Schlafwandelnde Menschen werden typischerweise mit weit von sich gestreckten Armen und geschlossenen Augen dargestellt, die buchstäblich "traumwandlerisch" umherlaufen und einfache Dinge verrichten. Tatsächlich aber haben Schlafwandler in der Regel die Augen geöffnet, und sie sind trotz des Schlafzustandes zu komplexen Interaktionen mit ihrer Umgebung fähig. Und lustig ist das auch nur in den seltensten Fällen: Parasomnien können sowohl für die Betroffenen als auch für eventuelle Bettpartner zur schweren Belastung werden.

Schlafwandlerfigur auf dem Dach
Schlafwandeln ist keine spaßige Angelegenheit. Betroffene und ihre Familien leiden häufig sehr darunter. Die Forschung zielt daher auch darauf ab, spezifische Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Foto: Strube

Bei Kindern verbreitet

Unter Parasomnien fasst die Schlafforschung verschiedene Ausprägungen von abweichendem Schlafverhalten zusammen. Dazu zählt bloßes Aufsitzen im Bett während des Schlafes ebenso wie komplexe Tätigkeiten irgendwo im Haus (und bisweilen sogar außerhalb). Solche Schlafstörungen sind meistens eine Sache der Jugend: Während 30 Prozent der Kinder regelmäßig schlafwandeln, tun das nur rund drei Prozent der Erwachsenen.

Schlafwandeln, auch Somnambulismus genannt, tritt normalerweise während der Tiefschlafphase auf. Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass während einer solchen Episode das Gehirn nicht als Ganzes erwacht, sondern einige Areale weiterschlafen. Dieser Zwischenzustand mit eingeschränkter Wahrnehmung führt dazu, dass Betroffene aufstehen, sich bewegen oder sprechen und trotzdem von all dem nichts mitbekommen.

Genetische Veränderungen

Warum manche Menschen darunter leiden und andere nicht, ist noch weitgehend ein Rätsel. Dass es vor allem bei Kindern vorkommt, werten Expertinnen und Experten als Hinweis darauf, dass die Neigung zum Schlafwandeln mit der Gehirnreifung zusammenhängt. Auch genetische Verbindungen wurden gefunden: Einige Schlafwandler besitzen an einer bestimmten Stelle des Chromosoms 20 eine charakteristische Veränderung, die autosomal dominant weitervererbt wird. Dies kann einer der Gründe sein, warum Schlafwandeln innerhalb einzelner Familien gehäuft auftritt.

Um herauszufinden, was im Gehirn von Menschen vor sich geht, die zwischen Schlaf- und Wachzustand gefangen sind, hat nun ein niederländisches Forschungsteam einen tieferen und vor allem höher aufgelösten Blick in den Denkapparat von Schlafwandlerinnen und Schlafwandlern geworfen. Frühere Studien und anekdotische Berichte lieferten Hinweise auf traumähnliche Prozesse während Schlafwandlerperioden, die manchmal auftraten und ein andermal nicht.

Träumähnliche Zustände

"Früher wurde allgemein angenommen, dass Träume nur in einer Schlafphase vorkommen, dem REM-Schlaf", sagte Francesca Siclari von der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften (KNAW). "Mittlerweile wissen wir, dass Träume auch in anderen Phasen auftreten können. Menschen, die Parasomnien während des Nicht-REM-Schlafs erleben, berichten manchmal von traumähnlichen Erfahrungen."

Um zu verstehen, wann während Schlafwandler-Episoden geträumt wird und wann nicht, untersuchten Siclari und ihr Team die Gehirnaktivitätsmuster von 24 Personen mit Parasomnie per hochauflösende Elektroenzephalografie (EEG). Solche Untersuchungen sind keine leichte Aufgabe, immerhin sollen die EEG-Messungen auch und vor allem bei den aktivsten Episoden der Teilnehmerinnen und Teilnehmer verlässliche Werte aufzeichnen.

"Derzeit gibt es nur sehr wenige Studien, bei denen dies gelungen ist. Aber mit den vielen Elektroden, die wir im Labor verwenden, und einigen speziellen Analysetechniken können wir jetzt ein sehr sauberes Signal erhalten, selbst wenn sich die Patienten bewegen", erklärte Siclari. Erleichtert hat die Untersuchung, dass man im Labor eine Parasomnie-Episode durch Schlafentzug und Geräusche auslösen kann. Nach den Nächten mit schlafwandlerischen Vorfällen wurden die Betroffenen gefragt, woran sie sich erinnern konnten und was ihnen hinsichtlich der vergangenen Nacht durch den Kopf ging.

Francesca Siclari
Francesca Siclari vom Niederländischen Institut für Neurowissenschaft der KNAW beschäftigt sich mit den Vorgängen im Gehirn von Schlafwandlerinnen und Schlafwandlern.
Foto: Netherlands Institute for Neuroscience (NIN)

Bedrohliche Szenen

Laut den im Fachjournal Nature Communications veröffentlichten Ergebnissen traten bei 56 Prozent der Parasomnie-Episoden Träume auf. "Oft ging es dabei um ein bedrohliches Szenario oder um konkrete Gefahren. Einige Personen berichteten, dass sie dachten, die Decke würde herunterkommen. Eine Patientin dachte, sie hätte ihr Baby verloren, und durchsuchte die Bettwäsche. Die Frau stand vom Bett auf, um Marienkäfer davor zu bewahren, an der Wand herunterzugleiten und zu sterben", schilderte Siclari einige Beispiele.

In 19 Prozent der Fälle erinnerten sich die Teilnehmer an gar nichts und wachten einfach auf, während sie im Schlaf irgendwelche Handlungen vollführten, ohne zu wissen, warum. Eine dritte, sehr kleine Gruppe gab an, etwas erlebt zu haben, konnte sich aber nicht daran erinnern, was es war. Auf Grundlage dieser drei Kategorien verglich Siclaris Gruppe die gemessenen Gehirnaktivitäten und fand deutliche Parallelen.

"Im Vergleich zu Patienten, die nichts erlebten, zeigten Patienten, die während der Episode träumten, Aktivierungen, die jenen ähnelten, die zuvor für Träume gefunden wurden, sowohl unmittelbar vor der Episode als auch während der Episode", sagte Siclari. Ob der Patient während des Schlafwandelns träumt, scheint indessen davon abzuhängen, in welchem Zustand er sich in diesem Moment befindet.

Zielgerichtete Therapien

"Wenn wir das Schlafwandeln auslösen, während sie wahrscheinlich bereits träumen, scheinen sie in der Lage zu sein, etwas aus der Aktivierung zu machen", so Siclari. Merkwürdigerweise erwähnen die Patienten praktisch nie das Geräusch, das die Parasomnie-Episode ausgelöst hat. Wie man diese Resultate in therapeutische Maßnahmen für Betroffene ummünzen kann, muss sich noch zeigen. "Diese Erfahrungen sind für die Patientinnen und Patienten sehr real, und die meisten fühlten sich bereits erleichtert, sie mit uns teilen zu können", sagte Siclari.

Längerfristig können diese Arbeiten zu besseren medikamentösen Behandlungen beitragen. "Parasomnien werden häufig mit unspezifischen Schlafmitteln behandelt, was nicht immer wirksam ist und negative Nebenwirkungen haben kann", sagte die Neurologin. "Wenn wir herausfinden können, welches neuronale System beim Schlafwandeln abnormal arbeitet, können wir eventuell versuchen, zielgerichtete Therapien zu entwickeln." (Thomas Bergmayr, 15.5.2024)