Ein besonders gutes Zeugnis haben Nachhilfelehrer der Wiener Lernplattform Go Student noch nie ausgestellt. Im vergangenen Jahr haben sich die Arbeitsbedingungen für Tutorinnen und Tutoren aber ein weiteres Mal verschlechtert. Dabei geht es vor allem um finanzielle Einbußen und intransparente Gebühren.

Zur Erinnerung: Dem Ziel vom möglichst schnellen Wachstum wurde bei Go Student lange alles untergeordnet. Eine Zeitlang funktionierte das auch, ein millionenschweres Investment jagte das andere. Dann kam das Jahr 2022. Energiekrise, Inflation, Zinswende und schwächelnde Konjunktur zwangen das Unternehmen zu einem Kurswechsel und harten Einschnitten.

Bereits in der Vergangenheit haben Tutorinnen und Tutoren immer wieder schwere Vorwürfe gegen Go Student erhoben. Von einem System des langen Hinhaltens und Wachstumsfantasien, für die ein hoher Preis zu zahlen sei, war die Rede.
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Doch Probleme begannen schon davor, von vielen Seiten, allen voran Tutorinnen und Tutoren, kamen schwere Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber Go Student, DER STANDARD hat berichtet. Von schlechten Arbeitsbedingungen und großem Druck war die Rede. Wenig später folgten Massenkündigungen. Was ist aktuell los?

Finanzielle Abstriche

"Ich arbeite seit Sommer 2022 für Go Student, habe fast 2000 Unterrichtseinheiten abgehalten, und in den vergangenen anderthalb Jahren haben sich viele Dinge verschlechtert", sagt Ralf Kessler zum STANDARD. Er heißt eigentlich anders, will aber nicht erkannt werden. Viele kostenlose Webinare, Schulungen oder einen monatlichen Newsletter gebe es nicht mehr, aber vor allem hätten sich die finanziellen Bedingungen deutlich zum Schlechteren verändert.

Ungereimtheiten und Verschlechterungen bei der Bezahlung kritisierten Nachhilfelehrer bereits in der Vergangenheit. Dieses Mal geht es um Änderungen beim Bonussystem, der Vergütung bei No-Show-Regelungen und Probestunden sowie Rechnungen für sogenannte Vermittlungsleistungen.

Kostenlose Probestunden

Go Student wirbt mit kostenlosen Probestunden, in denen sich Lehrkräfte einerseits vorstellen, andererseits eine erste Unterrichtseinheit durchführen. Im März wurde diese Kennenlernstunde von 50 auf 30 Minuten reduziert. Vergütet wird die Stunde aber nur noch, wenn Schüler bzw. Eltern danach einen Vertrag mit Go Student abschließen. Dann gibt es 13 Euro. "Die Vertragsverhandlungen führen Bildungsberater von Go Student, Tutoren sind davon ausgeschlossen. Daran scheitert der Vertrag dann leicht einmal", erzählt Kessler. Warum und ob das immer so läuft, lässt Go Student auf Anfrage unbeantwortet.

Zu seiner Anfangszeit ist laut Kessler auch das Bonussystem noch ertragreicher gewesen. Es habe Einmalzahlungen gegeben, wenn man innerhalb eines halben Jahres eine gewisse Anzahl von Unterrichtseinheiten abhielt. Dieses System wurde bereits im Oktober 2022 geändert – es gibt keine Einmalzahlungen mehr, je mehr man unterrichtet, desto höher fällt der Stundenlohn aus, zeigt ein Dokument, das dem STANDARD vorliegt.

Kessler, selbst Mathematiklehrer, habe gemeinsam mit anderen Mathe-Tutoren nachgewiesen, dass sich diese Umstellung praktisch immer negativ aufs Gehalt ausgewirkt hat. Eine Nachfrage dazu beantwortete Go Student ebenfalls nicht.

No-Show-Regelung

Bei der sogenannten No-Show-Regelung im Falle, dass Schüler nicht zur Einheit kommen, gab es Anfang April Anpassungen. Der Tarif wurde auf 6,50 Euro gekürzt, zuvor war es mindestens ein Euro mehr. Go Student begründet das mit verkürzter Wartezeit: Tutoren können nun nach zehn Minuten (vorher 20 Minuten) die Einheit verlassen. In Tutorenkreisen zirkulieren zudem Gerüchte, dass die No-Show-Vergütung im Mai ganz abgeschafft werden soll. "Uns ist dieses Gerücht bekannt. Es entspricht nicht der Wahrheit", heißt es jedoch bei Go Student.

Plötzliche Umsatzsteuer

Etwas komplizierter wird es bei den sogenannten Vermittlungsleistungen. Go Student stellt eine Plattform zur Verfügung, um Schüler und Lehrer zusammenzubringen. "Der Lehrer zahlt Go Student für jeden vermittelten Lehrervertrag eine Provision" – so steht es in den AGB, die die Basis für das Verhältnis zwischen Unternehmen und Lehrenden legen. Die Provisionszahlungen dienen laut Go Student vor allem zur Kundenakquise sowie zur Erhaltung und Verbesserung der technischen Infrastruktur. Das ist grundsätzlich nichts Unübliches in der Gig-Economy.

Kessler und andere beklagen allerdings die Intransparenz dieser Leistungen. Man wisse nicht, wofür man bezahlt. Dass man nicht wisse, wofür diese Provisionen anfallen, sei weniger tragisch. Doch seit Juni 2023 befänden sich unangekündigt Rechnungen inklusive Umsatzsteuer in den Accounts der Tutoren.

Das ist rechtlich in Ordnung, hat jedoch für viele Tutoren einen Schönheitsfehler. Die meisten fallen unter die Kleinunternehmerregelung, geben neben Studium auf Teilzeitbasis Nachhilfe. Das heißt, sie sind nicht vorsteuerabzugsberechtigt und zahlen somit diese Umsatzsteuer. "Das kam aus dem Nichts und macht sich beim Lohn deutlich bemerkbar", meint Kessler. Go Student weist die Leute darauf hin, ihr Einkommen mit einem Steuerberater zu besprechen – für individuelle Fragen gebe es aber zu viele Tutorinnen und Tutoren in zu vielen Ländern.

Profitabilität

"Um die Nachhaltigkeit unseres Modells zu gewährleisten, müssen wir von Zeit zu Zeit Anpassungen vornehmen", so begründet das einstige Rekord-Start-up die jüngsten Entwicklungen im Betrieb. Unternehmensangaben zufolge dürften diese Früchte tragen. Im März gab Gründer und Geschäftsführer Felix Ohswald bekannt, mit Go Student erstmals profitabel zu sein. (Andreas Danzer, 16.5.2024)