Ein französisches Militärflugzeug landet in Neukaledonien.
AP/Cedric Jacquot

Im französischen Überseegebiet Neukaledonien nordöstlich von Australien regiert seit Anfang der Woche die nackte Gewalt. Jugendliche Ureinwohner errichten Barrikaden und liefern sich Straßengefechte mit der Polizei; sie plündern Supermärkte und brechen in Privathäuser ein. Die französischstämmige Bevölkerung verbarrikadiert sich ihrerseits und bildet Selbstverteidigungsgruppen. Vier Menschen – drei Zivilisten und ein Polizist – sind bislang getötet worden, hunderte Fahrzeuge in Flammen aufgegangen.

Auslöser der Krawalle ist eine Verfassungsreform, die das französische Parlament am Mittwoch in erster Lesung genehmigt hat. Das noch nicht endgültig abgesegnete Projekt räumt 25.000 aus Frankreich Zugereisten das Wahlrecht ein, sofern sie seit mehr als zehn Jahren auf dem Archipel leben. Das würde die Kanaken – wie sich dort die Ureinwohner nennen – in die Minderheit versetzen und das fragile Gleichgewicht zwischen den zwei ethnischen Gruppen zerstören.

Sicherheitskräfte entsandt

Die Regierung in Paris ist am Mittwoch zu einer Krisensitzung zusammengekommen. Präsident Emmanuel Macron sagte mehrere Termine ab und beschloss, vorerst 500, am Donnerstag dann weitere 1000 Gendarmen und Armeevertreter in die neukaledonische Hauptstadt Nouméa (95.000 Einwohner) zu entsenden. Vor Ort sichern Soldaten bereits öffentliche Gebäude. Die Schulen und der zivile Flughafen sind geschlossen.

Macron weiß, wie schnell die Spannungen in dem rohstoffreichen Inselarchipel umschlagen können. 1988 kamen nach einer Geiselnahme 21 Menschen ums Leben. Seither ringen die kanakische Befreiungsfront FLNKS und die "weißen" Französischstämmigen um die Mehrheit an den Wahlurnen. Nach Niederlagen in mehreren Volksabstimmungen nähern sich die Kanaken dank einer höheren Geburtenrate einem Sieg und damit womöglich der Unabhängigkeit. Das neue Wahlrecht würde die Lage aber wieder ändern.

Verhandlungen angeboten

Macron hat nun eine neue Verhandlungsrunde angeboten. Da Neukaledonien 18.000 Kilometer vom Mutterland entfernt liegt, soll diese fürs Erste über Videokonferenzen stattfinden. Die FLNKS-Vertreter verlangen aber zuerst den Rückzug der einseitigen Verfassungsreform. Zugleich rufen sie zu einem Ende der Krawalle auf. Viele junge Kanaken halten aber solche FLNKS-Positionen für zu gemäßigt.

In Paris befürchten Regierungsstellen, dass sich die Neukaledonier nach der Unabhängigkeit vom westlichen Lager ab- und China zuwenden könnten. In den letzten Jahren haben schon afrikanische Ex-Kolonien Frankreich den Rücken gekehrt; heute kooperieren sie mit Russland. Neukaledonien birgt nicht nur viele Rohstoffe wie Nickel, sondern gilt als strategisches Bollwerk gegen den chinesischen Vormarsch im Pazifik. (Stefan Brändle aus Paris, 16.5.2024)