Café Korb, City, Innenstadt, Widl
Im Café Korb in der Wiener City lässt es sich bei einem breiten Zeitungs- und Magazinangebot eine schöne Weile aushalten.
REUTERS/Leonhard Foeger

Man kennt sie, Gäste, die Stunden über dem Laptop brüten, während ihr Getränk längst geleert ist, Menschen, die in dicken Wälzern lesen oder Karten spielen und im Traum nicht daran denken, noch etwas zu bestellen. Wir hörten uns um, wie Wiener Kaffeehäuser mit "Sitzenbleibern" umgehen, fragten, ob es sich dabei um eine Unart handelt und ob sich das Verhalten in diesem Bereich verändert hat.

Im traditionsreichen Café Korb, mitten in der Wiener Innenstadt, greifen die Kellner nicht in die Verweildauer der Gäste ein. Auf Nachfrage lautet das Credo im 1904 gegründeten Café: "Ein Kaffeehaus war, ist und soll ein Treffpunkt im Dienste der Kommunikation sein. Genau das wird im Korb respektiert und akzeptiert." Schon allein das umfangreiche Angebot an Tageszeitungen und Magazinen lade zum Verweilen ein. "Time-Slots" oder "Gästehetzerei" sollen auch in Zukunft im Korb keinen Platz finden. Die Erfahrung habe gezeigt, dass der "berühmte kleine Braune mit zusätzlich fünf Gläsern Wasser" so gut wie gar nicht mehr vorkomme. Auf einen eventuellen Umsatzentgang durch zu lange sitzende Gäste angesprochen, heißt es seitens des Korb: "Falls doch einmal ein Gast länger verweilt, so gönnen wir ihm unsere Oase der Ruhe und Entspannung. Allein schon deshalb, weil sich in der Zwischenzeit zwei bis drei Tische in seiner Umgebung drei- bis viermal 'gedreht' haben. Das heißt, eiligere Gäste ermöglichen diese Art von Mischkalkulation."

Im legendären Café Landtmann am Ring gibt es keine Zeitbeschränkung, wie Chef Berndt Querfeld sagt. "Eine Schale Kaffee ist sozusagen die Eintrittskarte für einen gemütlichen Besuch im Kaffeehaus." Dieser Eintritt beträgt im Landtmann 6,90 Euro. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Landtmann-Gäste beträgt eineinhalb Stunden, es gäbe aber auch Leute, die mehrere Stunden im Café verweilen, so der Gastronom. "Natürlich ist ein Kaffeehaus kein 'Tageszimmer' wie bei Hotels", wie Querfeld sagt, "aber ab und zu ist es doch ein gemütlicher Wartesaal zwischen zwei Terminen." Mindestkonsumation gibt es im altehrwürdigen Kaffeehaus nicht und "wird es bei uns auch nicht geben", sagt der Café-Chef.

Landtmann, Kaffeehaus, City, Innenstadt, Vienna
Auch im Café Landtmann gibt es keine Zeitbeschränkung, für eine Melange um 6,90 € darf man sich auch ruhig ein bisschen Zeit nehmen.
Cafe Landtmann/Jan Lackner

Wie sieht die Sache im Prückel aus? "Wir wollen dem Kaffeehaus seine Gemütlichkeit nicht nehmen, entsprechend stressen wir auch beim Kaffeetrinken unsere Gäste nicht", sagt Thomas Hahn, der neue Betreiber des Café Prückel. Die meisten hätten es heute ohnehin sehr eilig und schafften es nicht zu lange zu verweilen. "Das Kaffeehaus ist auch ein Ort, an dem wir uns wünschen und uns darüber freuen, wenn alles immer noch so ist wie früher." Im Prückel wird das Wasser deshalb immer noch gratis serviert, auch die Verweildauer unterliegt keiner Vorgabe. Platzprobleme gebe es nicht, "aufgrund der Größe des Cafés", trotz mancher Gäste mit langer Verweildauer finde sich rasch ein Platz für neue, erklärt Hahn.

