Im letzten Kriegsjahr nahmen in Wien um die 400.000 Menschen das Angebot von Massenausspeisungen verschiedener privater Vereine, staatlicher Einrichtungen und Unternehmen in Anspruch. Aber auch nach Kriegsende wurden die Dienste von Gemeinschaftsküchen, die sich dezidiert an den Mittelstand richteten, benötigt. Die Not war aufgrund der wirtschaftlichen Situation und der Rückkehr der traumatisierten, teils arbeitsunfähigen Soldaten weiterhin groß.

"Seine Majestät, der Magen"

Im Februar 1919 warf die "Österreichische Volkszeitung" einen Blick in eine solche Ausspeisungseinrichtung:

Es ist eine Küche für den Mittelstand, für "Intelligenzler", Akademiker, Professoren, Staatsbeamte, Angehörige künstlerischer und auch kaufmännischer Berufe. Stark besucht auch von ehemaligen Offizieren aller Rangesgrade, viele Goldkragen darunter. Das Hauptkontingent der Besucher stellen die Festbesoldeten. Diese geduldigen Märtyrer, die wirklichen "Durchhalter", auf deren Rücken eigentlich der Krieg geführt wurde. Denn alle anderen Stände haben die ungeheuren Lasten ab- und überwälzt, nur der Festbesoldete wird – als gänzlich Wehrloser – weiter ausgezogen, heute mehr als je, wird von der Szylla des Wuchers in die Charybdis der Preistreiberei gestoßen und sprang, um nicht zu verhungern auf die Rettungsinsel: Gemeinschaftsküche.
(Österreichische Volkszeitung, 26.2.1919: "Bilder aus einer Gemeinschaftsküche")

Die Gemeinschaftsküche der unmittelbaren Nachkriegszeit war kein Ort des Überflusses und der Fröhlichkeit: Vom Krieg zerrüttete bürgerliche Familien würden sich hier finden, schrieb die "Österreichische Volkszeitung" weiter, "Großmutter, Mutter, Vater und Kind, Junggesellen und Mädchen", die "die gleiche fettlose, karge, reizlose Kost" erhielten. Hofräte säßen hier neben Maschinschreiberinnen, junge Advokaten zeigten sich in der Felduniform, um die Zivilkleidung zu schonen. Das Gebotene würde kaum reichen, um den Hunger zu stillen.

Aber insbesondere die jugendlichen "Heimkehrer" würden sich nicht unterkriegen lassen. Hier im "Karotteneldorado" – ein Menü war um drei Kronen erhältlich – diskutierten sie, fest an die Zukunft glaubend, den Ausgang der anstehenden Parlamentswahlen. Alle Parteien seien vertreten, auch junge Republikaner, die nur eine einzige Autorität anerkennen würden: "Seine Majestät, den Magen", den "Jahresregenten und Autokraten des Jahres 1919". Politischer Streit könne an diesen Tischen aber schnell versöhnt werden – nämlich mit einer zweiten Mehlspeisportion, die aber leider selten zu haben war.

Orte der Würde

Trotz dieser trüben Aussichten blieben die Gemeinschaftsküchen Orte der Würde für breite Bevölkerungsschichten, die den finanziellen Boden unter den Füßen verloren hatten:

Denn die wahnsinnigen Preise verbieten ihnen den täglichen Besuch der Gasthäuser. In der Gemeinschaftsküche finden die Besucher stets helle, freundliche, gut durchwärmte Zimmer, weißgedeckte Tische, nette, freundliche Bedienung, keine trinkgeldhungrigen Kellner, die einem mit dem "rechten Auge ins linke Westentaschel schielen".
(Österreichische Volkszeitung, 26. 2. 1919: "Bilder aus einer Gemeinschaftsküche")

Zur quantitativ wichtigsten Betreiberin von Gemeinschaftsküchen entwickelte sich ab 1920 die "Wiener öffentliche Küchenbetriebsgesellschaft" (WÖK), die aus der im Jahr zuvor gegründeten "Vienna Public Feeding GesmbH" hervorgegangen war. Sie hatte den öffentlichen Auftrag, sich um die "Volksausspeisung" für Kinder, bedürftige Erwachsene und Pensionisten zu kümmern. Im Jahr 1930, inmitten der Weltwirtschaftskrise, sollten die Dienstleistungen der WÖK einen Höhepunkt mit täglich neun Millionen ausgegebenen Essensportionen erreichen.

