In den Überresten einer 2700 Jahre alten mesopotamischen Metropole stießen Archäologen im 19. Jahrhundert auf eine bemerkenswerte Gruppe von Symbolen. Die Zeichenserie bestand aus Löwe, Adler, Stier, Baum und Pflug, und die französischen Fachleute fanden sie an unterschiedlichen Stellen an den Wänden der Ruinen im heutigen Nordirak. Die Anordnung ließ den Verdacht aufkommen, die Figurengruppe könnte mehr als nur symbolbehafteter Zierrat sein.

An Ideen dazu herrschte kein Mangel: Manche Expertinnen und Experten glauben, sie seien wie ägyptische Hieroglyphen eine Art Ausdruck der königlichen Macht. Doch wie genau sich dies in der Figurenfolge niederschlägt, blieb bisher ein Rätsel. Nun hat ein britischer Forscher eine Hypothese vorgestellt, die vielleicht Licht in die Angelegenheit bringt.

Die fünf Symbole könnten demnach die phonetische Wiedergabe des Herrschernamens Sargon sein, jenes Königs, der nach einer dubiosen Thronbesteigung eine neue Stadt aus dem Boden stampfen ließ. Mehr noch: Die Darstellungen sind vielleicht auch der Versuch, den Herrscher in die göttlichen Sphären der Sterne zu platzieren.

Relief von Sargon II.
Das Alabaster-Basrelief aus dem neuen Königspalast von Dūr-Šarrukīn zeigt Sargon II.
Foto: Osama Shukir Muhammed Amin

Zurück zu alter Größe

Wo heute 15 Kilometer vor Mossul die Kleinstadt Khorsabad liegt, ragten im 6. Jahrhundert vor Christus die Mauern der Neuassyrischen Stadt Dūr-Šarrukīn empor. Das Volk der Assyrer war im Norden des Zweistromlandes in den 1200 Jahren davor mehrmals mit Großreichen in Erscheinung getreten. Nachdem es für eine Weile zu eher bescheidener Bedeutung verkommen war, konnte König Tiglat-Pileser III., so sein biblischer Name, das Neuassyrische Reich ab 745 v. Chr. zurück zu alter Größe führen.

Sein Sohn und rechtmäßiger Erbe Salmanassar V. baute den Einfluss des Neuassyrischen Reiches mit militärischer Härte aus, fiel aber 721 v. Chr. einem Mordanschlag zum Opfer. Dann wurde die Thornfolge etwas undurchsichtig: Nach dem Tod Salmanassars scheint plötzlich sein Bruder in den überlieferten Königslisten auf, der spätere Sargon II. Das gab unter Assyrologen Anlass zu Spekulationen: Womöglich hatte Sargon als Usurpator den Thron gewaltsam an sich gerissen. Einige Dokumente aus seiner Regierungzeit (721 bis 705 v. Chr.) sprechen für diese Hypothese.

Eine neue Hauptstadt

Sargon folgte dem Beispiel seiner Vorgänger und suchte sein Reich mit Gewalt zu vergrößern, was ihm auch gelang. Ab 712 v. Chr. ließ er die Stadt Dūr-Šarrukīn als neue Hauptstadt des Neuassyrischen Imperiums errichten, inklusive Tempeln und neuen Königspalasts. Übersetzt bedeutet der Name "Sargons Festung", es war wohl ein Prestigeprojekt, für das Sargon eine besondere Obsession hegte. Die Stadt sollte rund drei Quadratkilometer bedecken, das neue Zentrum der Macht würde "konkurrenzlos" werden, heißt es in überlieferten Inschriften. Nach sechsjähriger Bauzeit und noch vor seiner Fertigstellung zog der Hofstaat im Jahr 706 v. Chr. in den neuen Prunkbau ein, den größten assyrischen Palast, der je gebaut wurde.

Rekonstruktion des Königspalastes von Dūr-Šarrukīn
Ein Rekonstruktionsversuch des Palastes von Dūr-Šarrukīn aus dem Jahr 1905. Auf den Überresten dieser Mauern fanden Archäologen die Bilderfolge Löwe, Adler, Stier, Baum und Pflug.
Illustr.: John Henry Wright/University of California Libraries

All dies spricht dafür, dass Sargon II. seinen Herrschaftsanspruch für alle Welt sichtbar untermauern wollte. Sein ausgeprägtes Bedürfnis, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, könnte sich auch in Form einer an verschiedenen Stellen im Palastareal angebrachten Bilderfolge niedergeschlagen haben. Das zumindest vermutet der Assyrologe Martin Worthington vom irischen Trinity Collage in Dublin hinter der bildlichen Aneinanderreihung von Löwe, Adler, Stier, Baum und Pflug.

Verschlüsselter Königsname

Worthington ist Spezialist für die Sprachen und Zivilisationen des alten Mesopotamien, seiner Lesart nach könnten die Symbole den Namen des Königs lautmalerisch wiedergeben. "Mein Vorschlag ist, dass der Löwe die Idee des Königtums repräsentiert, eine Verbindung, die wir in mesopotamischen Quellen nachweisen können", sagte Worthington. Damit wäre das Namenselement "šar-" für König hier festgehalten. Davon ausgehend hat der Assyrologe auch die übrigen vier Symbole zu interpretieren versucht. "Ich hatte das Gefühl, dass es eine sehr gute Chance gibt, dass diese Zeichen Sargons Namen wiedergeben", so Worthington.

