Mehrere ältere Menschen sitzen in einem Seminarraum
Katharina Lacina unterrichtet im Rahmen des Ethikmoduls des "Studium Generale".
© Christian Fischer

Eine "Prüfung wie früher in der Schule" war das, sagt Oskar Zürnsack. "Ich hab' so viel gelernt wie schon lange nicht mehr." Bei vielen Studierenden liegt die Schulzeit erst ein paar Monate zurück, nicht so bei Zürnsack. Er ist 68 Jahre alt – und Student.

An einem Mittwochvormittag sitzt er in einer Ethik-Veranstaltung. Die Prüfung ist überstanden, Blöcke, Stifte und Wasserflaschen stehen griffbereit auf den Tischen im Seminarraum, Laptops entdeckt man dagegen nicht viele. Philosophin Katharina Lacina steht an einem Pult und spricht über Tugendethik, John Stuart Mill und Epikur. Ihr Publikum hört aufmerksam zu und notiert mit. "Darf ich noch mal Kant hinterfragen?", kommt eine Frage aus den Reihen. Lässt man den Blick durch den Raum schweifen, fällt auf: Oskar Zürnsacks Alter ist hier nicht außergewöhnlich.

Er und alle anderen, die sich in dem Seminarraum eingefunden haben, machen das "Studium Generale" – ein Zusatzangebot des Postgraduate Center der Universität Wien speziell für ältere Menschen in der nachberuflichen Phase. Die Studierenden können unterschiedliche Module belegen, zum Beispiel Archäologie, Ethik, Pharmakobotanik, Physik, Rechtswissenschaft oder Zeitgeschichte. Wer möchte, kann auf einen akademischen Abschluss hinarbeiten.

"Die meisten glauben, ich bin der Hausmeister"

Der formale Abschluss ist für Herrn Zürnsack ein "side effect", wie er sagt. In jungen Jahren habe er nicht studiert, sondern "immer nur gearbeitet", seine Expertise liegt im Vertrieb und im IT-Bereich. Die Lust am Lernen war es, die ihn im Alter für den Universitätslehrgang motivierte. Nun genießt der 68-Jährige auch das Rundherum, die Uni-Umgebung mitsamt den Bibliotheken. "Da gehe ich öfters hin und setze mich einfach rein. Die meisten glauben, ich bin der Hausmeister", sagt er und lacht.

Herr Zürnsack im Vorlesungssaal
Oskar Zürnsack hat sich dazu entschieden, im Alter zu studieren.
© Christian Fischer

Von Bibliothek zu Bibliothek

Viel Zeit zwischen Büchern hat auch Bibliothekarin Regina Jank verbracht, mehr als 45 Jahre lang arbeitete sie bei den Büchereien der Stadt Wien. Voriges Jahr ging sie mit 65 in den Ruhestand, heute sitzt ist sie ebenfalls im Ethikmodul. "Ich wollte früher studieren, das ist sich aber aus privaten Gründen nicht ausgegangen", erzählt sie. Nach der Matura habe sie befreundete Medizinstudierende an die Uni begleitet. "Ich bin im Audimax gesessen, ohne dass ich eingeschrieben war. Ich glaube, ich bin aufgefallen, weil ich so begeistert war."

Nun arbeitet Jank an ihrem Abschluss, außerdem unterrichtet sie an den Wiener Volkshochschulen Bewegung und macht ehrenamtlich Besuchsdienste im Krankenhaus. "Von Montag bis Freitag bin ich beschäftigt, und das tut mir gut", sagt sie.

Frau im Vorlesungssaal
Regina Jank hat viele Jahre als Bibliothekarin gearbeitet – nun ist sie viel beschäftigte Studentin.
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Spannend ist für sie auch der Austausch mit ihren Studienkollegen und Studienkolleginnen. "Wir wissen einfach schon manches vom Leben. Auch wenn die Thematik neu ist, hat man in 65 Jahren schon etwas mehr Wissen erworben, als wenn ich mit 18 zu studieren begonnen hätte". Jank unterhält sich auch gern außerhalb des Seminarraums: "Ich finde es auch schön, wenn wir raus gehen und die jungen Studierenden da sind. Wir treffen uns beim Kaffeeautomat."

Senioren an der Uni

Seit dem Sommersemester 2019 wurden 481 Personen für das "Studium Generale" zugelassen, sie sind sogenannte außerordentliche Studierende. Im Regelstudium machen Seniorenstudierende an der Universität Wien etwas mehr als zwei Prozent der Studierenden aus. Das beliebteste Studienfach war dabei vergangenes Wintersemester Kunstgeschichte.

Bei einem Regelstudium könne gesetzlich keine Altersgrenze oder ähnliche Kriterien für eine Aufnahme festgelegt werden, erklärt Programmmanagerin Andrea Schwarzová. Da das "Studium Generale" ein Angebot für eine bestimmte Gruppe – Menschen in Pension – darstellen solle, gehe das "gesetzlich nur in Form einer Weiterbildung, und diese muss sich laut Universitätsgesetz selbst finanzieren". Für ein einzelnes Modul des "Studium Generale" zahlt man aktuell 700 Euro, für den ganzen Lehrgang 7800 Euro. Für das Master-Upgrade sind 4800 Euro fällig.

Wieder Student

Im Gegensatz zu Herrn Zürnsack und Frau Jank hat Manfred Prinz, 68, vor dem "Studium Generale" bereits ein Studium abgeschlossen. In den 1970er-Jahren studierte er an der Uni Wien Betriebsinformatik. Nun ist er noch einmal Student. Wie lässt sich das Uni-Leben von damals und heute vergleichen? "Mein Eindruck ist, wenn ich hier über den Campus gehe, dass sich diesbezüglich vielleicht gar nicht so viel geändert hat. Die Studenten stehen in Horden herum, lachen viel, haben ihren Spaß."

Herr Prinz steht im Vorlesungssaal
Manfred Prinz ist nicht zum ersten Mal an der Uni.
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Am Lehrgang schätzt er die große inhaltliche Bandbreite. Man werde dazu angeregt, sich mit einem Thema, mit dem man sich nie beschäftigt hat, tief auseinanderzusetzen. "Mit der Zeit erweitert sich der Horizont – und Zeit hab' ich ja", sagt er.

Lernen im Alter

Mehr Zeit braucht Prinz nun aber auch, um die Inhalte zu lernen, wie er am Beispiel der Ethikprüfung erzählt. In jungen Jahren hätte er sich den Inhalt zwei Tage vorher durchgelesen und dasselbe Ergebnis erzielt, ist er sich sicher. Nun aber habe er "mindestens eine Woche heftig gestrebert" für die Prüfung. "Die, die hierherkommen, sind unglaublich ehrgeizig", sagt Prinz.

Auch Herr Zürnsack merkt, dass die Merkfähigkeit nachlässt. Nach dem Gespräch muss er gleich weiter zum nächsten Modul, in dem auch bald eine Prüfung ansteht: Physik. Für ihn sei es schwierig mit den Formeln und Gleichungen. Er werde sich aber entsprechend vorbereiten und die Prüfung schaffen, gibt er sich zuversichtlich. Nach der Klausur fragt DER STANDARD per SMS nach, wie diese gelaufen ist. "Leider ist das Ergebnis nur durchschnittlich ausgefallen", antwortet Zürnsack. Zufrieden sei er trotzdem. (Christina Rebhahn-Roither, 5.6.2024)