In diesem Sinne setzten auch die von der vor allem als Reformpädagogin, Publizistin und Philanthropin Eugenie Schwarzwald ins Leben gerufene Institutionen ihre Arbeit fort, jedoch ohne die staatlichen Subventionen und Abgabenerleichterungen, die der WÖK und der "Mittelstandsküchen- und Urlaubsheimunternehmen Mittella A.G." zuteilwurden. Der Träger der Schwarzwaldküchen zahlte dieselben Steuern wie "normale" Gaststätten, arbeitete jedoch ohne Gewinnabsicht. 1921 betrieb Schwarzwalds Verein zwölf Küchen, vier Heime – in der Hinterbrühl, in Reichenau, auf dem Wolfsbergkogel und das "Sommerheim Seeblick", ein Erholungsheim für geistige Arbeiter am Grundlsee – sowie eine Gemüsefarm in Wiener Neustadt, die die Versorgung der Küchen sichern sollte.

Sommerheim Seeblick am Grundlsee, Erholungsheim für geistige Arbeiter
Sommerheim Seeblick am Grundlsee, Erholungsheim für geistige Arbeiter.
gemeinfrei - AKON/Österreichische Nationalbibliothek - https://akon.onb.ac.at/#id=AKON_AK063_082

Schwarzwald in Berlin

Während sich die Zustände in der neu entstandenen Republik Österreich etwas besserten, erreichten Eugenie Schwarzwald Hilferufe aus Berlin, dem völlig verarmten Sehnsuchtsort der deutschsprachigen Boheme des Fin de Siècle. Schwarzwald erhörte die Bitten und eröffnete 1923 unter dem Dach einer "Österreichischen Freundeshilfe" eine Gemeinschaftsküche nach Wiener Vorbild. Und dies an einer höchst prominenten Adresse, nämlich in der vormals kaiserlichen Küche des verwaisten Berliner Stadtschlosses. Rund eintausend "Geistesarbeiter" sollten dort versorgt werden.

Gegen alle Widrigkeiten, insbesondere die Hyperinflation, sollte die genossenschaftliche Vorgangsweise die Kosten für eine Mahlzeit von circa vier Milliarden Mark (!) auf 400 Millionen Mark pro Tag senken. Der Andrang war von Beginn an übergroß:

Tausende gehen weinend weg. Die wenigen, die es zahlen können, dünken sich glücklich und geborgen; die übrigen lassen sich meistens nur mit Hilfe der Polizei entfernen, weil sich die Hungernden durch kein Zureden bereden lassen, das Tor der Gaststätte, nach der sie sich sehnen, zu verlassen. Es ist eben wirkliche Hungersnot in Berlin.
(Eugenie Schwarzwald in: Neues Wiener Tagblatt, 28. Oktober 1923: "Ein Hilferuf aus Berlin")

Sozialgastronomie auf Österreichisch

Bald kamen zur Schlossküche eine Ärzteküche im Haus einer Freimaurerloge in der Kurfürstenstraße, eine Küche im Rathaus Berlin-Schöneberg und eine Kantine für Arbeitslose in Berlin Pankow. Außerdem wurden an verschiedenen Berliner Hochschulen Mensen gegründet. Die Berliner Schwarzwaldküchen wurden mit den österreichischen Nationalfarben Rot und Weiß dekoriert.

Die "Österreichische Freundeshilfe" fand dank Schwarzwalds Energie und Kontakten eine Reihe von Förderern. Unter ihnen die Gattin des berühmten austroamerikanischen Violinisten Fritz Kreisler (1875–1962). Sie ermöglichte es völlig mittellosen Künstlern, eine warme Mahlzeit umsonst zu bekommen: "Frau Harriet Kreisler bittet Sie in der Zeit von … bis … in der Schloßküche ihr Gast zu sein" stünde auf der Einladung, berichtete der Brünner "Tagesbote" voller Begeisterung:

Diese Form der Wohltätigkeit ist überaus taktvoll. Man sitzt an weißgedeckten Tischen, auf denen Blumen in Vasen stehen, und die Wiener Damen servieren persönlich mit Anmut und Liebenswürdigkeit, die nicht einen Augenblick das Gefühl aufkommen lässt, als handle es sich um ein Almosen. So revanchieren sich die Wiener für die Hilfe, die man von Deutschland her Wien in seinen schwersten Tagen angedeihen ließ.
(Tagesbote, 13. 11. 1923: "Traurige Berichtigung")

Darüber hinaus richtete Schwarzwalds "Österreichische Freundeshilfe" ein Erholungsheim für geistige Arbeiter im thüringischen Lobenstein ein. Im Kurhaus ohne Kurtaxe und Trinkgeldzwang, ohne Toilettenzwang (im Sinne adäquater Kleidung) und mit Geselligkeit ohne "Valutaprotzerei" sollte doch alles ziemlich wienerisch sein: Wiener Küche, Wiener Serviermädchen, ein Wiener Café, Wiener Musikkapelle und Wiener Geselligkeit.