Löwendarstellung aus
Im 19. Jahrhundert wurden die Bilder von den Wissenschaftern sorgfältig nachgezeichnet. Diese Wiedergabe des Löwen, der den Anfang der Figurenserie bildet, stammt vom französischen Archäologen Victor Place.
Foto: New York Public Library

Zunächst verfolgte der Forscher die Idee, dass man hier aramäische Wörter verwendet hatte, aber das hat nicht funktioniert. Als Worthington stattdessen jedoch assyrisch-babylonischen Begriffe einsetzte, ging die Rechnung für den Wissenschafter plötzlich auf: Die fünf Symbole Löwe, Adler, Stier, Baum und Pflug ergaben, in der richtigen Reihenfolge ausgesprochen, den Namen "šargīnu", also Sargon, in assyrischer Sprache. Diese Interpretation funktioniert auch bei einer verkürzten Variante der Zeichenfolge aus Löwe, Baum und Pflug. Diese taucht an mehreren Stellen in Dūr-Šarrukīn auf und lässt sich ebenfalls als kürzere Version von "Sargon" lesen.

Adler- und Stierdarstellung aus Khorsabad
Der Löwe wird gefolgt von einem Adler und einem Stier.
Foto: New York Public Library

Zu den Sternen

Doch in den Zeichensequenz könnte noch mehr stecken, vermutet der Forscher im Bulletin of the American Society of Overseas Research. Die Darstellungen könnten darüber hinaus auch Sternenkonstellationen repräsentieren. Die Sternbilder Löwe, Adler oder Stier existieren bis heute. Andere, wie das Sternbild "Kiefer", das Worthington phonetisch mit dem Baum in Verbindung bringt, gingen dagegen verloren. Auch die verwendeten Farben würden diesen Schluss zulassen, "Blau und Gelb erinnern sehr an den Nachthimmel", meinte der Forscher.

Baum- und Pflugdarstellung aus Khorsabad
Den Abschluss bilden der Feigenbaum und der Pflug.
Foto: New York Public Library

"Die Wirkung der fünf Symbole bestand darin, Sargons Namen für alle Ewigkeit in den Himmel zu stellen", sagte Worthington. "Das ist eine clevere Methode, um den Namen des Königs unsterblich zu machen. Und natürlich war die Angewohnheit von megalomanen Persönlichkeiten, ihren Namen auf Gebäude schreiben, nicht nur im alten Assyrien verbreitet." Worthington räumt freilich ein, dass es sich hier nach wie vor um eine Hypothese handelt. Er könne seine Theorie nicht beweisen, aber die Lesart erscheine ihm sehr plausibel: "Die Chancen, dass das alles kein Zufall ist, sind – verzeihen Sie das Wortspiel – astronomisch."

Und was wurde aus Sargon II.? Der Herrscher über das Neuassyrische Reich konnte sich nicht lange an seiner prunkvollen neuen Bleibe erfreuen: Schon ein Jahr nach dem Einzug wurde Sargon Opfer seiner eigenen kriegerischen Ambitionen. Viel ist nicht über den Tod von Sargon II. überliefert, doch aus den wenigen Inschriften und Dokumenten lässt sich etwa Folgendes rekonstruieren: Im Frühsommer 705 v. Chr. schloss sich Sargon seinen Truppen zu einem Feldzug gegen Tabal an, einem Königreich in der heutigen Türkei, das sich damals neuerdings der assyrischen Oberhoheit widersetzte.

Lamassu-Statue aus Khorsabad
In den Ruinen von Dūr-Šarrukīn legten französische Forschende im Oktober 2023 diese neuassyrische Lamassu-Statue, einen menschenköpfigen geflügelten Stier, frei.
Foto: AFP/ZAID AL-OBEIDI

Sargons Ende

Eine wirkliche Gefahr ging von Tabal nicht aus, es gab wichtigere Missionen, die nur von Generälen geleitet worden waren – warum also führte Sargon persönlich diesen Feldzug an? Manche Fachleute halten es für wahrscheinlich, dass Sargon die Expedition als interessante Abwechslung zum Hofleben in Dūr-Šarrukīn sah. Der vermeintlich harmlose Feldzug mündete in eine Katastrophe: In Anatolien griff ein gewisser Gurdî von Kulumma, vermutlich ein lokaler Herrscher, mit seinen Truppen das assyrische Lager an, Sargon wurde im Kampf getötet, seine Leiche blieb auf dem Schlachtfeld zurück.

Mit dem Tod des Herrschers war auch das Projekt "Neue Hauptstadt" gestorben: Sargons Sohn und Nachfolger Sennacherib stoppte die Bauarbeiten an Dūr-Šarrukīn, das kurz vor seiner Vollendung stand, und verlegte den Hofstaat in das 20 Kilometer weiter südlich gelegene Ninive. Etwa ein Jahrhundert später, als das Neuassyrische Reich unterging, wurde Sargons Prestigemetropole endgültig aufgegeben. (Thomas Bergmayr, 21.5.2024)