Sich in soziale Netzwerke zu vertiefen macht uns traurig, Kurzvideos verleiten uns zum "Doomscrollen", und viele Onlinediskussionen verkommen zu Schlammschlachten. "Das Internet", wenn man es so generalisierend nennen darf, genießt keinen guten Ruf, wenn es um den Einfluss auf unser Wohlbefinden geht.

Doch handelt es sich womöglich um Fehlannahmen? Die Professoren Andrew Przybylski von der Oxford University und Matti Vuorre von der Universität Tilburg (Niederlande) haben sich zu diesem Thema Daten aus einer der größten laufenden Untersuchungen überhaupt angesehen. Seit 2005 erhebt das Gallup-Institut in seinem Gallup World Poll alljährlich mit mehr als 100 "globalen" sowie einer Reihe regional spezifischer Fragen die Lebensumstände, Einstellungen und Zufriedenheit von Menschen in aller Welt. Die Umfrage deckt über 160 Staaten ab und erlaubt laut ihren Machern Schlüsse auf 99 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung.

Die Wissenschafter aus Großbritannien und den Niederlanden haben hieraus Daten für den Zeitraum 2006 bis 2021 extrahiert. In die Auswertung gelangten Antworten von jeweils rund 1000 Menschen ab 15 Jahren in 168 Staaten. Insgesamt umfassen die Antworten eine Zahl von 2,4 Millionen Teilnehmern. Herangezogen wurden dabei Auskünfte hinsichtlich des Internetzugangs sowie acht Faktoren des Wohlbefindens, darunter Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, soziale Interaktionen oder Gemeinschaftsgefühl.

Ein junges Mädchen nutzt ein Smartphone.
IMAGO/Hodei Unzueta

Starke Korrelation mit mehr Wohlbefinden

Die Informationen wurden schließlich durch mehr als 33.000 statistische Modelle analysiert, um mögliche Zusammenhänge zu finden und dabei auch Faktoren wie Alter, Bildung, Gesundheit und Beziehungsstand zu berücksichtigen. Dabei fand man heraus, dass sich der Zugang zum Internet – stationär und mobil – sowie dessen Nutzung in fast 85 Prozent aller möglichen Zusammenhänge positiv auswirkt, während 14,7 Prozent der Zusammenhänge keinen statistisch relevanten Impact hatten und nur 0,4 Prozent negativ ausfielen.

Anders formuliert: Zugang zum Internet zu haben und diesen zu nutzen macht uns womöglich glücklicher. Wenngleich die Autoren keine Kausalität nachweisen konnten, gibt es zumindest die statistische Korrelation, dass Menschen mit Internetzugang im Schnitt um 8,5 Prozent zufriedener mit ihrem Leben waren als jene ohne.

Wenn man Regulierungen einführen möchte, um die Onlinewelt sicherer für junge Menschen zu machen, könne man nicht "voreingenommen wild um sich schießend und Universallösungen" verlangen, merkt Przybylski an. "Wir müssen sicherstellen, dass wir empfänglich dafür bleiben, unsere Meinung von Daten ändern zu lassen." Politische Entscheidungen sollten evidenzbasiert sein und ihr Einfluss gemessen werden. Es sei die erste Untersuchung, die sich weltweit mit dem Zusammenhang zwischen Internetzugang, regelmäßiger Nutzung und Wohlbefinden auseinandersetze. Bisherige Studien seien oft auf rein technologische Aspekte limitiert gewesen und hätten häufig nur Nordamerika und Europa abgedeckt. Das Paper wurde im Journal Technology, Mind and Behaviour veröffentlicht.

Kritiker sehen wenig Aussagekraft

Es gibt allerdings auch Kritik an der Arbeit. Der Guardian zitiert etwa Shweta Singh von der Warwick University, die in die Arbeit nicht involviert war. "So sehr ich den Erkenntnissen gerne zustimmen würde (...), gibt es leider Gegenbeweise und Argumente, die nahelegen, dass sie nicht unbedingt zutreffen", sagt die Forscherin. Sie weist dabei auf negative Entwicklungen hin, zuletzt etwa das neue Rekordhoch bei "Sextortion"-Fällen in Kanada. Simeon Yates von der University of Liverpool weist darauf hin, dass es hinsichtlich der Auswirkungen von Internetnutzung mehr Nuancen gibt, als die Untersuchung abbilden kann. "Nur weil Menschen höheres Wohlbefinden melden, bedeutet das nicht, dass ihnen online nichts Negatives widerfährt."

Andres Roman-Urrestarazu von der University of Cambridge wird in New Scientist zitiert. Er ist sich nicht sicher, ob das genutzte Messverfahren überhaupt geeignet ist, um brauchbare Ergebnisse zu liefern. Es sei durchaus denkbar, dass es grundsätzlich gut ist für die mentale Gesundheit, Zugang zum Netz zu haben. Dennoch sei exzessive Nutzung schädlich. Seiner Ansicht nach räume das Paper derlei Bedenken auch nicht aus.

New Scientist zieht auch einen greifbaren Vergleich zu den limitierten Schlussfolgerungen, die die Untersuchung potenziell erlaubt. Für einen Farmer in Kenya könnte es sehr wohl das Wohlbefinden steigern, wenn er sich dank Internetzugang schnell darüber informieren kann, auf welchem Markt er den besten Preis für seine Ernte erhält. Das bedeute aber nicht, dass Eltern in Großbritannien daraus eine Antwort auf die Frage ableiten können, ob sie ihr vor der Pubertät stehendes Kind Whatsapp nutzen lassen oder nicht.

Auch Przybylski erkennt beide Seiten der Medaille an. Das Internet "eröffnet einem viele gute Dinge", aber auch "Scams und verschiedene Formen der Ausbeutung", so der Wissenschafter. Die bestehende soziale Struktur werde dadurch entweder fundamental durcheinandergebracht oder zumindest herausgefordert. (gpi, 14.5.2024)