Zu den zahlreichen Traditionskaffeehäusern Wiens zählt auch das Café Europa in der Zollergasse. Zumindest in der Kategorie "Hipsterlokale". Geführt wird das Lokal von der Familie Friesz. Deren Credo lautet, Kundschaft ist Kaiser oder Kaiserin, sagt Aaron Friesz. Demnach gebe es auch keine Regel, wie lange pro Getränk man einen Tisch besetzen darf. Es gebe natürlich Gäste, die ein kleines Soda Zitron bestellen und lange sitzen bleiben. Homogen charakterisieren lässt sich diese Personengruppe laut Friesz nicht: "Das geht von Schulschwänzer:innen über Menschen, die direkt aus der vorigen Nacht kommen, einsamen Pensionisten bis hin zu Obdachlosen. Wenn es nötig und möglich ist, stellen wir gern noch ein extra Glas Wasser dazu. Je angenehmer die Gäste, desto länger können sie sitzen." Doch meist würden die Gäste eh selbst spüren, wann die Zeit genommen ist, den Tisch freizumachen, sagt Aaron Friesz, der auch als Schauspieler bekannt ist. Konflikte erlebt er eher mit anderen Personengruppen: "Es passiert regelmäßig, dass Gäste reichlich konsumieren, lange sitzen, sich dann über den Service beschweren, verlangen, nicht zahlen zu müssen, und manchmal sogar die Polizei rufen. Sie werden es nicht glauben, diese Gäste kommen oft sogar wieder."

Lesende Gäste

Man könnte annehmen, es seien vor allem Menschen, die das Kaffeehaus als Arbeitsort benutzen, die über lange Zeit einen Tisch besetzen und dabei versuchen, die Rechnung gering zu halten. Im phil in der Gumpendorfer Straße sind sie da an der falschen Adresse. Nicht etwa, weil sie nach einer gewissen Zeit ohne Konsumation gehen müssen, sondern weil in dem Café, das auch eine Buchhandlung ist, seit zwei Jahren Laptopverbot herrscht. "Davor kam es manchmal vor, dass Gäste sich ausgebreitet, auf ihr Arbeiten am Bildschirm konzentriert und dabei vergessen haben, dass sie in einem Lokal sitzen, das Gewinn erwirtschaften möchte. Das war jedoch nicht der Hauptgrund dafür, dass wir zur laptopfreien Zone wurden: Uns ging es um die Atmosphäre als offener und kommunikativer Ort", sagt Betreiber Christian Schädel. Das heißt aber nicht, dass die wenig bestellenden Sitzenbleiber im phil passé sind. Es gebe immer wieder Gäste, die sich ein Buch schnappen, und darin an einem Tisch sitzend schmökern. Das sei aber kein Problem, denn viele davon würden dann das Buch kaufen, sagt Schädel. "Man dürfe halt nicht vergessen, dass ein Lokal einen gewissen Umsatz erwirtschaften muss, um betrieben werden zu können." Gäste würden aber nicht dazu gedrängt werden, etwas zu bestellen oder einen Tisch frei zu machen.

1880 eröffnete Jakob Ronacher in der Gumpendorfer Straße das Ronacher. Doch schon im Dezember desselben Jahres wurde es vom Cafetier Sperl übernommen und trägt seither den Namen Café Sperl. Auf die alte Regel angesprochen, dass man in einem Wiener Kaffeehaus stundenlang bei einem Kaffee zeitunglesend sitzen bleiben darf, sagt Florian Stückler ohne zu zögern: "Die gilt bei uns noch immer!" Er sei stolz darauf, dass sie so viele Gäste hätten, die das Sperl tatsächlich noch als ihr zweites Wohnzimmer verstünden. Darunter gäbe es Menschen, die oft einen halben Tag hier verbringen, zwischendurch Freunde oder Geschäftspartner am Caféhaus-Tisch empfangen und dann wieder allein sitzen bleiben, um noch zu lesen oder zu arbeiten. Wer will, kann das bis heute auch bei einem einzigen bestellten Kaffee so handhaben.

Das Café Hummel in der Josefstädter Straße wird bald 90 Jahre alt und verfügt über einen bemerkenswert hohen Anteil an wiederkehrender Klientel. "Wir haben 70 Prozent Stammgäste", bestätigt Christina Hummel freudig und gibt dennoch zu bedenken, dass die Balance zwischen der Funktion als verlängertes Wohnzimmer und einem wirtschaftlichen Unternehmen schon allein wegen hoher Mieten zunehmend schwieriger zu halten sei.

"Wir machen keine Reservierungen nur für zwei Stunden, jeder darf bei uns so lange bleiben, wie er möchte, auch bei einem einzigen Kaffee." Aber es gebe manchmal schwierige Situationen zu meistern, wenn etwa jemand einen kleinen Braunen bestellt und einen Vierertisch im vollen Lokal über viele Stunden belegt. "Ein guter Ober erkennt das", sagt Hummel, "und bietet dem Gast gleich eine Alternative an." Etwa auf einen kleineren Tisch zu wechseln, um noch ein bisserl bleiben zu können.

(feld, maik, saum, mich, rec, 17.5.2024)