Thomas Silberberger
Thomas Silberberger kehrt Wattens nach elf Jahren den Rücken.
APA/DIETMAR STIPLOVSEK

Am Samstag endet in Wolfsberg eine Ära. Thomas Silberberger bestreitet ab 17 Uhr sein letztes Spiel als Trainer der WSG Tirol. Es ist sein 378. Der 50-jährige Innsbrucker, der den Verein im Mai 2013 in der Regionalliga übernommen hat, scheidet freiwillig. Er nennt den Klub übrigens beharrlich WSG Wattens. Silberberger verzichtet auf Sentimentalitäten, möchte dem Fußball erhalten bleiben. Vielleicht in einer Großstadt.

STANDARD: Ihr letztes Spiel steht an. Wie ist die Gemütslage?

Silberberger: Momentan bin ich extrem gelassen. Ich räume mein Büro aus, da ist einiges zusammengekommen in den elf Jahren. Viele Kisten, viel Material, das muss ich alles rausschleppen. Am Samstag wird es speziell, aber Großartiges wird bei mir nicht passieren, vielleicht in den letzten zehn Minuten vor Abpfiff. Im Match hast du zu viel Stress, um sentimental zu sein.

STANDARD: Das Spiel gegen den Wolfsberger AC findet in der Lavanttal-Arena statt, die zählt nicht gerade zu den Kathedralen des Fußballs. Passt das ein bisserl zu Ihrer Ära?

Silberberger: Ja. Aber ich bin immer gerne in die Lavanttal-Arena gefahren, wir haben dort immer gute Matches abgeliefert. Von ein oder zwei Ausnahmen abgesehen. Man kann es ich nicht aussuchen, aber es ist definitiv okay für mich.

STANDARD: Warum hören Sie eigentlich auf? Sie sind erst 50.

Silberberger: Es ist ermüdend gewesen, all die Jahre immer bei null anzufangen, keine eigene Heimat zu haben. Wir sind extrem wenig wertgeschätzt worden in Tirol. Dabei sind wir die WSG Wattens, die seit sechs Jahren in der Bundesliga spielt. Wenn man ehrlich ist, ist jede Saison mit Wattens im Oberhaus eine Sensation. Es interessiert halt niemanden. Mir fehlt die Kraft, im Sommer schon wieder aus dem Nichts zu starten. Ich habe gespürt, dass man es im nächsten Jahr vielleicht nicht mehr schafft.

STANDARD: Es ging in erster Linie immer nur darum, etwas zu verhindern. Das war auf Dauer nicht zufriedenstellend, oder?

Silberberger: Ja, es höhlt dich aus. Wir haben ein Geschäftsmodell auf Zeit, wir haben drei, vier Leihspieler, die funktionieren. Das ist immer eine Riesengefahr, du bekommst ja nicht die Beletage von Rapid oder anderen Klubs, es sind Leute, die dort keine Rolle spielen. Da sind einige dabei gewesen, die in der zweiten Liga keinen Vertrag mehr bekommen haben. Es war unsere Aufgabe, die Jungs so zu präparieren, dass sie in der Bundesliga miteinander bestehen können. Woanders haben sie kaum funktioniert. Es war extrem fragil, ich brauche einen neuen Impuls.

STANDARD: Eine Konstante war, dass die WSG in der Zuschauerstatistik immer Letzte war.

Silberberger: Das ist dem geschuldet, dass wir in Innsbruck im Tivoli spielen müssen. In Wattens hätten wir einen Heimvorteil gehabt, im kleinen Gernot-Langes-Stadion hätten wir pro Saison fünf oder sechs Punkte mehr gemacht. Dort waren wir fast eine Macht.

STANDARD: Sehen Sie eine Parallele zu Christian Streich, der nach zwölf Jahren beim SC Freiburg aufhört? Oder wäre der Vergleich anmaßend?

Silberberger: Er ist anmaßend. Die einzige Parallele ist, dass wir mittlerweile recht ähnlich ausschauen. Freiburg ist deutsche Bundesliga, das ist eine andere Kategorie. Streich ist abgestiegen, hat das verkraftet, ist wieder aufgestiegen und regelmäßig im Europacup. Ich wäre einmal fast abgestiegen, der Untergang von Mattersburg hat uns gerettet. Immerhin habe ich die zweite Chance genutzt. Den Europacup kennen wir aus dem Fernsehen.

STANDARD: Sie sind total verwurzelt in Tirol, haben einmal gesagt, wenn Sie in der früh keinen Kirchturm und keine Berge sehen, sind Sie traurig. Sie betonten zudem, nicht für die große, weite Welt geschaffen zu sein. Hat sich das geändert?

Silberberger: Ich bin extrem heimatverbunden, wir haben das Privileg, in Österreich, in meinem Fall Tirol, zu leben. Hier ist es wunderschön. Ich bin geerdet, dankbar. Jetzt habe ich beschlossen, es täte mir gut, eine Zeit in einer Großstadt zu verbringen. Das brauche ich.

STANDARD: Sie sind nicht vernetzt. Müssen Sie jetzt netzwerken?

Silberberger: Definitiv ja.

STANDARD: Was schwebt Ihnen vor?

Silberberger: Ich habe mich mit Thomas Böhm, einem sehr renommierten Berater, auf eine Zusammenarbeit geeinigt. Er wird für mich ausloten. Ideal wäre der deutschsprachige Raum. Deutschland zweite oder dritte Liga, Schweiz zweite Liga. Aber ich bin auch extrem sattelfest in Englisch.

STANDARD: Warum kein österreichischer Topverein? Sie haben allerdings gesagt, die warten nicht auf den Thomas Silberberger aus Tirol?

Silberberger: Die Meinung habe ich nach wie vor. Keine Ahnung, warum das so ist. Aber auch für Topvereine in Österreich ist die WSG Wattens eine absolute Randnotiz.

STANDARD: Sie bekommen zum Abschied einen Platz für Eigenwerbung. Warum soll ein Klub Sie holen?

Silberberger: Weil er eine extreme Ruhe im Verein bekommt. Ich bin ein Langzeittrainer, war sechs Jahre in Kufstein und elf Jahre in Wattens. Im Spaß habe ich zu Jürgen Werner gesagt, als er bei der Wiener Austria Manfred Schmid entlassen hat, ich bin kein Thema, weil dann hätte die Austria fünf Jahre Ruhe. Er hat gelacht. Der Verein, der mich verpflichtet, kriegt eine klare Idee, eine Geradlinigkeit. Ich habe Mittel gefunden, die Spieler auch in der Not scharfzumachen. Wir waren ja dauernd Abstiegskandidaten.

STANDARD: Normalerweise werden Fußballtrainer rausgeschmissen. Sie gehen freiwillig, das ist absolut ungewöhnlich.

Silberberger: Ja, das ist eine Auszeichnung, ein Luxus.

STANDARD: Sie haben vermutlich nicht unbedingt Millionen auf der Kante, müssen weiterarbeiten. Macht Sie diese Ungewissheit nervös?

Silberberger: Ausgesorgt habe ich nicht, aber ich habe keine Existenzangst. Ich besitze in Wörgl eine Landwirtschaft. Ich möchte im Fußball bleiben, Fußball ist meine Leidenschaft. Aber ich kann warten.

STANDARD: Haben Sie Fehler gemacht?

Silberberger: Fehler macht jeder, sogar täglich. Fehler machen auch jene, die Real Madrid trainieren. Man muss daraus lernen. Egal ob in Madrid oder in Wattens. (Christian Hackl, 16.5.2024)