Ein drapiertes Expemplar des Käfers, dahinter ein Schild mit der Aufschrift
Ein Exemplar des Käfers in der Zoologischen Staatssammlung in München. Mit der Benennung setzte der Österreicher Oskar Scheibel sich und Adolf Hitler ein Denkmkal.
APA/dpa/Matthias Schrader

Die wissenschaftliche Nomenklatur von Tierarten ist nichts für Anfänger. Sie ist, in guter Tradition, in Latein gehalten und birgt für Unkundige allerlei Fallstricke, wenn etwa ein Wal das Wort "Saurus" im Namen trägt, weil man ihn ursprünglich für eine urzeitliche Echse hielt. Umbenannt wird er deshalb noch lange nicht.

So ergeht es nun auch einem harmlosen braunen, augenlosen Käfer. Er wird wohl weiterhin nach Adolf Hitler benannt bleiben. Bisher habe es keine Anträge gegeben, wissenschaftliche Namen von Tierarten aus ethischen Gründen zu ändern – auch bei Anophthalmus hitleri nicht, sagte der Taxonom Daniel Whitmore, der Mitglied der internationalen Kommission für zoologische Nomenklatur ist. Dieses Gremium gibt die Regeln zur Benennung neuer Tierarten heraus.

Hunderttausend problematische Namen

Einige vor Jahrzehnten vergebene Namen stehen heute in der Kritik, weil sie umstrittene Personen ehren, koloniale Ortsbezeichnungen verwenden oder aus Sicht mancher Wissenschafterinnen und Wissenschafter diskriminierend oder rassistisch sein können. Neben einem Mussolinifalter gibt es etwa einen Dinosaurier, der nach dem Deutschen Paul von Lettow-Vorbeck benannt ist, der in Afrika Gräueltaten verübte. Mehrere Hunderttausend wissenschaftliche Namen könnten nach Einschätzung der internationalen Kommission betroffen sein.

Diese lehnt eine Umbenennung aus ethischen Gründen jedoch ab. "Wir verstehen natürlich, dass manche Namen Unbehagen oder Anstoß erregen können", sagt Whitmore. Priorität habe aber eine universelle und stabile Nomenklatur, damit es keine Verwirrung gebe. "Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu urteilen, ob Namen beleidigend oder ethisch nicht vertretbar sind, denn das ist eine sehr subjektive und persönliche Angelegenheit."

Jedes Jahr werden weltweit tausende neue Tierarten beschrieben. Wie die Taxonominnen und Taxonomen dabei vorzugehen haben, ist in den internationalen Regeln für die zoologische Nomenklatur festgelegt. Inhaltliche Vorgaben mache die Nomenklatur dabei nicht, sagt der Zoologie-Professor Michael Ohl vom Museum für Naturkunde in Berlin. Die Forschenden können die Namen frei wählen, sofern diese technisch korrekt gebildet werden. "Diese gelten, sobald sie publiziert sind, und können dann auch nicht mehr gestrichen werden."

Das gilt allerdings nur für die lateinischen Namen. Deutsche Vogelnamen wurden sehr wohl geändert, etwa im Fall der Hottentottenente, die inzwischen Pünktchenente heißt.

Der Kopf des Käfers, mit Fühlern und Beißwerkzeugen.
Ein Elektronenmikroskop-Bild des augenlosen Tiers.
Arne Hodalic / EPA / picturedesk

Zweifel an Wirksamkeit von Änderung

"In einem Fall wie bei dem Hitler-Käfer würde eine Umbenennung gar nicht viel ändern", meint Ohl. Denn der Name würde nicht komplett verschwinden. Oft haben Tiere mehrere wissenschaftliche Bezeichnungen, in einer Art Katalog werden diese deshalb alle unter dem aktuell gültigen Namen aufgelistet. Wer den Hitler-Käfer wegen des Namens sammeln wolle, werde dies auch weiter tun, meint Ohl.

Das ist für den Hitler-Käfer durchaus ein Problem. Er lebt nur in bestimmten slowenischen Höhlen und ist aufgrund des Interesses mancher Sammler bedroht. Benannt hat ihn der österreichische Käfersammler Oskar Scheibel, der ihn 1937 entdeckte und mit dem Namen seine Verehrung für Adolf Hitler zum Ausdruck brachte.

Neuentdeckte Tierarten nach Personen zu benennen, um einem großzügigen Geldgeber zu schmeicheln, Familie oder Freunde zu ehren oder mithilfe prominenter Namensgeber Aufmerksamkeit zu erregen, habe eine lange Tradition, schreibt Ohl in seinem Buch Die Kunst der Benennung. Eine Tausendfüßer-Art trägt den Namen von Popstar Taylor Swift, Käfer sind nach dem Schauspieler Leonardo DiCaprio und der Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg benannt, eine Mottenart erinnert an den früheren US-Präsidenten Donald Trump. Verboten ist das nicht, wer also problematische Botschaften in Tiernamen verpacken will, kann das tun, im Vertrauen darauf, dass der Name Bestand haben wird. (red, APA, 16.5.2024)