Auch in der Bildung könnte man Routinearbeiten an die KI auslagern und sich damit wieder mehr auf den Diskurs mit anderen Menschen konzentrieren.
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Ich möchte kein Lehrer sein. Wilde Kinder, nörgelnde Eltern, und dann kommt auch noch Künstliche Intelligenz und macht alles irgendwie noch komplizierter – oder? Tatsächlich können die in den vergangenen Tagen vieldiskutierten Neuentwicklungen von OpenAI und Google manchmal ein wenig Angst machen, vor allem wenn man sich noch wenig bis gar nicht mit der Materie auseinandergesetzt hat. Wagt man jedoch den ersten Schritt, können sich aber auch ganz viele Möglichkeiten bieten und sogar wieder mehr Raum für tiefgreifende Diskussionen geschaffen werden, die, zumindest Stand heute, eigentlich nur echte Menschen führen können.

Diese Chancen sieht auch Elke Höfler, Assistenzprofessorin für Mediendidaktik und Sprachendidaktik am Institut für Romanistik der Universität Graz. Sie leitet unter anderem das Projekt UniGPT – einen Sprachbot, entwickelt für Lehrpersonal, der bestehende Hemmschwellen abbauen und die neuen Möglichkeiten in Ruhe erkunden lassen soll.

Bildungsgerechtigkeit

Höfler befasst sich mit Medien, genauer gesagt mit Mediendidaktik. Übersetzt heißt das, die Wissenschafterin befasst sich damit, wie man Medien sinnvoll zum Lernen und Lehren einsetzt. In ihrer Arbeit in der Lehramtsausbildung ist KI zwar nur eines von mehreren Themen, die behandelt werden, aber aktuell mit Sicherheit das am meisten diskutierte. Angehende Lehrpersonen sollen in dieser Ausbildung das Rüstzeug erhalten, allenfalls vorhandene Barrieren zur KI-Materie abzureißen. Aber auch bereits aktive Lehrerinnen und Lehrer sollen im Rahmen solcher Lehrgänge ein wenig an der Hand genommen werden, um die neuen Möglichkeiten von ChatGPT und ähnlichen Tools kennenzulernen. Sinnvoll auch deshalb, weil diese Lehrpersonen ja genau jene Menschen sind, die Schülern und Studentinnen künftig ein Angebot an Lehrinhalten zu dieser Thematik liefern müssen.

Die große Frage, ob KI in ihrer jetzigen Form einen ähnlichen Einschnitt wie damals Wikipedia oder der Taschenrechner bedeutet, stelle sich weniger, sagt Höfler. Man sei da schon einen Schritt weiter, und es fänden schon jetzt die ersten inhaltlichen und gesellschaftspolitischen Diskussionen statt. Wie sieht es etwa mit Bildungsgerechtigkeit und Bildungsungerechtigkeit aus? Wikipedia war bei seiner Einführung für alle zugänglich, zumindest alle, die Zugang zum Internet hatten. Jetzt stellt man sich aber die Frage, wer kann sich einen kostenpflichtigen Account für beispielsweise ChatGPT leisten? Diese Variante ist nämlich bei den Anbietern meist die bessere und leistungsfähigere KI.

Der Gipfel der überzogenen Erwartungen, auf dem viele Menschen in den letzten Monaten gesessen seien, sei in jedem Fall von vielen mittlerweile überschritten, meint die Wissenschafterin. Es habe eine gewisse Ernüchterung eingesetzt, zumindest bei jenen, die sich eine Art Selbstläufer erwartet haben. "Damit man diese neuen Möglichkeiten richtig nutzen kann, muss man auch viel investieren", erklärt Höfler. Man müsse Ergebnisse der KI nachbessern, nachjustieren – auch weil die diversen Chatbots zum Teil noch "halluzinieren".

Dass man hier nicht einfach alles übernehmen kann, was die KI ausspuckt, sei vielen vorher nicht richtig bewusst gewesen. Viele Menschen seien deshalb auch etwas planlos, was man denn jetzt wirklich mit ChatGPT und Co machen könne. Hier grätscht die neue Ausbildung für Lehrende hinein. "Wir zeigen, was geht, etwa eine schnelle Ideenfindung für die nächste Unterrichtsstunde oder auch das Schreibenlassen von zwei Texten, die dann von Schülerinnen und Schülern verglichen werden können." Interesse sei bei den Betroffenen in jedem Fall vorhanden. Die Unsicherheit, die viele noch spüren, müsse abgebaut werden, das sei das große Ziel.

