Das Florianihof ist ein prachtvolles Kaffeehaus auf einem nunmehr gar ruhigen Platz der Josefstadt. Also hat es sich neu erfunden.
Gerhard Wasserbauer

Hohe Decken, ein riesiger Saal mit ewig langer Budel, Fenster bis zum Plafond: Das Florianihof ist ein Ort, der einen innehalten lässt vor Schönheit. Das dazugehörige imperiale Amtshaus am Platz ist aber seit ein paar Jahren verwaist, die Immobilie wirkt, obwohl mit der Bezirksvorstehung eh noch wer im Haus ist, zusehends geisterhaft.

Für den Florianihof war das speziell deppert: Ohne Amtshaus, ohne Hochzeiten, ohne schnelle Kaffees, Spritzer, Würsteln mit Saft vor und nach den offiziösen Terminen wurde es hier schnell eng. Erst war ganz zu, dann versuchten Simon Schubert und Julian Lechner vergangenes Jahr eine Wiederbelebung. Klang gut, schließlich sind die zwei ein Dreamteam der Hauptstadtgastronomie und haben mit dem Reznicek gezeigt, wie viel Kraft und Schönheit sich noch aus der Idee des Wiener Wirtshauses schöpfen lässt.

Nur, vierteilen können sie sich auch nicht, und die Neuerfindung des Kaffeehauses, von der Früh bis auf die Nacht, ohne Ruhetag, mit einer Karte, die vom Reznicek-Groupie bis zum Uralt-Stammgast alle glücklich macht, lässt sich nicht so nebenbei schupfen. Frühstück ging super, der Run auf Schinkenrolle, Krautfleckerln, Gulasch und andere Kaffeehausstandards aber war irgendwann nicht so nachhaltig wie erwartet. Wenn die Idee des Wiener Kaffeehaus tot ist (und abseits der Touri-Trampelpfade spricht ganz viel dafür), dann hilft nur Besinnung auf die eigenen Stärken.

Der legendäre Spicy Chicken Burger, wie er noch aus den Zeiten der Pandemie an Lechners früherer Adresse im Café Kandl in Erinnerung ist.
Gerhard Wasserbauer

Simon Schubert ist ein Sommelier mit traumwandlerischem Gespür, Julian Lechner war zwischen Mraz und Sohn und Reznicek auch im Kandl zugange, wo er sich den wohl geilsten Burger hat einfallen lassen, den die Takeaway-Epidemie rund um Corona hervorgebracht hat. Also machen sie den Florianihof jetzt zur Weinbar mit ein paar wild gewordenen Sandwiches. Lechners legendärer Spicy Chicken Burger hat nichts von seiner Star-Qualität verloren: ausgelöste Oberkeule, in Buttermilch mariniert und mit Stärke und Mehl "southern style" paniert und frittiert. Halleluja, da kracht's beim Reinbeißen, da schießt der Saft ein, da lernt der auf Backhendl geeichte Genießer seinen Vogel auf neue Art lieben. Dazu gibt's Pickles, Chiliöl und pikante Sauce Tartare, alles in einem jener "Martin's Potato Rolls", die in der Burgerszene gerade alle haben, weil sie so irrsinnig fluffy und doch stabil in der Hand sind. Geht sich halt nur mit einer Liste an E-Zusatzstoffen und Enzymen aus, die länger ist als der Rest der Zutaten zusammen.

Cordon-Bleu-Semmel mit Dillgurkensalat und Preiselbeeren.
Gerhard Wasserbauer

Cordon Bleu, den Klassiker aus dem Rezniczek, gibt's auch als Sandwich, mit gar nicht pickerten Preiselbeeren, aber doch (Lechner ist Steirer), und knackigem Dill-Gurkensalat. Der saftelt aber wie ein Boxer, weshalb die Semmel in einer kleinen Lacke zu Tisch kommt. Das Cordon, der irrsinnig dillfrische Salat, der Käse und eh alles sind aber dennoch arg gut. Trotzdem: Bei 19 Euro für ein Semmerl gehört hier nachgebessert.

Eggplant Parm mit gebackener Melanzani, Salsa Marinara, Basilikum und ganz viel Mozzarella.
Gerhard Wasserbauer

Eggplant Parm gibt es auch: Little Italys Sandwich gewordene Idee von dem, was einmal Melanzane alla Parmigiana war: Panierte Melanzanischeiben, mit fingerdick Mozzarella und "Chef Paul's Marinara Sauce" zu rotknofeliger Saftigkeit geschichtet und mit ordentlich Basilikum in ein Laberl geschaufelt. Mom mia, wie heftig darf ein Sandwich sein? Genau so.

Devilled Eggs, Aufschnitt vom Sellerie und Sardellen-Toast – feine Snacks zu ebensolchen Weinen.
Gerhard Wasserbauer

Aber es soll auch Leute geben, die sich der feinsinnig zusammengestellten Weinkarte (über 200 Positionen, dauernd wechselnde offene Flaschen, fast ausschließlich sensationelles, oft kostspieliges Zeug) widmen, ohne sich dabei von oben bis unten ansafteln zu wollen. Also gibt's auch sehr zivilisierte Snacks, die man sich elegant zum Fläschchen servieren lässt. Boquerones und Ölsardellen auf Toast-Fingers etwa, Fingerfood im doppelten Sinn, oder Sellerie, auf geheimnisvolle Art zu genialem Aufschnitt transzendierte Knolle, irrsinnig gut. Oder Devilled Eggs, weil gerade alle von Mayonnaise-Ei schwärmen – und hier früher angeblich ein Kaffeehaus war. (Severin Corti, 17.5.2024)

Frühsommerliches Draußensitzen im Florianihof.
Gerhard Wasserbauer