Eigentlich verliefen die letzten Monate für Gamestop nicht besonders rosig. 2023 entließ man den CEO, doch auch seitdem konnte man die Talfahrt im langsam dahinsiechenden Ladenverkauf von Videospielen und Zubehör bestenfalls bremsen. Nach dem Höhenflug von 2021, als Scharen von Redditnutzern mithilfe der Investmentplattform Robin Hood den Aktienkurs des kränkelnden Handelsunternehmens förmlich explodieren ließen und Hedgefonds saftige Verluste bescherten, war man schnell wieder am Boden der Tatsachen angekommen.

Während man an der Wall Street an neuen Regularien tüftelte und sich der US-Kongress mit dem "Memestock"-Phänomen beschäftigte, sank bei Gamestop der Umsatz weiter. Es folgten Filialschließungen und Entlassungsrunden. Nach einer kurzen Erholung über die Weihnachtsfeiertage war der Preis für eine Aktie auf über 15 Dollar angestiegen, ehe er in den folgenden Monaten wieder in langsamen Sinkflug überging. Anfang Mai hielt er knapp über der Zehn-Dollar-Marke. Doch am Montag war sie schon über 37 Dollar wert. Und auch der Kurs der Kinokette AMC Entertainment, einst ebenfalls als Memestock gehandelt, schnellte nach oben. Was ist geschehen?

Mysteriöses Comeback

Die Rückkehr von "Roaring Kitty" (auch bekannt als "Deep Fucking Value" oder Keith Gill) ist erfolgt. Der ehemalige Makler für Lebensversicherungen war einer der treibenden Akteure hinter dem Gamestop-Kursfeuerwerk vor drei Jahren. Die Causa hatte behördliches Interesse geweckt und ihn auch – per Videoübertragung – bis ins Kapitol geführt, um dem Kongress Rede und Antwort zu stehen. Gill legte schließlich seine prominenten Social-Media-Accounts still. Knapp drei Jahre später ist er aber wieder da. Und mit ihm auch eine Kursrallye für Gamestop.

Der Aktienkurs von Gamestop in den vergangenen sechs Monaten.
Screenshot/Google Finance

Dabei hat Gill bisher überhaupt keine expliziten Empfehlungen hinsichtlich des Umgangs mit Unternehmensanteilen gegeben. Stattdessen postete er zum Comeback auf X (vormals Twitter) ein umgefärbtes Meme, das ursprünglich vom Account von Playstation Frankreich stammt. Es zeigt einen Mann, der sich mit dem Controller in der Hand, ergriffen vom Spielgeschehen, nach vorne lehnt. Später folgten auch noch kurze Ausschnitte aus Filmen und anderen Popkultur-Werken. Sein Youtube-Kanal wurde allerdings noch nicht wieder erweckt. Dort verbleibt prominent seine eigene Analyse aus dem August 2020 zu dem seiner Ansicht nach bevorstehenden "Bullrun" der Gamestop-Aktie, den er schließlich zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung gemacht hatte. Damals hatte er zwischenzeitlich Gamestop-Aktien im Gegenwert von rund 40 Millionen Dollar gehalten.

Keith Gill während einer per Video durchgeführten Befragung im US-Kongress.
AP

Neuer Squeeze

Offensichtlich muss Gill aber nichts Gehaltvolles schreiben oder ein neues Video hochladen. Denn eine Botschaft ist – ob intendiert oder nicht – trotzdem angekommen. Ein neuer Run auf die Gamestop-Aktie hat ihren Kurs verdoppelt. Der massive Anstieg ließ an der Börse mehrfach den Volatilitätsalarm schrillen, was zu einer temporären Aussetzung des Handels mit dem Wertpapier führte.

Nach aktuellem Dafürhalten handelt es sich erneut um einen "(Short) Squeeze", also einen schnellen Kursanstieg durch erzwungene Schließung von Short-Positionen, und nicht um "Pump and Dump" (Anstieg durch ungewöhnlich viele Kaufaufträge). Squeezes ereignen sich oft zum Schaden größerer Investoren, Short Seller haben laut CNBC zuletzt bereits Verluste in Höhe von einer Milliarde Dollar durch die jüngsten Entwicklungen gemeldet. Für Verkäufer ist ein hohes Risiko gegeben, da der Zeitpunkt des unvermeidbaren Kursabsturzes schwer vorherzusagen ist.

Fehlender Gegenwert

Klar ist allerdings, dass es keinen erkennbaren unternehmerischen Gegenwert für den Anstieg gibt. Es gab keinen großen Umbruch bei Gamestop, der annehmen ließe, dass das Unternehmen den langsamen Verfall seines Ladengeschäftes aufhalten oder sein Onlineshop dramatisch an Beliebtheit gewinnt. Ähnliches gilt auch für AMC Entertainment.

"Dass 'Roaring Kitty' zurück ist, sollte für den Aktienmarkt eigentlich bedeutungslos sein", zitiert Reuters den CEO von Tuttle Capital Management, Matthew Tuttle. "Dass Memestocks wieder da sind, befeuert den gesamten Markt an Wertpapieren, auf dem Retailfans gerne handeln. Und es gibt ihnen die Möglichkeit, Geld nicht nur mit 'Buy and Hold' zu machen."

Freilich besteht die Chance, dass die Kursrallye schon wieder vorbei ist. Wohl infolge der Handelssperren rutschte der Kurs zum Börsenschluss am Montag auf rund 30 Dollar hinunter. Die Entwicklung am heutigen Wall-Street-Handelstag könnte bereits ein Richtungsweiser dafür sein, ob sich die Ereignisse von 2021 möglicherweise wiederholen. (gpi, 14.5.2024)