Als die größte Not und damit auch die Spendenfreudigkeit für die Berliner Schwarzwaldküchen nachließen, fand Schwarzwalds Berliner Episode 1927 ihr Ende. Die Mensen aber blieben weiter bestehen, sie wurden dem neu gegründeten Studentenwerk übergeben. Die Dankbarkeit, die Schwarzwald zum Abschied entgegengebracht wurde, war aufrichtig.

Von der Gemeinschaftsküche zum Reformgasthaus

Als man 1926 in Wien das zehnte Jahr seit der Gründung der Schwarzwaldküchen feierte, hatten sich die als Gemeinschaftsküchen konzipierten Etablissements nach und nach in Reformgasthäuser gewandelt. Die Lebensmittelknappheit hatten nachgelassen, die Wienerin und der Wiener wieder eine höhere Erwartung an die Reichhaltigkeit der ihnen gebotenen Mahlzeiten.

Schwarzwalds Reformgasthäuser blieben aber weiterhin günstig und frei von Alkoholausschank und Trinkgeldzwang. Jedoch wurden an den mittlerweile fünfundzwanzig Adressen nun sechs statt eines Menüs angeboten, preislich gestaffelt nach der Bedürftigkeit der jeweiligen Gäste. Noch während des Kriegs hatte Schwarzwald ihre langfristige Vision ihres Gastronomiekonzepts formuliert. Ihr Reformgasthaus sollte zur Stätte einer "neuartigen Geselligkeit" werden, ein "Faktor zum Abbau der Preise, ein wirksames Mittel im Kampf gegen Luxus, Alkoholismus und Arteriosklerose".

Aufnahme von der Jubiläumsfeier zum zehnten Gründungstag des Vereins für Gemeinschaftsküchen in
Aufnahme von der Jubiläumsfeier zum zehnten Gründungstag des Vereins für Gemeinschaftsküchen in "Das interessante Blatt", 11. November 1926.
ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Die Idee des Reformgasthauses hatte bereits im späten 19. Jahrhundert zunehmend Anhängerinnen und Anhänger gefunden, insbesondere in der Abstinenzlerbewegung und bei Frauenorganisationen. Die Vision war, Gastwirtschaften zu schaffen, deren Geschäftsmodell nicht in erster Linie auf den Verkauf von Alkohol baute – mit allen toxischen "Nebenwirkungen" für Personal, Konsumenten und die Gesellschaft im Allgemeinen.

Eine der Reformgasthaus-Pionierinnen war die Schweizerin Susanna Orelli-Rinderknecht (1845–1939). Ihr "Zürcher Frauenverein für Mäßigkeit und Volkswohl" hatte bereits in den 1890er-Jahren mehrerer Gaststätten ohne Alkoholausschank und Konsumationszwang, dafür mit ordentlichen Arbeitsbedingungen für das Personal gegründet:

Und wie anders die "Kellnerin" hier! Dass sie eine "fesche Erscheinung" und "gute Weinverkäuferin" sei – das wird an diesem Orte nicht verlangt. Ein freundliches Gesicht, flinke, saubere, sorgliche Frauenhände, die werden hier erwartet, und diese "Kellnerinnen" selbst, die verlangen – kein Trinkgeld, aber jene Achtung, die man jeder anständigen Frau schuldet, insbesondere jener, die sich ihr Brot durch ehrliche Arbeit selber verdient. Nicht die Rolle des Schenkmädchens fällt ihnen zu, sondern die der Hausfrau, der Mutter, die ihren von der Arbeit hungrig heimkehrenden Pfleglingen ein freundliches Heim und sorglich zubereitete Nahrung bietet.
(H. B.-W.: Wirtshausreform und Frauenarbeit. In: Frauenbestrebungen, Heft 3, 1909, S. 19.)

Der Erfolg und die Ausstrahlung dieser Einrichtungen, deren Anzahl bis 1904 auf zehn angewachsen sollte, hatte auch Eugenie Schwarzwald inspiriert, als sie ihr Studium in Zürich absolvierte.

