In einer Presseaussendung des russischen Verteidigungsministeriums zeigt sich ein Soldat der russischen Spezialeinheit Spetsnaz mit einem Steyr SSG 08.
Press Service of the Russian Federation MoD Southern Military District

Der Vorwurf, den das russische Investigativmagazin The Insider erhob, war nicht gerade subtil: "Trotz der EU-Sanktionen und der österreichischen Neutralität, mit der Wien seine Weigerung rechtfertigt, Waffen an die Ukraine zu liefern, fließen weiterhin österreichische Waffen nach Russland." Während man der Ukraine militärisch nicht zu helfen bereit ist, hilft man offenbar der russischen Seite bei ihrem Angriffskrieg, so der Vorwurf.

Als Beleg dafür dienen The Insider eine (nicht näher beschriebene) eingehende Lieferung bei Arsenal Weapons Salon LLC im Umfang von elf Steyr-Gewehren im Februar 2024, die Verfügbarkeit von rund 20 Steyr-Waffen auf der Homepage des langjährigen Generalimporteurs der Steyr-Waffen sowie mehrere Bilder aus Telegram-Kanälen russischer Soldaten. Die frei zugänglichen Bilddateien zeigen zweifelsohne Waffen der Firma Steyr Arms, dem österreichischen Traditionsunternehmen, das vor wenigen Wochen, am 13. April, zu 100 Prozent von der tschechischen Investmentgruppe RSBC übernommen wurde. Doch wie kann das sein?

Keine Lieferungen seit 2022

Im Bericht heißt es mehrmals, dass die Waffen aus österreichischer Produktion hohes Ansehen bei der russischen Armee genießen. Was sich im Bericht nicht explizit findet, ist ein Beweis des direkten Exportes durch Steyr nach Russland. Diesen schließt das Unternehmen auf STANDARD-Nachfrage auch explizit aus. So heißt es, "dass Steyr ab Beginn des Ukrainekrieges und den entsprechenden Sanktionen definitiv keine Waffen nach RUS (Russland, Anm.) geliefert hat". Ein solcher Export müsste, darf von der österreichischen Regierung aber aktuell nicht genehmigt werden. Grund ist das EU-Sanktionsregime.

Nun wird der Beginn des Krieges in der Ukraine allgemein gerne mit Februar 2022 datiert, wenn der Start eigentlich korrekterweise mit 2014 und dem russischen Krieg im Donbass und der Annexion der Krim datiert werden müsste. 2014 war auch das Jahr der einsetzenden Sanktionen der EU gegen Russland. Das Waffenembargo verbietet seither unter anderem "den Verkauf, die Lieferung, die Verbringung und die Ausfuhr von Rüstungsgütern und dazugehörigen Gütern aller Art, einschließlich Waffen und Munition, Militärfahrzeugen und -ausrüstung, paramilitärischer Ausrüstung und entsprechender Ersatzteile nach Russland unabhängig vom Ursprung der Güter".

Trotz des Sanktionsregimes gab es aber Waffenexporte auch von Steyr an Arsenal im Zeitraum von 2014 bis 2022. Arsenal sei der Generalimporteur für den russischen Markt, heißt es dazu von Steyr. Für Steyr sei der russische Markt zudem nach den USA der "zweitgrößte Markt für Jagd- und Sportwaffen". Wie das möglich war? "Die von uns getätigten Lieferungen erfolgten aufgrund eines Vertrages mit Arsenal LLC aus dem Jahr 2011", so Steyr. Tatsächlich beinhaltet, wie von Steyr korrekt kommuniziert, das Sanktionsembargo eine unbefristete Ausnahme für vor dem 1. August 2014 geschlossene Altverträge. Das erfüllte Auftragsvolumen seither? "Maximal 100 Stück", heißt es von Steyr. "Seit 2022 nichts." Auch bestehende Exportgenehmigungen seien sofort widerrufen worden.

Bei den in den Onlineshops verfügbaren Modellen sei aufgrund verlängerter Seriennummern teils von Umbauarbeiten und Modifikationen auszugehen, sagt Steyr. Und der Rest stamme aus Exporten von 2014 oder 2019, erklärt Steyr auf die Fragen des STANDARD. 2011 stattete Steyr Arms das russische Verteidigungsministerium offiziell mit Scharfschützengewehren aus.

Alternativrouten

Aber reichen die wenigen tatsächlich nachvollziehbaren Exporte aus, die einigermaßen regelmäßigen Beobachtungen österreichischer Waffen in Russland und der russischen Armee zu erklären? Informationen über etwaige Weiterverkäufe durch Arsenal oder andere "entziehen sich sowohl unserer Kenntnis als auch unserem Einfluss", heißt es von Steyr. Mutmaßungen wolle man nicht anstellen. Nachfragen dazu, was die Steyr Arms GmbH unternehme, damit keine Waffen beim Überfall der russischen Armee auf die Ukraine verwendet werden, und was man zur Verwendung der Waffen durch die russische Armee sowie die Söldnergruppe Wagner sage, blieben mit dem Verweis, dass man "nur auf ernsthafte Fragen antworte", unbeantwortet.

Es ist davon auszugehen, dass es abseits der legalen Wege bis 2022 jedenfalls noch alternative Optionen gibt, wie die Russische Föderation zu ihren heiß ersehnten Waffen kommt. Correctiv-Recherchen förderten bereits im vergangenen Jahr zutage, dass es 2023 einen deutlichen Anstieg deutscher Waffenexporte in die Vereinigten Arabischen Emirate, Kroatien, Ungarn, Kasachstan, Nordmazedonien, Polen und Usbekistan im Vergleich zu 2019 gab. Besonders über Kasachstan, das wechselseitig gute Beziehungen mit Moskau unterhält, sollen zuletzt immer wieder Waffen nach Russland gelangt sein. Ähnliches könnte freilich auch mit Glock-Waffen aus österreichischer Produktion und den Steyr-Gewehren geschehen. Russland findet jedenfalls immer wieder Wege, auch wenn dafür manchmal der komplexe Umweg via Syrien und Nordkorea bestritten werden muss.

