für die kommende Saison, auch sein Vorgänger Arthur Okonkwo sowie der im Winter geholte Ersatzmann Vitezslav Jaros waren Leihspieler aus der Premier League. Schicker: "Wir kriegen da Qualität, die für uns sonst nicht leistbar ist." Für den Sportchef seien Scherpen und Jaros "die Besten in der Liga."

LINKER VERTEIDIGER: David Schnegg

Schnegg kam im Sommer 2022 aus Venedig. "Defensiv, was das Viererkettenspiel betrifft, hat er in Italien viel dazugelernt", sagt Schicker. Der Tiroler matchte sich lange mit Amadou Dante um den Stammplatz links in der Abwehr. "Das erste Jahr hat er gebraucht, um die Spielidee kennenzulernen. Er ist raumgreifend, spielt gute und schnelle Bälle in den Strafraum. Ein sehr geradliniger Spieler."

INNENVERTEIDIGER: David Affengruber

"Affi" kam im Sommer 2021 für 400.000 Euro von Salzburg. "Er hat für sein Alter Führungsspielerqualitäten, ein guter Zweikämpfer und Kopfballspieler und unheimlich willensstark." Im Salzburger Nachwuchs stand er laut Schicker quasi jedes Jahr vor der Aussortierung, kämpfte sich aber wieder und wieder durch. "Wenn ein Fehler passiert, ist er im Kopf schnell wieder bereit."

INNENVERTEIDIGER: Gregory Wüthrich

Der Abwehrchef kam 2020 in Schickers erstem Transfersommer ablösefrei von Perth Glory, "ein absoluter Glücksgriff". Schicker hatte den Schweizer als Scout schon lange auf der Liste, bei Young Boys Bern war er dreimal Meister. "Dort hat er sich aber in einer wichtigen Phase verletzt und die Champions League verpasst." Schicker und Ilzer sprachen viel mit Adi Hütter, einem seiner Trainer bei YB, und waren trotz einer durchwachsenen Saison in Australien vom Potenzial des Innenverteidigers überzeugt. "Es sind nicht alle aus der medizinischen Abteilung in die Luft gesprungen. Wir haben es durchgezogen, und ich bin sehr froh, dass wir Gregory bei uns haben." Im Sommer stand Wüthrich vor dem Wechsel zu Augsburg, dort fiel er durch den Medizincheck.

Gregory Wüthrich jubelt nach dem 1:0.
Gregory Wüthrich sorgte am Pfingstsonntag für Sturms Erlösung.
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RECHTSVERTEIDIGER: Jusuf Gazibegovic

In der Meistersaison einer der stärksten Sturm-Kicker. Kam 2020 von Liefering, weil er als Ersatzmann sowohl die Links- als auch Rechtsverteidigerposition abdeckte, und wurde konstant besser. "Er ist in der Kabine wichtig, weil er Lockerheit mitbringt", sagt Schicker. Nicht auszuschließen, dass er ein unwiderstehliches Angebot bekommt. "Sollte es so sein, haben wir mit Max Johnston einen sehr interessanten Spieler dahinter. Aber Gazi ist ein essenzieller Spieler."

LINKES MITTELFELD: Alexander Prass

Sein Wechsel zu Lorient platzte vergangenen Sommer in letzter Minute. Wie bringt man das einem jungen Wechselwilligen bei? "Indem man sehr transparent ist, ihn in alle Entscheidungen einbindet und ihm auch den Emailverkehr gezeigt hat", sagt Schicker. Nach einem durchwachsenen Saisonstart fand Prass zu alter Form. "Speziell in der Meistergruppe hat er geliefert, physisch ist er eine Maschine." Zahlungskräftige Interessenten dürften sich auch diesen Sommer finden. "Wenn etwas Passendes kommt, ist es Thema. Er ist ein Spieler, wo ich das Gefühl habe, dass das für den nächsten Schritt passen kann.