Ende und Erbe der Schwarzwaldküchen

Ihrem eigenen Konzept eines gemeinnützigen, aber nach marktwirtschaftlichen Regeln gestalteten Gastro-Unternehmens war mittelfristig jedoch kein Erfolg gegönnt. Schon bei den Dezenniumsfeierlichkeiten im November 1926 zeichnete sich ab, dass der Besuch der Schwarzwaldküchen zwar "gut" sei, aber "noch viel besser" sein könnte – ein Euphemismus: Steigende Betriebskosten und sinkende Spendenbereitschaft trieben den Trägerverein in die Zahlungsunfähigkeit. Man übergab die Betriebe, bevor ein Konkurs notwendig wurde, der Stadt Wien, die sie als Wiener Speisehäuser ("Wispe") noch einige Jahre weiterbetrieb.

Während auch die Milletta A.G. in den Dreißigerjahren Konkurs anmelden musste, sollte es an der WÖK liegen, die Idee des alkoholfreien Reformgasthauswesens und der günstigen Massenverpflegung bis in die neue Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu tragen.

Manche der Orte, an denen Schwarzwaldküchen gegründet worden waren, haben ihren gastronomischen Genius Loci auch ein Jahrhundert später bewahrt: Die Gemeinschaftsküche "Deutsche Wacht" im Schulvereinshaus in der Florianigasse 39 (8. Bezirk) ist heute als Studentenlokal und Jazzkeller "Tunnel" bekannt und beliebt. In der einstigen "Tabakspfeife" in der Jasomirgottstraße 6 (1. Bezirk) wiederum residiert heute eines der ältesten Chinarestaurants der Stadt.

"Fraudoktors" Ruf und Nachruf

Eugenie Schwarzwald hatte sich mit ihrem Tatendrang und ihrer Entschlossenheit weit über die Grenzen Wiens hinaus nicht nur einen exzellenten Ruf als Reformpädagogin und Frauenrechtlerin erworben, sondern sich insbesondere in Krisenzeiten als tatkräftige, innovative und wirkungsvolle Sozialgastronomin erwiesen. Und dies in einer Epoche der alles durchdringenden Maskulinität und des sich allmählich ins Tödliche steigernden Chauvinismus. Es ist daher als Kompliment zu werten, wenn sie von Zeitgenossen wie Karl Kraus, Robert Musil oder Alfred Polgar mitunter als wichtigtuerisch und selbstverliebt karikiert wurde.

Karikatur von Eugenie Schwarzwald
Karikatur von Eugenie Schwarzwald in "Der Morgen. Wiener Montagblatt", 13. Dezember 1926: Ich kann braten, / Kochen, reden, / Kann beraten, / Einen jeden. / Gänschen füttern / Und zu Müttern, / Zu probaten / Sie erzieh'n. / (Unbeschrien!) // Ich kann dichten, / Unterrichten, / Reformieren, / Musizieren, / Jubilieren. / Mich hat gern, oh, / Sowohl Czerno- / Witz als Wien. / (Unbeschrien!)
ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Eine sarkastisch-impulsive Äußerung zum Judentum haftet ihr, die wie ihr Ehemann und viele ihrer Freunde und Schülerinnen selbst jüdisch war, bis heute als Makel an. So schrieb sie 1931 in einem Brief an ihren Freund, den Widerstandskämpfer Hans Deichmann:

Was mich, die ich ehrlich antisemitisch bin, am meisten ärgert, ist die Tatsache, daß ein Jude, auch wenn er kein Talent und keinen Charakter hätte, wohl aber die Fehler und die Schmiegsamkeit seiner Rasse, unbedingt zum Ziel gelangt. Die Judenfrage ist deshalb unlösbar, weil die Gastvölker nur schlechte Juden haben wollen.
(Brief Eugenie Schwarzwalds an Hans Deichmann am 3. November 1931. In: Hans Deichmann: Leben mit provisorischer Genehmigung: Leben, Werk und Exil von Dr. Eugenie Schwarzwald (1872–1940). Berlin 1988, S. 229.)

Ihre Direktheit und Impulsivität schadeten ihrem Nachruhm mehr als ihrem Ruf zu Lebzeiten. Denn selbstverständlich kümmerte sie sich auch um bildungshungrige oder notleidende Menschen jüdischer Herkunft. Aber möglicherweise war "Fraudoktor" begabter darin, Reformschulen zu betreiben, Sozialreportagen zu verfassen oder an der "Lösung der Magenfrage" zu arbeiten, als sich zu identitätspolitischen Themen zu äußern. Die Diskussion über "Knock-out"-Kriterien im Rahmen einer maßvollen und abwägenden Erinnerungs-Kulturpolitik scheint im Moment auf Eis zu liegen – ist aber angesichts aktueller geopolitischer Ereignisse keineswegs beendet.

