Indianerlager haben seit DDR-Zeiten eine Tradition im Osten Deutschlands. Hier eine Aufnahme von der
Indianerlager haben seit DDR-Zeiten eine Tradition im Osten Deutschlands. Hier eine Aufnahme von der "Indian Week" im sächsischen Erzgebirge in Großhartmannsdorf 2019.
Kurt Prinz/Text/Rahmen

Bevor wir zu österreichischen Pensionisten, deutschen Heizungsmonteuren und Altenpflegerinnen kommen, die sich Kleiner Rabe, Sitting Bull oder Lachende Krähe nennen und ihre Freizeit als sogenannte Hobby-Indianer verbringen, sollen die Wurzeln dieses in Zentraleuropa doch etwas befremdlichen Lebensentwurfs erwähnt werden.

"Buffalo Bill's Wild West Show" landete in Europa erstmals am 19. April 1890 auf der Münchener Theresienwiese. Bevor die dreistündige Show des in Deutschland "Ochsen-Willi" genannten, heutzutage hochumstrittenen Pioniers des Showbusiness zwei Jahrzehnte lang erfolgreich weiter durch Europa wie auch Amerika tourte, wurde laut dem französischen Autor Èric Vuillard in seinem Buch Traurigkeit der Erde – Eine Geschichte von Buffalo Bill Cody in diesem großen ersten Massenvergnügen der Neuzeit Geschichte umgeschrieben.

Hobby-Indianerin blickt in die Ferne
Hobby-Indianerin blickt in die Ferne.
Kurt Prinz/Text/Rahmen

Für den Transport wurden 30 Eisenbahnwaggons benötigt: Mit einer Hundertschaft von edlen, meisterlich schießenden und reitenden Cowboys, aus den Reservaten in den USA geholten, den Weißen stets unterlegenen und etwas tumben "Indianern" sowie Pferden und Bisons wurde die brutale Ausrottung der indigenen Bevölkerung umgedeutet in den "heroischen Gründungsmythos" eines angeblich freien Landes. Das alles fand drei Wochen lang in einem stets ausverkauften, sechstausend Besucher und Besucherinnen fassenden Zelt statt.

Der edle Wilde

Zur selben Zeit, um 1890/91, erschien vom deutschen Flunkerer Karl May der äußerst erfolgreiche, vermeintlich authentische Abenteuerroman Der Schatz im Silbersee um die Protagonisten Old Shatterhand und Winnetou. In weiteren Wildwestabenteuern wie der vierteiligen Winnetou-Reihe deutet Karl May den "edlen Wilden" im Gegensatz zu Buffalo Bill als urchristlichen Mann des Friedens und der Versöhnung zwischen den "Rothäuten" und den weißen Eroberern. Trotz aller Klischees und heute wohl als Rassismen gelesenen Inhalten der Romane manifestiert sich darin eine bis in die Jetztzeit ausstrahlende Sehnsucht nach dem guten einfachen Leben.

Hobby-Indianer.
Hobby-Indianer mit Auto.
Kurt Prinz/Text/Rahmen

Ausgehend von dieser Vorgeschichte und einer brennenden Sehnsucht nach dem ursprünglichen Leben im Einklang mit der Natur, einer gehörigen Prise Esoterik und der Weisheit von "Naturvölkern" finden sich speziell in Deutschland schon seit antikapitalistischen und antiimperialistischen DDR-Zeiten, aber auch in unseren Breiten Gemeinschaften zusammen, die eines wollen. Man will den komplizierten, beängstigenden und verwirrenden modernen Zeiten mit einer urwüchsigen Kultur entgegentreten, die zumindest außerhalb von Arbeit und Beruf nach dem vermeintlich Echten und Authentischen giert.

Der Fotograf Kurt Prinz und der Autor Clemens Marschall als Spezialist für die weniger gut ausgeleuchteten Special-Interest-Belange unserer Gesellschaft (siehe auch rokkosadventures.at) haben über zehn Jahre lang diese Menschen begleitet. In ihrem Foto- und Interviewband Hobby-Indianer – Zwischen kultureller Aneignung und Anerkennung wird der Bogen von Winnetou-Festspielen im waldviertlerischen Gföhl über Zusammenkünfte in der Westernstadt Lucky Town im burgenländischen Großpetersdorf bis zum oberösterreichischen Sänger und Lakota-Indianer Waterloo oder auch zum Schauspieler und Wildwestmann Michael Thomas (Rimini) gespannt.

Die DDR und die Indianer

Der "Wunsch, Indianer zu werden", beschäftigte in einem gleichnamigen Gedicht übrigens schon Franz Kafka 1912/13. Exotismus, das "Andere", soll uns aus der Ferne heimleuchten ins wahre Leben jenseits von einer durch Technik und Zivilisation verdorbenen modernen Gesellschaft. Die natürlich auch spirituelle Welt der Native Americans, die Vereinnahmung der "ritterlichen Indianer" seitens der DDR als antiamerikanistische Freiheitskämpfer und warum später die DDR-Staatssicherheit Leute in die "indianistische" Szene einschleuste – darüber schreibt Clemens Marschall in seinem ausführlichen Vorwort. In dem geht es auch um die Gegenüberstellung von Faschingstreiben und ernsthafter Auseinandersetzung mit indianischer Kultur.

Hobby-Indianer mit seinem guten Freund.
Hobby-Indianer mit seinem guten Freund.
Kurt Prinz/Text/Rahmen

Kulturelle Aneignung im Sinne eines postmodernen Baukastens, aus dem man sich wahl- und folgenlos bedienen kann, wirft schließlich Fragen auf. Die Frage, ob man nun Native Americans "Indianer" nennen darf, die sich im Amerikanischen auch selbst oft "Indians" nennen, weil die kulturelle Vielfalt der verschiedenen Völker einfach zu groß ist, um Einzelunterscheidungen zu treffen, bleibt laut Marschall Geschmacksfrage. Blutsbrüderschaft oder Kulturvampirismus – das sollte das Publikum anhand dieses Bands am besten selbst entscheiden. (Christian Schachinger, 15.5.2024)