Links eine Burgruine, rechts eine Kirche. Umgeben von Wald in hügeliger Landschaft.
Die Ruine Frauenburg mit der Pfarrkirche.
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Die Burg Frauenburg über der gleichnamigen steirischen Ortschaft im Bezirk Murtal ist bekannt dafür, einer der Lieblingsorte des umtriebigen Minnesängers Ulrich von Liechtenstein gewesen zu sein. Als dort 1871 auf einem als Türschwelle verwendeten Steinblock Schriftzeichen mit seinem Namen entdeckt wurden, wurde er schnell dem berühmten Sänger zugeordnet. Man mauerte ihn neben dem Altar der nahen Pfarrkirche wieder ein, wo er erhalten blieb. Spätere Forschungen bezweifelten allerdings die ursprüngliche Lesart. Es hieß, der Stein gehöre Ulrichs Enkel Ulrich III. oder einem anderen Nachfahren namens Ulrich.

Im April 2024 wurde der 500 Kilogramm schwere Block erneut herausgelöst und befand sich daraufhin in den Händen eines Restaurationsteams der Historischen Landeskommission für die Steiermark. Nun berichten mehrere Medien von einer Neubewertung. Eine Untersuchung habe ergeben, dass er älter ist als zuletzt angenommen. Es handle sich um den ältesten Grabstein mit deutschsprachiger Inschrift.

Die an den Untersuchungen beteiligte Archäologin Astrid Steinegger, die beim Bundesdenkmalamt arbeitet, bestätigt dem STANDARD diese Neubewertung. Allerdings wird er nicht, wie in den Berichten behauptet, dem Minnesänger Ulrich selbst zugeordnet. Vielmehr gibt es Anzeichen dafür, dass er seinem vor ihm verstorbenen Sohn gehörte.

Ulrich verlor seinen Sohn

Noch seien die Ergebnisse vorläufig, betont Steinegger: "Wir arbeiten gerade an einer Monografie zu dem Stein, für die viele Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten." Mit dabei sind Fachleute aus Kunstgeschichte, Archäologie und Sprachwissenschaft, aber auch Partner, die mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeiten. "Und eine dieser historischen Überlegungen ist, dass es wahrscheinlich ein Grabstein für Ulrichs Sohn ist", klärt Steinegger auf. Dieser Sohn sei rund um 1250 urkundlich fassbar und dürfte sehr früh gestorben sein.

Die Argumentation geht so: "Der Sohn erhielt bei seiner Hochzeit die Stadt Murau. In einer Art Vertrag steht geschrieben, dass für den Fall, dass er kinderlos stirbt, Murau wieder an die Familie der Liechtensteiner zurückfallen soll. Als sein Vater Ulrich der Erste stirbt, ist Murau tatsächlich wieder im Besitz der Familie", sagt Steinegger. Das deute darauf hin, dass der Sohn des Minnesängers vor seinem Vater verstarb, also vor 1275.

Es gibt weitere Hinweise, auch in Ulrichs Werken, die allerdings zum Teil fiktiv sind. Steinegger verweist hier auf die geplante Publikation, die 2025 erscheinen soll. Sollte sich der Verdacht erhärten, wäre der Stein tatsächlich der älteste Grabstein mit deutschsprachiger Inschrift. Die bisher älteste ist eine auf das Jahr 1291 datierte deutschsprachige Grabplatte für eine Frau Junta Lupeerin im elsässischen Ort Rouffách.

Ein Grabstein mit einem Kreuz und Schriftzeichen am oberen Rand, wo das Wort
Der Grabstein, der nun dem Sohn von Ulrich von Liechtenstein zugeordnet wurde.
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Vermeintliches Ulrichsgrab

Die falsche Zuordnung im 19. Jahrhundert habe mit der Beliebtheit Ulrichs I., des Minnesängers, in dieser Zeit zu tun, sagt Steinegger: "Es steht Ulrich auf dem Stein, und die erste Theorie war tatsächlich, dass es ein selbstinitiierter Grabstein für Ulrich den Ersten ist." Doch schon bald danach wurde das infrage gestellt, immerhin ist in der Inschrift von einem "Erben" die Rede.

