Fury und Usyk
Fury (li.) und Usyk kämpfen um die Krone.
Action Images via Reuters/Andrew

Nimmt man dem Boxsport den Pathos, bleibt er noch immer atemberaubend. Dabei ist die Geschichte Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau so banal, wie sie uralt ist. Fad wird sie trotzdem nicht. Und doch macht es mit einer ordentlichen Portion Pathos noch viel mehr Spaß. Es geht, wie so oft im Sport, um die Krone, den Titel, den Anspruch, der Beste der Besten zu sein. In der Nacht auf Sonntag (00.05 Uhr MEZ/DAZN) ist es wieder einmal so weit. Wenn in Riad der Ukrainer Oleksandr Usyk und der Engländer Tyson Fury in den Ring steigen, geht es um alles. Und noch ein bisschen mehr.

"The Undisputed Heavyweight Champion of the World", der unumstrittene Schwergewichtschampion der Welt. Wie das schon klingt. Mehr geht nicht, besser gibt es nicht. Es geht um die ultimative Krone im Boxsport, alle Titel aller Verbände, alle Gürtel um einen Body geschnallt. Der Letzte dieser erlesenen Zunft war der Brite Lennox Lewis. Der Löwe bezwang 1999 Evander Holyfield, krönte sich zum "Undisputed Heavyweight Champion of the World". In Saudi-Arabien wollen ihm Fury und Usyk nachfolgen. In der Ambition vereint, sind die Voraussetzungen unterschiedlich: Der Ukrainer Usyk hält aktuell folgende Titel: Ring, IBF, WBA, WBO. Sein Gegner Fury hat den WBC-Gürtel, ist aber keineswegs Underdog. Denn beide Männer sind Maschinen im Ring.

Kein Elefant

Bleiben wir vorerst bei Usyk. Der Ukrainer hat alles dem Boxsport verschrieben, gilt jetzt schon als einer der Besten überhaupt. Dass sein Leben just am 17. Jänner 1987 begann, kann als Schmäh des Schicksals bezeichnet werden: Denn am 17. Jänner 1942 wurde in Nashville, Kentucky, ein gewisser Cassius Marcellus Clay Jr. geboren, der später als Muhammad Ali zur Legende wurde. Usyk wuchs ganz weit weg von Nashville in Simferopol, der Hauptstadt der Krim, auf. Bis zu seinem 14. Lebensjahr spielte Usyk bei Tawrija Simferopol Fußball, entschied sich aber für den Boxsport. Eine gute Entscheidung: Als Cruiserweight, der Klasse unter dem Schwergewicht, dominierte er die Szene, war unumstrittener Weltmeister seiner Gewichtsklasse, ehe er 2019 ins Schwergewicht wechselte.

Usyk
Usyks Trumpf ist seine Agilität.
AFP/FAYEZ NURELDINE

Die körperlichen Voraussetzungen fallen im Boxen besonders schwer ins Gewicht: Es geht um Reichweite, es geht um Kraft, es geht darum, auch ordentlich kassieren zu können. Usyk ist körperlich in seiner Klasse am unteren Rand angesiedelt, gilt mit einer Größe von 1,91 Metern als vergleichsweise klein und quasi schmächtig. "Wenn es nur um Größe und Gewicht gehen würde, wäre der Elefant der König der Tiere", sagte der 37-Jährige einmal. Auf dem Weg zum König der Schwergewichtsboxer stellt sich dem Ukrainer ein Koloss entgegen, denn wenn Usyk unter den Schwergewichtlern ein Kleinlaster ist, ist Tyson Fury ein Kreuzfahrtschiff.