Ein Tool dafür ist UniGPT, eine abgeschlossene, für das Lehrpersonal eingerichtete Version von ChatGPT. Zum Start können einmal alle Lehrenden der Universität Graz einfach losstarten, ohne einen eigenen Account anlegen zu müssen. "Wir wollten einen geschützten Rahmen, um hier barrierefrei ausprobieren zu können." Ebenfalls in dieser Version integriert sind Lehrvideos, um die ersten Schritte zu erleichtern. Gespeichert werden die Daten in Europa. Ein Ausrollen an die Studierenden könnte in einem zweiten Schritt geschehen.

Emotion statt Information

Angesprochen darauf, ob die neuen Möglichkeiten mit KI am Bildungs- oder Bewertungssystem etwas ändern werden, reagiert die Universitätsprofessorin schmunzelnd. "Ich hoffe, dass sich etwas ändert." Die KI zeige Baustellen auf, die ohnehin seit Jahren bestünden. Man könnte etwa über die Sinnhaftigkeit eines Multiple-Choice-Tests nachdenken oder die Abgabe von Arbeiten, bei denen an keiner Stelle im Prozess der Weg zum finalen Produkt hinterfragt wurde. "Man muss heute bei einer Bachelorarbeit nicht begründen, warum man etwas gemacht hat, aber eigentlich sollte man das beim wissenschaftlichen Arbeiten."

Ebenjenes Begründen solle wieder im Fokus stehen, das Verstehen – es solle wieder ins Diskursive gehen, wie das früher an Unis viel verbreiteter gewesen sei. Die KI könne hier vielleicht helfen, weil sie aktuell in ihren Ergebnissen noch sehr oberflächlich sei. Damit zeige sie uns deutlich, dass wir als Menschen eben viel besser die Möglichkeit haben, inhaltlich in die Tiefe zu gehen, sagt Höfler.

Angesprochen auf das dafür nötige Fähigkeitenset von Lehrenden und Studierenden sieht die Wissenschafterin an erster Stelle Lesekompetenz. Egal ob Bilder oder Texte von der KI kommen, der Mensch müsse sie "decodieren können". Gezeigte Stereotype müssen erkannt und hinterfragt werden, kritisches Nachdenken sei dann der nächste logische Schritt. Das dafür nötige Innehalten gehöre wieder mehr trainiert. "Emotion statt Information" sei aktuell ein großer Treiber für das schnelle Konsumieren von Medien. Wieder einen Schritt zurückgehen zu können, um sich kritisch mit den Informationen auseinandersetzen zu können, müsse deshalb in den Fokus rücken. Dass sich die Menschen wieder mehr Zeit nehmen, das sei ein hehrer Wunsch von Höfler, der hoffentlich in Erfüllung geht.

Für jene, die Höfler in ihren Vorträgen und Lehrstunden auf diese neue Welt vorbereiten möchte, sei vor allem wichtig, dass sie verstehen, wie KI eingesetzt wird und wie sie funktioniert. Auf einzelne Tools einzuschulen würde weniger Sinn machen, weil Werkzeuge "kommen und gehen". Ein grundlegendes Verständnis aufzubauen sei viel wichtiger und nachhaltiger.

Routinearbeiten ablegen

Wichtig ist der Wissenschafterin aber auch, immer beide Seiten zu betrachten und so neben den Chancen auch die Schwächen nicht zu ignorieren. Ein großer Nachteil jeder Auslagerung in eine KI-Anwendung sei "der Verlust einer menschlichen Ebene". Selbstverständlich könne man eine neue Sprache lernen, auch dank Apps oder jetzt via Chatbot, aber auf diesem Weg fehle etwas, das uns Menschen auch ausmache. "Natürlich ist es praktisch, wenn ich um drei Uhr Früh aufwache und eine Lektion machen kann, aber ich gehe so eben auch zu keinem Lehrer, der mir vielleicht menschlich etwas beigebracht hätte oder mir eine Geschichte zu einem bestimmten Aspekt erzählen könnte."

Ob es in zehn Jahren noch Lehrpersonal geben wird, kann Höfler in diesem Gespräch mit dem STANDARD nicht beantworten. Zumindest nicht mit letzter Sicherheit. Sie hoffe, dass Menschen weiterhin wichtig bleiben, betont sie. Die größte Chance mit KI auch in Sachen Bildung sei, "dass, wenn sie es wirklich schafft, uns lästige Routinearbeit abzunehmen, wir vielleicht wieder die Möglichkeit haben, mit Menschen auf einen Kaffee zu gehen, uns in Ruhe hinzusetzen, und wirklich die Zeit haben, mit ihnen zu reden." (Alexander Amon, 22.5.2024)