Oscar Niemeyer.
Der große brasilianische Architekt Oscar Niemeyer, hier 1977, hatte bezüglich brasilianischen Designs die Vorstellung von einer tropisch beschwingten Moderne.
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Wenn der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer eine Gegenposition brauchte, der seine sinnlichen Utopien der Moderne mit nonchalanter Leichtigkeit auszufüllen vermochte, rief er bei Joaquim Tenreiro an. Die Möbel des gebürtigen Portugiesen waren nicht nur äußerst elegant und funktional, sie passten auch perfekt zu Niemeyers Vorstellung einer tropisch beschwingten Moderne, die den vielbewunderten Rationalismus der nördlichen Vorbilder plötzlich irgendwie puritanisch aussehen ließ. Leichtigkeit war der Leitgedanke hinter Tenreiros Entwürfen: "Ein Prinzip, dem alle brasilianischen Möbel folgen sollten", sagte der Designer. "Eine Leichtigkeit, die nichts mit dem Gewicht zu tun hat, sondern mit Anmut."

Wie viele brasilianische Midcentury-Möbel zielten auch Tenreiros Entwürfe darauf ab, die Ausdrucksformen dieser neuartigen Architektur zu vollenden. Umso erstaunlicher ist es, dass zwar die Bauten (und einige Möbel) brasilianischer Architekten wie Oscar Niemeyer, Sergio Rodrigues oder Lina Bo Bardi weltberühmt wurden, das brasilianische Design aber nie dieselbe Schlagkraft entwickeln konnte wie italienisches oder skandinavisches. "Design galt in Brasilien lange nicht als ernstzunehmende Disziplin", sagt der Galerist Carlos Junqueira. "Möbel entstanden aus der Architektur heraus, die meisten Designer waren Architekten oder Künstler."

Vor 22 Jahren gründete Junqueira in New York die Galerie Espasso, die ausschließlich brasilianische Designer führt. "Als wir anfingen, kannte niemand Joaquim Tenreiro, Sergio Rodrigues oder José Zanine Caldas", sagt er. Das hatte Gründe: Viele Möbel der Gründerväter wurden nur in Kleinauflagen für eine betuchte Kli­entel gefertigt, oft aus Palisander oder anderen Tropenhölzern, die schon damals schwer zu exportieren waren. In gemäßigten Klimazonen verzogen sich die Stühle, Tische bekamen Risse. Nur wenige Entwürfe schafften es deshalb ins Ausland, wie Rodrigues’ "Mole"-Sessel, der in Italien produziert wurde.

Gauchos und Regenwälder

Tacchini hat den „Costela Lounge Chair“ von Martin Eisler wieder aufgelegt.
Andrea Ferrari/Tacchini

Joaquim Tenreiro, der 1906 in Portugal in eine Tischlerfamilie geboren wurde, gehörte wie viele Kreative in Brasilien der europäischen Diaspora an, die ab Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach einer besseren Zukunft ins Land kam. Brasilien war im Aufbruch, und alles schien möglich; die europäischen Einwanderer adaptierten die Ästhetik der Alten Welt und vermischten sie mit tradi­tionellen Handwerkskünsten und einer gewissen Nonchalance. Niedrige Profile für eine entspannte Sitzhaltung, reich gemaserte Tropenhölzer, Leder und Weidengeflecht. Die Materialwahl war dabei kein Zufall, sondern den Zwängen der Zeit geschuldet: Kunststoff, Fiberglas oder Edelstahl waren schwer zu bekommen.

Stattdessen setzte man auf wohlklingende Tropenhölzer wie Jacaranda (brasilianischer Palisander), Imbue (ähnelt Walnuss), Cabreuva (wie Mahagoni) und Roxinho (deutsch: Amaranth-Holz), um frische, aber anspruchsvolle Möbelstücke zu entwerfen, die tropische Üppigkeit vermittelten. Das Holz erinnerte an die Regenwälder und die Möbel der Zuckerrohrplantagen; das Leder ans Sattlerhandwerk der Gauchos; gewebtes Schilfrohr an indigene Flecht- und Korbwaren.

Die Liege „Rio“ von Oscar Niemeyer.
Eiseu Cavalcante/Espasso

Der rasante Modernisierungsprozess, der aus der Schaffenskraft der europäischen Gestalter hervorging, förderte nach dem Zweiten Weltkrieg den Zustrom weiterer Talente wie Jorge Zalszupin, der 1949 aus Polen einreiste: mit einem Motorrad, einem Rückfahrticket – und einem begeisterten Bericht über brasilianische Architektur im Gepäck. Er blieb und kombinierte fortan tropisches Hartholz mit Marmor, Stahl und Fiberglas. Oder Giuseppe Scapinelli: Der Italiener war schon um die 60, als er um 1950 in Brasilien begann, Möbel zu entwerfen und sein Wissen als Keramiker, Architekt, Bildhauer und Maler in seine Entwürfe einfließen zu lassen.

