Die Fotos vom Bahnhof und Flughafen zeigen Männer mit Schnauzbärten und zusammengeschnürten Pappkoffern. "Ali" – so nannte man damals die türkischen Gastarbeiter pauschal, war angekommen. Vor 60 Jahren, am 15.Mai 1964 wurde das "Anwerbeabkommen" zwischen Österreich und der Türkei unterzeichnet. Die "Sozialpartner", Präsidenten von Gewerkschaftsbund und Wirtschaftskammer, hatten sich angesichts von Hochkonjunktur und Nachkriegsboom darauf geeinigt. Die schwarz-rote Regierung gab den Segen.

Am Wiener Südbahnhof kamen auch in den 1970er-Jahren noch Gastarbeiter an.
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Die "Gastarbeiter" sind geblieben (bis auf gar nicht so wenige, die in der Pension zurück in die Türkei gingen). Der "Familiennachzug" bzw. die Familiengründung ist längst Realität. Derzeit leben rund 120.000 türkische Staatsbürger in Österreich (drittgrößte Gruppe nach Deutschen und Rumänen). Jene, die bereits die Staatsbürgerschaft besitzen, aber "Migrationshintergrund" (beide Eltern im Ausland geboren) haben, zählen 166.000 Personen.

Ohne türkische Lebensmittelhändler, Änderungsschneider, Bauarbeiter, Taxifahrer, Handwerker geht’s zumindest in den größeren Städten längst nicht mehr. Die erste Generation kam überwiegend aus der niedrigen Bildungsschicht, das hängt heute teilweise noch nach.

Die türkischen "Gastarbeiter" sind nicht nach Hause gegangen, wie die meisten anderen auch. Die Realität ist, dass der Dienstleistungssektor ohne sie zusammenbrechen würde. (Hans Rauscher, 16.5.2024)