"Unsere Landsmännin"

Ein Blick auf ihre Herkunft und den ersten wichtigen Ort ihrer Bildungsbiografie, das heute in der Ukraine gelegenen Tscherniwzi/Czernowitz, legt weitere Ambivalenzen offen. Zwar hat Schwarzwald ihre deutsch-jüdische, bildungskleinbürgerliche Prägung am östlichen Rande der Donaumonarchie nicht verleugnet, jedoch die emanzipatorischen Verhältnisse in der "Provinzstadt" offenbar nicht in bester Erinnerung. Nicht einmal beim Namen nennen würde sie die Hauptstadt der Bukowina, beklagt ein offensichtlich unter Pseudonym schreibender Kommentator im Czernowitzer Morgenblatt:

Sie schämt sich offensichtlich bekennen zu müssen, woher sie kam, daß sie eine Ostjüdin aus der Bukowina sei. Sie hat es überhaupt scharf auf ihre Landsleute, denen sie sich, während der ganzen Zeit der Flucht, nicht im Geringsten genähert, während sie ein Herz selbst für die notleidenden Deutschen sofort gefunden.
("Lumo Roma" in: Czernowitzer Morgenblatt, 13.1.1926: "Probleme des Tages")

Solche Vorwürfe, durchaus aus "eigenen Reihen", stellen allerdings eher die Ausnahme dar. In der Regel zeigte man sich in der deutschsprachigen, jüdisch geprägten Presse der Bukowina stolz auf "unsere Landsmännin", die es weit über Österreichs Grenzen hinaus zur anerkannten Persönlichkeit gebracht hat.

Im Rückblick: "Undankbare Arbeit"

Schon im Jahr 1925 veröffentlichte Eugenie Schwarzwald unter dem Titel "Undankbare Arbeit" ein Resümee über Wirken und Wirkung der Schwarzwaldküchen:

Und doch will mir scheinen, die Gemeinschaftsküche hätte ein besseres Schicksal verdient, wenn ich an jenen 13. März 1917 denke, an dem wir nach zweijähriger harter Vorbereitungsarbeit, nach einem Kampf gegen Gedanken-, Gesinnungs- und Phantasielosigkeit endlich in der Lage waren, zum erstenmal die strahlend schönen Räume des "Akazienhofes" jenem Wien zu eröffnen, welches Hunger litt: es waren darunter die besten Herzen und feinsten Köpfe von Wien. Nie vorher hatte ein Restaurant ein solches Publikum vereinigt. Mit Rührung wurde die neue Institution von denen aufgenommen, denen sie galt. Aber da bekanntlich immer der alles am besten weiß, der nicht dabei war, gab es damals auch schon Gegner der Gemeinschaftsküche. Gegner ist in Wien überhaupt jeder sehr gern. Wenn eine politische Partei in der Lage wäre, sich auf dieser Grundlage zu konstituieren, so hätte sie einen ungeheuren Zulauf.
(Eugenie Schwarzwald in: Neue Freie Presse, 15. März 1925: "Undankbare Arbeit")

Tod im Exil

Schwarzwald konnte auch in der Phase der christlich-sozialen Diktatur wirken, insbesondere als Feuilletonistin zu Emanzipationsfragen, wenngleich unter schwierigeren Vorzeichen. Der "Anschluss" Österreichs an Deutschland 1938 überraschte sie während einer Auslandsreise. Sie kehrte nicht mehr nach Wien zurück, sondern zog – drei Jahrzehnte nach ihrer Schweizer Doktorpromotion – wieder nach Zürich.

Was das Ehepaar Schwarzwald in Österreich besessen hatte, wurde arisiert. 1939 starb Hermann Schwarzwald in der Schweiz, Eugenie ein Jahr später während einer Reise in Dänemark. Viele ihrer Schülerinnen und Freunde wurden in der Shoah ermordet.

Seit 2011 ist im 22. Wiener Gemeindebezirk ein unscheinbarer Weg nach Eugenie Schwarzwald benannt. Der Festsaal des Mondi Ferienclub am Grundlsee, einst der "Seeblick", trägt ihren Namen. Weder an ihrem ehemaligen Wohnhaus noch an ihren Wirkungsorten finden sich bislang Gedenktafeln. (Florian Kührer-Wielach, 17.5.2024)