Zum von The Insider aufgebrachten Verdacht, wonach via der zyprischen Firma Philippos Constantinieds Trading Co Ltd Steyr-Waffen kürzlich in Russland gelandet sein könnten, sagt Steyr nur, dass die Firma ein Kunde sei und "über die Jahre maximal etwa 40 Jagd- und Sportwaffen gekauft" habe. "Vom 'Nordkorea-Verdacht' ist uns nichts bekannt", heißt es in Replik auf die Frage, ob bekannt war, dass britische Behörden die Firma verdächtigen, Nordkorea mit Waffen zu beliefern. Zur Presse sagte das für Sanktionen zuständige Wirtschaftsministerium, dass der Staatsschutz DSN im Auftrag der zuständigen Staatsanwaltschaft selbstverständlich Ermittlungen einleiten würde, "sollte sich der Verdacht erhärten, dass EU-Sanktionen umgangen wurden". Aktuell gehe man den Vorwürfen nach, konkrete Ermittlungen gebe es aber noch keine.

Das SVD ist seit 60 Jahren das Scharfschützengewehr der russischen Streitkräfte.
REUTERS/Alexey Pavlishak

Dass russische Streitkräfte prinzipiell gerne westliche Präzisionswaffen verwenden, ist kein Wunder. Das russische Standard-Präzisionsgewehr war und ist immer noch das Scharfschützengewehr SVD (Snayperskaya Vintovka Dragunova), oder nur "Dragunov". Das SVD wurde in den 1950er-Jahren entwickelt und in den 60ern bei der ehemaligen Sowjetarmee eingeführt. Das Gewehr verschießt die älteste noch im Dienst befindliche Militärpatrone der Welt, die 7,62 x 54 R (für "Rand"), ein Munitionstyp, der Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und bereits 1891 bei der russischen Armee eingeführt wurde. Das SVD war dabei nie für weite Distanzen jenseits der 1500 Meter gedacht, sondern sollte Infanterieeinheiten eine Möglichkeit bieten, auf eine Distanz von etwa 800 Metern effektiver zu sein. So wurde von sowjetischen Scharfschützen erwartet, dass sie ein menschengroßes Ziel auf eine Distanz von 800 Metern mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent treffen. Stark vereinfacht gesagt hat das SVD etwa die Hälfte der effektiven Reichweite eines Steyr SSG 08 in .338 Lapua Magnum.

Gescheiterte russische Produktion

2013 wurde vom damaligen Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl die "Entwicklung der militärisch-technischen Zusammenarbeit" mit Russland anvisiert. Ein Steyr-Rostec-Deal zur Produktion kleiner Waffen scheiterte dann aber an den Folgen der russischen Gewalt von 2014. Russland hat jedoch auch selbst versucht, Scharfschützengewehre für größere Distanzen herzustellen. Heraus kam mit dem KSWK (übersetzt etwa: großkalibriges Scharfschützengewehr Kowrowski) eine Waffe im Kaliber .50 (russisch 12,7 x 108 mm). Diese ist mit 12,7 Kilo Gewicht deutlich schwerer als das kompaktere SSG 08 mit 7,4 Kilo. Aufgrund des großen Kalibers wird die Waffe von russischen Streitkräften auch offiziell zur Bekämpfung leicht gepanzerter Fahrzeuge geführt, obwohl sie eigentlich zur Bekämpfung feindlicher Scharfschützen herangezogen wird. Die Kritiken am KSWK sind vernichtend, wie The Insider berichtet. Man könne damit auf 1000 Meter maximal eine Scheune treffen, werden Vertreter des russischen Verteidigungsministeriums zitiert.

Bei den zuletzt in Russland aufgetauchten Waffen des Kaliber .338 Lapua Magnum handelt es sich um eine Patrone speziell für Scharfschützen. Sie wurde entwickelt, weil die Nato ein Kaliber mit höherer Reichweite wollte. Die Anforderung war, dass das Projektil auf einen Kilometer Entfernung noch fünf Schichten militärischer Körperpanzerung durchschlagen kann und danach immer noch tödlich wirkt.

Frei zugänglich, beim Bundesheer im Einsatz

Die vergleichsweise junge Patrone erfreut sich wegen der ihr nachgesagten Präzision trotz erheblichen Rückstoßes auch bei Sportschützen großer Beliebtheit. Die effektive Reichweite der Lapua Magnum dürfte bei etwa 1750 Metern liegen, obwohl ein britischer Scharfschütze im Jahr 2009 mit einem Schuss zwei MG-Schützen der Taliban über eine Entfernung von 2475 Meter tötete.

Die Scharfschützenwaffe ist in Österreich ohne Waffenpass oder Waffenbesitzkarte frei erhältlich. Als Repetierbüchse gilt die SSG 08 als eine "meldepflichtige Waffe" der Kategorie C. Der Erwerb ist ab 18 Jahren frei. Die Registrierung erfolgt über das Waffengeschäft und nach drei Tagen Abkühlfrist kann man die Waffe abholen. Steyr Arms bewirbt die Waffe als Sportgerät und liefert sie je nach Kaliber mit maximal Zehn-Schuss-Magazin aus. In Österreich kostet das SSG 08 rund 6000 Euro. Militärisch wird die Waffe etwa vom Jagdkommando des österreichischen Bundesheeres eingesetzt. (Fabian Sommavilla, Peter Zellinger, 17.5.2024)