Mit der Militärdiktatur kam die florierende Möbelindustrie 1964 zum Erliegen. Exporte wurden verboten. Tenreiro schloss sein Atelier, Caldas widmete sich der Bildhauerei. Selbst als das Gesetz in den Achtzigern aufgehoben wurde, folgte eine Art kollektive Amnesie. Zwar griffen junge Talente wie die weltweit erfolgreichen Campana-Brüder das modernistische Erbe auf und verbanden es mit einer neuartigen Verspieltheit. Doch die alten Entwürfe blieben lange verborgen. Umso begehrter sind sie heute: "Die Kombination aus geschwungenen Formen, luxuriösen Materialien und einem starken intellektuellen, aber greifbaren Erbe macht sie so verführerisch", sagt Luis Sendino, Gründer der Side Gallery in Barcelona, die als eine der ersten brasilianisches Design nach Europa brachte.

Die Mischung macht’s

Der Armchair „Mole“ von Sergio Rodrigues.
Eiseu Cavalcante/Espasso

Die Verschmelzung aus Alter und Neuer Welt lasse brasilianisches Design gerade für europäische Sammler interessant werden, die vom "doch oft erwartbaren und repetitiven Angebot des Marktes" gelangweilt seien. Denn die markante Maserung der Hölzer, die dezenten Braun-, Creme- und Pudertöne brasilianischer Möbel passen gut in die aktuelle Ästhetik und lassen sich problemlos auch mit strengeren Entwürfen mischen. Weil Originale rar sind, kamen in den letzten Jahren immer mehr Reeditionen auf den Markt – ohne gefährdete Hölzer. So legt der Hersteller Etel brasilianische Klassiker, etwa von Jorge Zalszupin, aus nachhaltiger Forstwirtschaft neu auf.

Die italienische Möbelfirma Tacchini machte vor fünf Jahren mit Reeditionen alter Entwürfe des Österreichers Martin Eisler von sich reden. Der jüdischstämmige Architekt (und Sohn des bekannten Kunsthistorikers Max Eisler) war 1938, kurz nach Abschluss seines Studiums, aus dem von den Nationalsozialisten besetzten Wien geflohen. Mit einer Handvoll Habseligkeiten kam er in Buenos Aires an, später siedelte er nach São Paulo um. Dort lernte er den italienischen Möbelfabrikanten Carlo Hauner kennen, mit dem er einen der erfolgreichsten Möbelhersteller in Brasilien gründete: Forma. Als Hauner 1958 nach Italien zurückkehrte, übernahm Eisler die alleinige Führung.

Entdeckungsreise

Armlehnsessel von José Zanine Caldas.
Eiseu Cavalcante/Espasso

Viele der berühmten Gebäude Oscar Niemeyers richtete auch Eisler ein. Für den Exil-Wiener wurde sein Schaffen ein rettender Anker; es brachte ihm seinerzeit jenen Ruhm ein, der ihm in Österreich verwehrt worden war. Mit Verve kümmerte sich der Architekt selbst um kleinste Details, entwarf vom Türgriff über das Mobiliar bis zum Wohnhaus alles selbst. Doch seine Arbeit ist so dürftig dokumentiert, dass es beinahe unmöglich ist, es zu katalogisieren. Als Tacchini Eislers rippenförmigen "Costela"-Sessel neu auflegte, waren nur noch gut 200 Originale im Umlauf. Und das, obwohl Eislers Möbel seinerzeit weltweit vertrieben wurden.

Das Regal „Adolpho“ von Sergio Rodrigues.
Side Gallery

Heute gilt der Sessel, der jedem noch so steifen Zeitgenossen eine entspannte Haltung abfordert, als Designklassiker und Eisler als einer der wichtigsten Vertreter der brasilianischen Moderne. Auch weil das Auktionshaus Christie’s 1999 einen von Eislers frühen Entwürfen und so seinen Namen wieder auf die Designlandkarte setzte. "Möbel aus Brasilien sind eine der letzten großen Entdeckungen der Branche", sagt Galerist Junqueira. Die unverkennbare Ästhetik, die in Europa mittlerweile eine ausgesprochene Strahlkraft entwickelt hat, kommt langsam auch in ihrem Heimatland an. "In Brasilien interessierten sich die Leute bisher nicht sonderlich für ihre Möbel", sagt Junqueira. "Also ist es an uns, den Menschen die Schönheit ihrer eigenen Kultur zu vermitteln." (RONDO, Florian Siebeck, 20.5.2024)