Am Institut für Materialchemie der Universität Wien stellt Doktorandin Anne Zhao eine Lederalternative aus Pilzen her.
Christian Fischer

Es ist eine herkömmliche Küchenmaschine, die sie verwendet, um ein Material herzustellen, dem eine große Zukunft bevorstehen könnte. Anne Zhao erklärt in einem Labor in der Wiener Währinger Straße, wie sie einen Lederersatz aus Pilzen erzeugt. Neben dem Küchenmixer bedient sie sich dafür gewöhnlicher Champignons aus dem Supermarkt. Meist verwende sie ein halbes Kilo, die letzte Packung habe sie bei Hofer gekauft. Zhao ist Doktorandin am Institut für Materialchemie an der Universität Wien. In ihrer Dissertation geht es darum, wie sich aus Pilzen Textilien herstellen lassen.

Nachdem die Produktion von Tierleder immer stärker in die Kritik gerät – unter anderem wegen der giftigen Chemikalien, die dabei zum Einsatz kommen –, haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Alternativen hervorgetan. Viele davon werden aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt, zum Beispiel aus Ananas, Apfel oder Kaktus. Aber auch aus Holzfasern lässt sich ein Material herstellen, das Tierleder täuschend ähnlich ist. Bei all diesen Alternativen gilt jedoch: Damit sie halten, aber zugleich flexibel sind, braucht es Kunststoffe. Beim Pilzleder ist das nicht der Fall, es kommt ohne aus.

Die Pilze werden zunächst zu einer Masse zerkleinert, dann gepresst und getrocknet.
Christian Fischer

"Zuerst nehmen wir die Pilze und schreddern sie", klärt Zhao weiter über den Herstellungsprozess auf. Nachdem sie die breiige Masse aus dem Mixer genommen und ihr die Proteine entzogen hat, presst sie sie auf die gewünschte Dicke und lässt sie trocknen. "Danach besteht das Pilzfasergeflecht hauptsächlich aus Polysacchariden wie Chitin, Chitosan und Beta-Glucan und hat ähnliche Eigenschaften wie Leder." Tatsächlich gleicht das Material Tierleder nicht nur optisch, sondern fühlt sich auch in etwa so an. Die Herstellung ähnelt jener von Papier, mit dem Unterschied, dass die Fasern Chitin statt Zellulose enthalten. Chitin ist die Stützsubstanz in der Zellwand von Pilzen.

Der letzte Arbeitsschritt: "Wir bleichen das Material und färben es ein", erklärt Zhao. Dafür greifen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen gerne zu Farben aus der Natur – zu Kurkuma beispielsweise oder zu Roter Beete. Zhao zeigt mehrere Muster, in kleinen Plastiktüten aufbewahrt: runde dünne Platten, in kräftigen Rot-, Gelb-, Grün- und Brauntönen.

Das "Schwammerl"-Leder hat ähnliche Materialeigenschaften wie Leder aus Tierhaut.
Christian Fischer

Das Comeback der Pilze

Pilze gewinnen zunehmend an Bedeutung, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Pilze gewinnen zunehmend an Bedeutung, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Sie wachsen schnell, sind umweltverträglich und vielseitig einsetzbar. Schon länger dienen sie beispielsweise als Fleischersatz. Die österreichische Firma Hermann etwa stellt das sogenannte Funghi-Pad her, das größtenteils aus Kräuterseitlingen besteht und aus dem man allerlei Gerichte zubereiten kann. Ebenso könnten Pilze einmal die Produktion von Biokraftstoff verbessern oder Plastik und Styropor ersetzen. Einige Fachleute prognostizieren ihnen daher eine große Zukunft, etwa die deutsche Biotechnologin Vera Meyer. Ein Haus aus Pilzmaterial sei durchaus eine Vision für 2030, sagte sie zu einem deutschen Radiosender.

