Kronos Quartet, immer in spezielle Farbe getaucht
Kronos Quartet, immer in spezielle Farbe getaucht.
Carlos Suarez

"Ich bin wirklich hungrig!", ruft Bratschist Hank Dutt im Großen Saal des Konzerthauses. Eine verhaltensauffällige Aufforderung an die Gastronomie, ihm mitten im Stück per Sandwich vom Magenknurren zu befreien? Nein, es ist alles notiert, alles Teil der Komposition. Das Kronos Quartet, das gerade tourneemäßig seinen 50er begeht, interpretiert nur Lunch in Chinatown von Terry Riley. Mit seinem bluesig angehauchten Dahinströmen ist das Stück eine Art vertonter Smalltalk.

Solche Kompositionen irritieren längst niemanden mehr. Kronos, der Popstar unter den Streichquartetten, hat dafür gesorgt, dass die vierstimmige Form und Keimzelle der Innovation, die Haydn, Mozart und Beethoven zu ersten Meisterwerken bündelten, repertoire- und präsentationsmäßig durchlüftet wurde.

Neue Farben

Kronos gab nicht nur weltweit unzählige Werke in Auftrag. Man spielte elektronisch verstärkt, klang bisweilen herb wie eine Rockband und ließ sich in bunteres Bühnenlicht tauchen. Strenge Avantgarde wurde gleichsam Mainstream, und die klangliche Erweiterung durch Elektronik und Materialzuspielungen generierte dann auch neue Ausdrucksfarben – wie etwa bei Steve Reichs Klassiker der Minimal Music Different Trains. Hier werden auch vom Band kommende Satzfetzen rhythmisch vom Quartett verdoppelt.

Beeindruckend nach wie vor die Prägnanz und Intensität des Quartetts. Davon profitieren Aleksandra Vrebalovs raffiniert-kantables Gold Came From Space oder Sofia Gubaidulinas viertes Streichquartett, das mit einem wehmütigen Choral endet.

Und natürlich die berühmteste Zugabe: Jimi Hendrix' Klassiker Purple Haze groovt hitzig und gnadenlos drastisch einher und verfügt noch immer über überraschenden Charme. Mit seiner speziellen Intensität hat das Arrangement des Hendrix-Stücks bewiesen, dass Crossover ästhetisch sinnvoll funktionieren kann. (Ljubiša Tošić, 16.5.2024)