Türsteher mit Händchen

Auf den ersten Blick wirkt der Mann aus Manchester wie ein grimmiger Türsteher eines nordenglischen Nachtclubs. Und doch ist der 35-Jährige viel mehr als ein dumpfer Schläger. Fury ist vor allem ein Spektakel. Der Brite beherrscht neben seiner unorthodoxen Art zu boxen den Trash-Talk wie wenige andere, hat eine unnachahmlich provokante und zugleich selbstsichere Art, mit der er unweigerlich in die Köpfe seiner Gegner gelangt. Fury stammt aus einer irischen Traveller-Familie, sein Vater John war Bare-Knuckle-Kämpfer, schlug also mit bloßen Händen zu, ehe er professioneller Boxer wurde. Bruder Tommy ist Profi im Halbschwergewicht, sein Halbbruder Roman boxt als Profi im Cruisergewicht, und Young Fury war ebenfalls Boxer im Schwergewicht. Tyson aber sticht aus der Familie der Fäuste heraus: auch durch seine Körpergröße von 2,06 Metern.

Fury
Fury kommt aus einer Familie der Fäuste.
AFP/FAYEZ NURELDINE

Als Fury am 28. November 2015 den seit mehr als elf Jahren unbesiegten Wladimir Klitschko nach zwölf Runden einstimmig nach Punkten besiegte und neuer Schwergewichts-Weltmeister der vier Verbände (WBA, WBO, IBF und IBO) wurde, war der Brite am Olymp. Um kurz später ganz am Boden anzukommen. Er klagte über Depressionen, wurde wegen Dopings gesperrt und erklärte immer wieder seinen Rücktritt. Und doch: "Ich wurde so oft niedergeschlagen, aber ich bin immer wieder aufgestanden und stärker zurückgekommen", sagte er einmal. Eine Qualität, die für einen Boxer nicht schädlich ist.

Kampf der Philosophien

Was erwartet uns also beim großen Showdown am Samstag in Riad? Roman Shkarupa sieht die Chancen "60 zu 40" zugunsten Usyks. Der Ukrainer ist Kadertrainer im Wiener Boxklub Bounce, war selbst erfolgreicher Profi, ist also freilich Experte auf seinem Gebiet. Für seinen Landsmann sprächen "sein hoher Box-IQ, seine Bein- und Handgeschwindigkeit, seine Technik und dass man ihn im Ring quasi nicht überraschen kann". Fury auf der anderen Seite sei das "komplette Gegenteil: Er ist ein technisch nicht so klassisch ausgebildeter Boxer, aber ein dimensionaler Kämpfer mit großer Armspannweite. Und er weiß, wie er seinen Stil dem Gegner aufzwingt", sagt Shkarupa dem STANDARD. Usyks Trumpf sei seine Agilität, will er seinen größeren Gegner bezwingen, muss er laut Shkarupa "in Bewegung bleiben, seine Geschwindigkeit nutzen und mit einer Serie von Schlägen arbeiten". Und Furys Plan? "Er wird versuchen, Usyk in einen schmutzigen Nahkampf zu ziehen."

Roman Shkarupa sieht Usyk leicht im Vorteil.
FRB Media

Am Samstag prallen in Riad also nicht nur zwei Meister ihres Fachs, sondern auch irgendwo zwei unterschiedliche Boxphilosophien aufeinander. Ursprünglich hätte der Showdown schon früher stattfinden sollen, der Kampf wurde aber verschoben, weil sich Fury in einem Fight gegen den früheren UFC-Champion Francis Ngannou Gesichtsverletzungen zugezogen hatte. Im Boxen geht es bekanntlich nicht nur um Ruhm, Prestige und Gürtel – es ist auch unheimlich viel Geld im Spiel. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, Furys Promoter Bob Arum sagte aber: "Wenn Sie Tyson Fury sagen würden, dass er 100 Millionen Dollar verdienen wird, würde er wirklich sauer werden, weil er denkt – und ich denke, er hat sogar recht –, dass er viel mehr verdienen wird." Auch Gegner Usyk soll ordentlich abstauben. Einst soll er gegen Anthony Joshua rund 75 Millionen Dollar kassiert haben. Dieses Mal dürfte es mehr sein. (Andreas Hagenauer, 18.5.2024)