Ein lederähnliches Material aus Pilzen herzustellen sei im Grunde genommen nichts Neues, erklärt Alexander Bismarck, der das Institut für Materialchemie an der Uni Wien leitet. Schon vor Tausenden von Jahren hätten sich Menschen Pilze zunutze gemacht. So wurde zum Beispiel die berühmte Gletschermumie Ötzi mit einem Zunderschwamm gefunden, einem harten Baumpilz. Er benutzte ihn wohl zum Feuermachen. Aus dem Zunderschwamm wurde 8000 vor Christus auch das sogenannte Amadou-Leder hergestellt.

Das Ziel sei nun, alte Methoden "wiederzuentdecken und zu verbessern", sagt Bismarck. Gemeinsam mit Kollegen veröffentlichte er 2020 einen Artikel im Fachblatt Nature Sustainability, der die Nachhaltigkeit von Rinder- und Kunstlederproduktion bewertete und erste Entwicklungen und Kommerzialisierungen von aus Pilzen gewonnenen Lederersatzstoffen vorstellte.

Anne Zhao und Alexander Bismarck in ihrem Labor in der Wiener Währinger Straße. Sie entwickeln das lederartige Material aus Pilzen stetig weiter, das Ziel: ein Patent anzumelden.
Christian Fischer

Obwohl der ökologische Fußabdruck der Lederalternative aus Pilzen noch eruiert werden müsse, sei davon auszugehen, dass er recht niedrig ist. Das Pilzmaterial könne auf kostengünstigem land- und forstwirtschaftlichem Abfall- und Nebenprodukten wie etwa Sägemehl oder Brotresten wachsen. Schon nach wenigen Wochen könne es geerntet und verarbeitet werden. Aber auch unverkäufliche Pilze oder Stängel könnten für die Produktion zum Einsatz kommen. Pilze zu verwenden, die im Wald wachsen, ist laut Bismarck ebenfalls denkbar. Was das Pilzleder außerdem besonders macht: Nach seiner Verwendung soll es in der Regel vollständig biologisch abbaubar sein. "Gleichzeitig verrottet es nicht so schnell, wie man vielleicht annehmen würde."

Einsatz des Materials

Die Festigkeit der Lederalternative stehe echtem Leder um nichts nach, erklärt der Chemiker. Auch "fast so bruchfest" sei es. Doch er gibt auch zu, dass das Material derzeit noch ein paar Schwächen hat. "Im Vergleich zu Tierleder, das über Jahrtausende weiterentwickelt wurde, ist es nicht so wasserresistent." Regen oder Nässe würden ihm zusetzen.

Aus dem von Anne Zhao hergestellten Material fertigte die Studentin Marlene Raymakers ein Korsett.
Patrick Houi, Leon Grunau

Aus dem Lederersatz aus Pilzen lasse sich "ziemlich viel herstellen", erklärt Bismarck. Eine Designstudentin aus Vorarlberg hat aus dem Material der Uni Wien kürzlich ein Korsett genäht – ein erster Versuch, der zeigen sollte, was möglich ist. Ziel der Forschenden ist es, ein Patent dafür einzureichen. Künftig könnten auch Teile von Möbeln daraus gefertigt werden, ebenso wie Schuhe, Gürtel oder Taschen.

Erste Biotech-Unternehmen vermarkten den aus Pilzen gewonnenen Lederersatz bereits. In Indonesien stellt die Firma Mycotech, in Italien Mogu und in den USA Mycoworks ein solches Material her. Bismarck und seine Kollegen zeigen sich in ihrem Fachartikel äußerst optimistisch, was sein Potenzial betrifft: "Erhebliche Fortschritte in der Technologie und die wachsende Anzahl von Unternehmen, die Lederalternativen auf Pilz-Biomasse-Basis herstellen, lassen vermuten, dass dieses neue Material eine beträchtliche Rolle in der Zukunft ethisch und ökologisch verantwortlicher Textilien spielen wird." (Lisa Breit, 16.5.2024)