Kaum ein Tag verging in den vergangenen Wochen ohne Luftangriffe auf Charkiw. Mit Drohnen und Raketen schaffte es Russland, Energieanlagen zu beschädigen, Stromausfälle waren und sind an der Tagesordnung. Seit Freitag wird an der Grenze zu Russland erneut gekämpft, nachdem russische Truppen in den ukrainischen Oblast vorgestoßen waren und die Einnahme mehrerer Dörfer vermeldet haben.

Die Zivilisten im Frontabschnitt bei Charkiw müssen fliehen – wieder einmal.
AFP/ROMAN PILIPEY

Bei den Dörfern handelt es sich um Orte, die bereits im Jahr 2022 von den Russen besetzt und im Herbst desselben Jahres im Zuge der Gegenoffensive von der Ukraine zurückerobert worden waren. Schwere Kämpfe finden derzeit am Rande der Kleinstadt Wowtschansk statt, die etwa vier Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt und in der sich laut der dortigen Militärverwaltung am Montag noch 300 Menschen befanden. Man arbeite weiter an der Evakuierung von Zivilisten, das ukrainische Innenministerium berichtete von mehreren Opfern.

Nach den Informationen, die bis Montagnachmittag zur Verfügung standen, habe man kein umfassendes Verständnis für die russischen Operationsziele und die Möglichkeiten für die ukrainische Seite, die russische Offensive zu stoppen, sagt Oleksij Melnyk, Militärexperte und Co-Direktor des ukrainischen Thinktanks Razumkow in Kiew. Der Vorteil der Russen bestehe darin, die Offensivoperation vom russischen Territorium aus zu starten – ohne ein höheres Risiko ukrainischer Angriffe durch den Einsatz von Waffen aus westlicher Produktion.

"Folge der Verzögerung bei den Waffenlieferungen"

"Selbst wenn die Ukraine in der Lage war, die Konzentration der russischen Streitkräfte zu erkennen, fehlten uns die Mittel, um diesen Angriff zu verhindern", sagt Melnyk. Er sieht die Angriffe als direkte Folge der Verzögerung bei den Waffenlieferungen und kritisiert die von den westlichen Regierungen auferlegten Beschränkungen der Verwendung von Munition aus westlicher Produktion für Angriffe auf russisches Territorium.

Dass die russischen Truppen in der Lage sind, die zweitgrößte Stadt der Ukraine einzunehmen, zweifeln Beobachter indes an. "Nach offiziellen und inoffiziellen Schätzungen könnte es sich um etwa 50.000 Soldaten handeln. Das ist nicht genug, um eine Stadt wie Charkiw zu besetzen", so Melnyk. "Die Bachmut-Operation kostete die Russen mindestens 20.000 Menschenleben. Das bedeutet, dass die Zahl der dort eingesetzten Kräfte vielleicht bei etwa 100.000 lag – und das in einer Stadt, die zehnmal kleiner ist als Charkiw."

Kritik gab es in der Ukraine zuletzt immer wieder an der Herangehensweise beim Bau der Befestigungsanlagen, am Wochenende auch vom ukrainischen Kriegsreporter Juri Butusow, der auf Facebook schrieb, dass einige Verteidigungsstellungen im Oblast Charkiw an den falschen Stellen errichtet worden seien. Ein ukrainischer Soldat, der bei Wowtschansk kämpft, schrieb am Sonntag auf Facebook: "Die erste Befestigungslinie und Minen – das war einfach nicht vorhanden." Und weiter: "Jetzt verlieren wir erneut Menschen und Gebiete und tun das, was wir bereits im September 2022 getan haben."

"Graue Zone"

Ein Bau der Verteidigungsstellungen unmittelbar an der Grenze sei deshalb nicht möglich gewesen, weil dieser unter permanentem russischem Beschuss hätte stattfinden müssen, sagt der österreichische Oberst Markus Reisner, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie. "Damit hat man die Entscheidung getroffen, eine Art graue Zone zwischen Russland und der Ukraine stehen zu lassen und die Verteidigungsstellungen erst weiter südlich hinter der Grenze anzulegen. Und auf diese Verteidigungsstellungen bewegen sich die russischen Verbände jetzt zu."

Stand der Russischen Offensive in der Ukraine
Stand der russischen Offensive in der Ukraine.
STANDARD

Ob es der ukrainischen Armee gelingt, den Angriffen standzuhalten, werden die kommenden Tage zeigen. Reisner spricht von einer neuen Phase im Krieg. "Diese Offensive kann möglicherweise auch der Übergang zur erwarteten Frühjahr- oder Sommeroffensive sein", erklärt er. Die Hauptrichtung der russischen Offensive erwarten Beobachter nach wie vor bei Tschassiw Jar im Donbass. Hinter den russischen Angriffen an der Grenze zu Charkiw könnte der Versuch stehen, die Aufmerksamkeit der ukrainischen Militärführung von anderen Teilen der Frontlinie abzulenken und Einheiten dorthin zu verlegen. "Wenn dies geschieht, werden die Russen an anderen Teilen der Frontlinie einen großen Vorteil haben", warnt Melnyk.

"Mobilisierungsgesetz zu spät"

Die ukrainische Armee braucht dringend mehr Soldaten. Zwar tritt am Wochenende ein neues Mobilisierungsgesetz in Kraft, doch dieser Schritt kommt laut Melnyk zu spät. Die Entscheidung hätte schon vor mindestens zwölf Monaten getroffen werden müssen. "Es gibt eine Reihe von Problemen, und eines davon ist die Kommunikation, die richtigen Botschaften an die ukrainische Gesellschaft zu senden."

Ändern wird sich unter anderem das Einberufungsalter, das von 27 auf 25 Jahre gesenkt wird. Trotzdem ist nicht klar, wie viele Soldaten die Armee braucht – noch im Dezember sprach Selenskyj von 450.000 bis 500.000 Menschen. Armeechef Oleksandr Syrskyi korrigierte diese Zahl Ende März nach unten, ohne konkrete Angaben zu machen. Diese fehlende Klarheit in der Kommunikation sei eines der größten Probleme, sagt Melnyk. "Die ukrainische Regierung versucht, für einen großen Teil der ukrainischen Gesellschaft eine Art Leben im Frieden zu erhalten und gleichzeitig einen großen Krieg zu führen." (Daniela Prugger aus Kiew, 13.5.2024)