abstrakter Tannenbaum, aus einem Papierstreifen geformt
Wer kann zuversichtlich in die Zukunft blicken, wenn die Alterspyramide zum instabilen "Alterstannenbaum" wird?
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Seit 50 Jahren Geburtenflaute und 2023 sogar ein Rekordtief bei Geburten – das kümmert aber niemanden, weil wir alle dem "Present Bias" unterliegen: Die Gegenwart zählt, je ferner die Zukunft, desto unwichtiger wird sie. Menschen ohne Kinder haben heute mehr Einkommen. Dass es übermorgen vielleicht niemanden gibt, der ihre Pension zahlt, interessiert heute nicht. Detto bei der Arbeitszeit: Wer heute Teilzeit arbeitet, hat heute mehr Zeit für anderes und nimmt dafür ein geringeres Einkommen in Kauf. Was kümmert da eine geringere Pension in (ferner) Zukunft?

Der Present Bias der vielen wirkt sich auf das Ganze aus: Die Baby-Boomer-Jahrgänge gehen in Pension, geburtenschwächere rücken nach. Die Folgen sind bekannt: Arbeitskräftemangel und Druck im Pensionssystem. Denn 1996 kamen auf eine Pensionistin beziehungsweise einen Pensionisten noch vier Erwerbstätige, heute sind es drei, 2040 werden es nur noch zwei sein. Aus der Alterspyramide wurde optisch ein instabiler "Alterstannenbaum".

"Seit der Arbeitszeitgesetznovelle 2018 sind zwar mehr Überstunden möglich, tatsächlich wurden sie aber weniger!"

Nun beruht der Wohlstand nicht nur auf der Zahl der Arbeitskräfte, sondern auch auf geleisteter Arbeitszeit und Produktivität. Doch reißt die Arbeitszeit uns nicht heraus, im Gegenteil: Die Österreicherinnen und Österreicher arbeiten heute um 1,4 Stunden pro Woche weniger als 2019 und fast fünf Stunden weniger als 2004. Die Gründe: mehr Teilzeit, und wir leisten fast eine halbe Überstunde pro Woche weniger als 2017. Das heißt, seit der Arbeitszeitgesetznovelle 2018 sind zwar mehr Überstunden möglich, tatsächlich wurden sie aber weniger! Aus diesem Grund liegt das Arbeitsvolumen heute immer noch unter dem Niveau von vor der Corona-Pandemie. Dazu kommt, dass wir heute um elf Jahre länger leben als vor 50 Jahren, aber wie damals mit 61 Jahren in Pension gehen. Wir verbringen nur sieben Prozent der gesamten Lebenszeit am Arbeitsplatz – weniger als vor dem Fernseher und Smartphone.

Auch der dritte Faktor Produktivität hilft uns leider nicht: Trotz Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz ist die Produktivität pro Kopf in den vergangenen zehn Jahren nicht gestiegen. Die Produktivität je Stunde ist zwar um sechs Prozent gestiegen, seit 2022 aber zurückgegangen, weil trotz der Rezession viele Betriebe an ihren Arbeitskräften festhalten.

Fundament bröckelt

Weniger Kinder, weniger Arbeitskräfte, weniger Arbeitszeit, weniger Produktivität bedeuten, dass das Fundament für Wohlstand und Sozialstaat bröckelt. Gleichzeitig steigt der Druck darauf, konkret die Zahl der Pensionistinnen und Pensionisten sowie der Pflegebedürftigen.

Nun sollen Menschen frei über Arbeitszeit, Kinder oder Pensionsantritt entscheiden. Die Politik muss aber dem Present Bias trotzen und Anreize setzen, um das Fundament für die Zukunft zu stärken: Eine Arbeitszeitverkürzung würde es weiter schwächen. Lockrufe, dadurch steige die Produktivität und in vier Arbeitstagen könne quasi das Gleiche geleistet werden wie in fünf, sind nicht glaubwürdig – wird doch gleichzeitig die hohe Arbeitsdichte beklagt.

Arbeiten muss einfach attraktiver werden: Mehrarbeit lohnt sich für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer oft nicht, weil die drittstärkste Abgabenkeule in der OECD zuschlägt und gleichzeitig Sozialleistungen wegfallen. Kinderbetreuung ist auszubauen, aber kein Allheilmittel: Denn die Mehrheit der Teilzeitbeschäftigten hat keine Betreuungspflichten. Es braucht mehr Anreize für Überstunden und längeres Arbeiten im Alter. Und last, but not least: die Erkenntnis, dass Kinder unsere Zukunft sind! (Rolf Gleißner, 15.5.2024)