Der US-Wahlkampf im Jahr 2020 verlief hitzig. Untergriffe, Irreführung und Desinformation gaben sich oft die Klinke in die Hand. Und auch im Nachgang wurde es brenzlig, als Anhänger des Wahlverlierers Donald Trump im Glauben an eine großangelegte Wahlfälschung das Kapitol stürmten, um die bislang als Formalakt geltende Beglaubigung des Ergebnisses zu verhindern.

Im Zentrum der Kritik standen rund um diese Ereignisse immer wieder die Betreiber großer Social Networks. Diese, so der Vorwurf, würden nicht genug tun, um Falschnachrichten und Hassrede einzudämmen. Doch was passiert, wenn Menschen über längere Zeit darauf verzichten, solche Plattformen zu verwenden? Im Vorfeld des Urnengangs starteten mehr als 30 Wissenschafter verschiedener US-Universitäten sowie Forscher der Facebook-Mutter Meta ein Experiment, bei dem 35.000 User von Facebook und Instagram mitmachten. Nun sind die Ergebnisse da, berichtet El País. Das zugehörige Paper kann in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) nachgelesen werden.

Facebook als Kanal für wahre und falsche News

Es handelt sich um die bisher größte Untersuchung zum Thema "Social Media-Deaktivierung" mit einem zehnmal größeren Sample als bei der bisher umfangreichsten Studie. 27 Prozent der Teilnehmer – sie wurden zufällig ausgewählt – deaktivierten für den Versuch gegen Bezahlung ihr Konto auf Facebook oder Instagram über die letzten sechs Wochen vor der Wahl. Alle anderen legten ihr Konto nur für eine Woche still. Aus den resultierenden Daten konnten die Wissenschafter zwei Schlüsse ziehen.

Radikalisierte Trump-Anhänger, darunter der QAnon-"Schamane" Jake Angeli, am 6. Jänner 2021 im US-Kapitol.
AFP/SAUL LOEB

Erstens: Der Verzicht auf Facebook oder Instagram im Endspurt der Wahl, egal ob kürzer oder länger, hatte kaum bis gar keinen Effekt auf grundlegende politische Meinungen. Negative Wahrnehmungen über die jeweils andere Partei oder der Glaube an Wahlbetrug blieben erhalten.

Aber: Die Pause von Facebook im Speziellen hatte einen signifikanten Einfluss auf Wissen und Haltungen. Die Probanden schnitten einerseits schlechter ab, wenn es um Wissensfragen zu aktuellen Ereignissen ging, wiesen aber auch eine geringere Wahrscheinlichkeit auf, auf Falschinformationen hereinzufallen. Eine mögliche Schlussfolgerung daraus ist, dass Facebook für viele Nutzer ein wichtiger Kanal sowohl für wahre Nachrichten als auch für Fake News ist.

Pause machte Nutzer skeptischer

Anhand der Ergebnisse lässt sich allerdings nicht beantworten, welchen Einfluss Facebook insgesamt auf eine demokratische Gesellschaft hat. Es sei aber, sagt Matthew Gentzkow von der Stanford University und Co-Autor der Studie, wissenschaftlich auch gar nicht möglich, herauszufinden, wie polarisiert die Gesellschaft wäre, wenn Facebook nie existiert hätte. Die Ergebnisse legen aber nahe, dass Facebook trotz des starken Wachstums von Instagram nach wie vor die Plattform mit dem größten Einfluss auf politische Ergebnisse sein dürfte.

Sowohl Instagram- als auch Facebook-Nutzer, die sechs Wochen pausiert hatten, zeigten sich danach gegenüber politischen Informationen auf ihren Netzwerken generell skeptischer. Die Absenz, so beschreibt die Studie einen möglichen Grund, könnte dazu geführt haben, dass Usern eher auffällt, wie viele Inhalte von schlechter Qualität auf den beiden Plattformen zu finden sind.

Die Forscher wollten auch Herausfinden, wie wichtig Facebook für Donald Trumps Wahlkampf war. Die Resultate zeigen, dass längere Absenz die positive Wahrnehmung von Trump steigerte, andererseits aber die Mobilisierung bei Republikanern senkte und bei Demokraten erhöhte. Gemäß den von den Autoren aber zuvor schon festgelegten Grenzwerten spielen sich diese Phänomene außerhalb der statistischen Signifikanz ab. Insgesamt – hier wieder ein statistisch relevantes Ergebnis – soll die Social-Media-Absenz aber keine Auswirkung auf die Wahlintention gehabt haben. Der Anteil der Nutzer, die vor der Pause vorhatten, zur Wahl zu gehen, war auch danach noch gleich groß.

Die Untersuchung ist Teil einer Makrostudie, deren Ergebnisse bereits seit vergangenem Sommer veröffentlicht werden. Darunter befanden sich auch schon andere interessante Erkenntnisse. Unter anderem stellte man fest, dass auf Facebook in den USA vor allem Nutzern aus dem rechten bzw. konservativen Spektrum politische Nachrichten ansehen und sie auch mit großem Abstand mehr Fake News konsumieren. (gpi, 16.5.2024)