Er ist über Nacht zum meistgesuchten Verbrecher Frankreichs geworden: Mohammed Amra, im Milieu genannt "la Mouche", zu Deutsch: die Fliege. Ein Schwerbrecher, der mit elf seine ersten Delikte beging, vom Dealer zum Bandenchef aufstieg und sich nicht scheute, Killer anzuheuern, um andere aus dem Weg zu räumen.

Eine Rose wurde am Eingang des Gefängnisses von Brest angebracht.
AFP/FRED TANNEAU

Am Dienstag entwich Amra mithilfe von vier Komplizen aus einem Gefangenentransport in der Normandie. Das Wortspiel läge nahe: Die Fliege hat die Fliege gemacht. Solche saloppen Bemerkungen wären allerdings fehl am Platz: Das brutale Kommando kannte keine Gnade und erschoss zwei Wächter, verletzte drei weitere zum Teil schwer. Ein Familienvater schwebte am Mittwoch mit Kopfschüssen zwischen Leben und Tod.

Angriff auf die Republik

Polizeiexperten sprechen von einer "regelrechten Exekution". Justizminister Éric Dupont-Moretti entrüstete sich: "Sie wurden abgeknallt wie Hunde – durch Männer, denen das Leben nichts bedeutet." Premierminister Gabriel Attal erklärte mit unterdrückter Wut in der Stimme: "Sie haben die Republik angegriffen. Sie haben die republikanische Ordnung verletzt."

Die eiskalte Vorgehen zur Befreiung Amras schockiert, verstört viele in Frankreich. Es kehrten in Europa langsam "mexikanische Verhältnisse" ein, hört man immer wieder. Die von mehreren Kameras gefilmte Action-Szene ereignete sich am Dienstag gegen elf Uhr morgens bei der Mautstation der Autobahn 154. Ein Gefangenentransporter bringt Amra von einer Einvernahme in Rouen in die Anstalt in Evreux zurück. Eben hat er die Bezahlschranke hinter sich gelassen, als er von zwei Geländewagen der Marken Audi und Peugeot von vorne und hinten eingeklemmt wird. Schwarzgekleidete Männer springen aus den Autos, zünden eine Granate und schießen Salven in das Innere des sich öffnenden Lieferwagens. Die Wächter haben keine Chance.

Minutiöse Planung

Auf einem Kamerabild ist zu sehen, wie Mohammed Amra aus dem Fahrzeug springt und in Handschellen davonrennt. Auch danach schießen die Komplizen weiter, sogar auf einen am Boden liegenden Transportbegleiter. Dann stecken sie ihre Wagen – die sich als gestohlen erweisen – in Brand; mit weiteren zwei Wagen setzen sie sich ab. Diese werden später in einem Dorf der Normandie gefunden. Von den Tätern und von Amra keine Spur.

Gefängniswächter halten in Beziers eine Schweigeminute für die ermordeten Kollegen ab.
AFP/PASCAL GUYOT

Einen Tag später sind sie immer noch auf freiem Fuß. In den Medien wird live debattiert. Etwa über den Umstand, dass sich die Befreier offensichtlich auskannten. Sie waren dem Gefangenentransport von Rouen aus in einem Wagen gefolgt. An der Mautstelle warteten andere Komplizen nur zehn Minuten lang. Hatte sie Amra telefonisch angewiesen? Denn niemand zweifelt, dass ein schweres Kaliber wie er in seiner Zelle über ein Handy verfügte. "Damit erkaufen die Behörden normalerweise den Frieden in den Haftanstalten", berichtete die Sicherheitsexpertin Audrey Goutard den perplexen Zuschauern auf dem Sender France-Info.

Justizpersonal protestiert

Gefängniswächter mehrerer Anstalten legten am Mittwoch spontan die Arbeit nieder. Noch schockierter als die meisten anderen Landsleute, blockierten sie die Zufahrten und forderten mehr Mittel, mehr Personal – mehr Sicherheit. Insassen kamen bei der Operation nicht frei.

Innenminister Gérald Darmanin bot 200 Polizisten zur Fahndung nach den Flüchtigen auf. Amras Steckbrief wurde aber vorerst nicht ausgeschrieben. Das könnte darauf hindeuten, dass die Polizei zuerst im Milieu Nachforschungen anstellen will, bevor sie eine landesweite Suche mit Polizei- und Zollsperren lanciert. Die Medien haben sein Bild aber längst publiziert.

Querschnitt durch das Strafgesetzbuch

Vielleicht ist Amra aber auch zu gefährlich, als dass die Polizei die Bevölkerung zur Mithilfe anhalten wollte. Sein Werdegang lässt kaum Zweifel zu, dass er und seine Komplizen zu allem bereit sind. Der 30-Jährige soll schon vor bald 20 Jahren auf die schiefe Bahn geraten sein. Mit 14 war er schon neunzehnmal wegen Gewaltausübung, Diebstahl und Erpressung gefasst worden, berichtete der Radiosender Europe-1. Später kamen Drogendelikte dazu. In Marseille läuft gegen ihn eine Ermittlung wegen "Entführung mit Todesfolge" und in Rouen wegen Mordversuchs. In Marbella in Spanien soll er hinter einem Auftragsmord an einem Rivalen aus dem Drogenmilieu stecken.

Vor einer Woche wurde "la Mouche" wegen sieben Einbruchdiebstählen in der Region Evreux zu anderthalb Jahren unbedingter Haft verurteilt. Am Freitag danach versuchte er die Gitterstäbe seiner Zelle durchzusägen; er wurde aber erwischt und mit einer Disziplinarmaßnahme belegt. Das war vier Tage, bevor ihn vier Komplizen während des Gefangenentransportes befreiten.

Von der Pariser Radiostation RTL zur brutalen Befreiung befragt, sagte Amras Mutter, sie verstehe nicht, wie man anderen das Leben "wegnehmen" könne. Sie hoffe, dass ihr Sohn, der seit langem nicht mehr mit ihr spreche, "ein für allemal" hinter Gitter komme. (Stefan Brändle aus Paris, 15.5.2024)