ZENTRALES DEFENSIVES MITTELFELD: Jon Gorenc Stankovic

Schicker lotste Stankovic noch vor Beginn seiner ersten Transferphase 2020 ablösefrei nach Graz. Wie man einen Premier-League-Spieler überzeugt, dass er nach Österreich wechselt? "Ich habe ihm glaubwürdig die Idee vermittelt. Wir waren sehr eng in Kontakt, und als ich gemerkt habe, dass es in der Meistergruppe eng wird (mit den Europacup-Plätzen, Anm.), haben wir es schnell finalisiert." Der 28-Jährige ist seit seiner Ankunft einer der unumstrittenen Anführer der Mannschaft, für Sturm hat er insgesamt 163 Pflichtspiele absolviert. Schicker: "Ich habe in vier Jahren noch nie ein Thema mit ihm gehabt."

Jon Gorenc Stankovic ist ein Fixpunkt in Sturms Mittelfeld.
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RECHTES MITTELFELD: Tomi Horvat

Kam 2022 für etwa eine halbe Million Euro von seinem Stammklub. "Er ist uns im Europa-League-Playoff gegen NS Mura sehr positiv aufgefallen, wir haben ihn dann sehr oft beobachtet. Er hat ein bisschen gebraucht, um die Intensität unserer Liga kennenzulernen, aber ich war mir sicher, dass er mit dem Ball ein Ausnahmespieler ist", sagt Schicker. "Er ist ein unglaublich guter Charakter. Letztes Jahr macht er das Tor im Cup-Halbfinale und ist im Finale auf der Bank. Er hat sich da voll in den Dienst der Mannschaft gestellt." Ist längst zum Stammspieler geworden.

ZENTRALES OFFENSIVES MITTELFELD: Otar Kiteishvili

Der Liebling der Sturm-Fans ist neben Stefan Hierländer und Niklas Geyrhofer einer von drei Spielern, die schon bei Schickers Machtübernahme im Kader waren. "Als er kam, war ich noch Scout und habe mit ihm auch Individualtraining gemacht. Da habe ich eine besondere Beziehung aufgebaut." Kiteishvili hatte oft mit Verletzungen zu kämpfen, der "georgische Messi" glänzt in fitten Phasen aber verlässlich mit Genieblitzen. Schicker vergleicht seinen Typ mit Stankovic und Wüthrich: "Wenn er was sagt, hat das Wort enormes Gewicht."

STÜRMER: William Böving

Der unermüdliche Däne kam wie zuvor Rasmus Höjlund vom FC Kopenhagen, mit 2,2 Millionen Euro war er der teuerste Sturm-Transfer der Meister-Stammelf. "Er ist ein absoluter Teamplayer, was die Arbeit gegen den Ball angeht", sagt Schicker. In der Liga ist seine Ausbeute mit zwei Toren ausbaufähig, im Europacup verdiente er sich mit drei Goals den Spitznamen Euro-Willi. "Vor dem Lille-Spiel haben wir uns die Europacup-Highlights angeschaut, gefühlt war das ein Willi-Böving-Highlightvideo. Da hat er richtig genetzt."

William Böving war in der Bundesliga eher keine Tormaschine, seine Wichtigkeit ist dennoch nicht zu unterschätzen.
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STÜRMER: Mika Biereth

Der Däne wurde wegen Seedy Jattas Verletzungsserie im Winter von Arsenal ausgeliehen. "Er ist ein unheimlich schlitzohriger Spieler, der dem Gegner wehtun kann", sagt Schicker. "Er hat richtig eingeschlagen." In 20 Spielen für Sturm hat Biereth neunmal genetzt, darunter dreimal in der K.o.-Phase der Conference League. In der Liga war zuletzt eher Flaute, seit dem 17. März gelang Biereth nur das von Rapid-Goalie Niklas Hedl großzügig aufgelegte Tor beim 1:0 in Graz. Kaufoption auf den 21-jährigen Angreifer hat Sturm keine.

ERSATZMANN: Stefan Hierländer

Da jede auf elf Mann beschränkte Aufzählung einer Meistermannschaft nur unvollständig sein kann (honorary mentions: Dimitri Lavalee, Manprit Sarkaria, Viteszlav Jaros), darf sich Schicker einen weiteren Akteur aussuchen, über den er sprechen möchte. Nach kurzem Überlegen fällt die Entscheidung auf Stefan Hierländer, der seit 2016 für Sturm kickt. "Auch wenn er nur ca. 1400 Minuten gespielt hat, ist er der Kapitän der Mannschaft. Er würde gerne mehr spielen, nimmt die Rolle aber unheimlich teamdenkend an. Das weiß ich zu schätzen." (Martin Schauhuber, 21.5.2024)