"In der Mitte des 20. Jahrhunderts gab es eine Publikation, die argumentierte, dass es sich um einen Enkel von Ulrich handelte, der verstarb, bevor man ihn urkundlich fassen konnte", berichtet Steinegger. Die neue Interpretation mit dem urkundlich fassbaren Sohn Ulrichs sei dieser alten Interpretation vorzuziehen, die sich auf keine Urkunde berufen kann, sagt die Archäologin. Der 1275 verstorbene Ulrich selbst dürfte im Stift Seckau in der von ihm gestifteten Kapelle beigesetzt worden sein, die allerdings nicht erhalten ist.

Römischer Grabstein

Der Fels, der als Grabstein genutzt wurde, ist sogar noch länger in Verwendung. Darauf sind nämlich Reste einer römischen Inschrift zu erkennen. Im Zuge der Untersuchung wurden vor Ort, in der Kirche, Proben genommen und ein 3D-Scan vorgenommen, der online abrufbar ist, bevor der Block nur Stunden später wieder an seinen Platz in der Wand zurückgebracht wurde. Hierzu habe es strenge Vorgaben gegeben.

Ursprünglich lag der Stein flach auf dem Boden und bedeckte ein Schachtgrab, sagt Steinegger. Wo sich das Grab genau befunden hat, wisse man nicht. "Das Grab selbst haben wir nicht gefunden, der Stein ist schon verlagert zutage gekommen", erklärt die Archäologin.

Die Sichtbarkeit der römischen Inschrift dürfte der Archäologin zufolge Absicht gewesen sein, es gebe verschiedene andere Beispiele des Belassens römischer Elemente bei wiederverwendeten Steinen. Ulrich selbst gilt als Liebhaber der Antike.

Eine kleine Kirche vor idyllischer Waldlandschaft.
Die dem heiligen Jakob geweihte Pfarrkirche. Sie befindet sich innerhalb der Burgmauern.

Bedeutender Adeliger

Wernfried Hofmeister von der Universität Graz ist geschäftsführender Sekretär der Historischen Landeskommission für Steiermark, die die Entnahme des Steins und die Neubefundung beauftragt hat. Er fungiert gemeinsam mit Steinegger als Herausgeber des geplanten Buchs, das ein Projekt der Landeskommission ist. Zu Ulrich Liechtenstein sagt er: "Er hat mit seinem Frauendienst-Roman um das Jahr 1255 den ersten uns bekannten Ich-Roman in deutscher Sprache verfasst, beziehungsweise um diese Zeit vollendet. Darin sind über 50 teilweise sicher viel früher entstandene Minnelieder enthalten, die sich an sein großes Vorbild Walther von der Vogelweide anlehnen, aber dennoch in vielem sehr originell, eigenständig und hochmusikalisch sind."

Ein "richtiger", also umherziehender Minnesänger sei Liechtenstein wohl nie gewesen. Er dürfte stets intensiv mit seinen Aufgaben als im Herzogtum Steiermark führender, für die österreichischen Babenberger agierender "Ministeriale" ausgelastet gewesen sein. Dazu kamen die Verwaltung seiner eigenen Besitzungen und der Ausbau der Frauenburg.

Bis zur Veröffentlichung der Monografie liege noch viel Arbeit vor dem Team, sagt Steinegger. "Wir gehen davon aus, dass uns der Stein über die Indizien, die wir jetzt haben, noch mehr liefern wird, um zu klären, ob der Stein wirklich von Ulrich dem Ersten ausgesucht wurde und vielleicht auch der Text selbst von ihm stammt", gibt sich Steinegger optimistisch. (Reinhard Kleindl, 17.5.2024)