Billie Eilish hat es in ihrer Kunst gern nicht so hell.
Billie Eilish hat es in ihrer Kunst gern nicht so hell.
Universal

Mit No Time to Die, dem Titelsong für einen James-Bond-Film, sowie dem mit einem Oscar prämierten Lied What Was I Made For? für den Blockbuster Barbie könnte sich Billie Eilish eigentlich gemütlich zurücklehnen und einmal in aller Ruhe nachdenken. Immerhin sind seit ihrem Durchbruch von 2019 mit dem gemeinsam mit Bruder Finneas O'Connell entwickelten minimalistischen und zart gruftigen Heimwerker-Elektro-Sound auf dem Debütalbum When We All Fall Asleep, Where Do We Go? auch schon wieder fünf Jahre vergangen. Während dieser Zeit hätte man sich eines fragen können: Wie lange noch kann diese mittlerweile doch recht konstant im allwissenden geheimnisvollen Raunen und Flüstern und das Ohr des Hörers abkauenden Herumsumsen angesiedelte Karriere zu sparsamer Diskontermusik gutgehen?

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Das Konzept, in sehr jungen Jahren mit einer für die Befindlichkeiten auf Tiktok sehr und für den Ohrwurm eher weniger geeigneten Musik aus dem Kinderzimmer berühmt zu werden und dann das Problem des Berühmtseins in das Zentrum des künstlerischen Schaffens zu stellen, wirkt für die geneigten Hörerinnen dann auf Dauer vielleicht doch etwas ermüdend. "Am I acting my age now? / Am I already on the way out?", heißt es in Skinny, dem mit nachdenklich gezupfter Akustikgitarre über einem elektronischen Meeresrauschen behübschten Eröffnungssong des nun vorliegenden neuen Albums von Billie Eilish. Es wurde während der letzten Wochen vorab mit wortkargem Mediengetöse und einer strengen Geheimhaltung inszeniert, die uns erst dank dieses Coups bewusst machte, wie sehr wir uns oft nach einer Sache sehnen, von der wir vorher noch gar nicht wussten, dass wir sie dringend brauchen. Das Album trägt den Titel Hit Me Hard and Soft, zwischen strenger Kammer und nicht so strengem Kuschelsex sollte also als Verkaufsargument für jeden Geschmack etwas dabei sein.

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Die besagte Bauchnabelschau beziehungsweise der Blick in die auf sich selbst gerichtete Kamera des Taschentelefons bestimmen offensichtlich auch weiterhin das Schaffen der heute 22-jährigen US-Sängerin. Schließlich sind wir heutzutage mit unseren Katzen, Dance-Moves, Schlauchbootlippen oder in Dubai in der Shoppingmall alle Influencer. Egal ob das Menschen sehen wollen, die noch ihre sieben Zwetschken beisammenhalten können: Wir kümmern uns um die eigenen Sorgen am liebsten 24/7 global gesehen!

Seit ihrem die eigene Berühmtheit verhandelnden zweiten Album Happier than Ever von 2021 sitzt auch bei Billie Eilish der Schmerz, der durch den Drang zur Öffentlichkeit verursacht wird, tief. Er besagt eines: Jedes Mal, wenn ich mich auf Social Media aus dem Fenster lehne, um ein wenig gute Stimmung für die eigene Produktpalette zu machen, gibt es immer auch ein paar Zwiderwurzen, die dagegen sind und ein stürmisches Scheißwetter heraufbeschwören.

Minimale Ereignisballungen

Musikalisch gesehen sucht man als Laufkundschaft schon seit ihrem ersten und einzig in Erinnerung bleibenden Hit Bad Guy von 2019 einen Nachfolgesong. Daran hat sich auch nun auf ihrem dritten Album Hit Me Hard and Soft wenig geändert. Abgesehen von ein paar verkaterten Nummern mit House-, Disco- und Reggae-Rhythmen aus einem Ghettoblaster, dem langsam die Batterien ausgehen (Bittersuite, Blue, Birds of a Feather), säuselt Billie Eilish das ganze restliche Album tief im Hallraum und sehr nah am Gesangsmikrofon mit Unerheblichkeiten zu, die mit minimalen Ereignisballungen wie einem geloopten E-Gitarren-Füllsel oder Klaviertupfern wiedererkennbar gemacht werden.

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Der Erfolg von Billie Eilish beruht unter anderem auf dem sogenannten "Autonomous Sensory Meridian Response". Es handelt sich dabei um angenehme Empfindungen bei Alltags- und Körpergeräuschen, die knapp über der Hörschwelle liegen. Konkret bedeutet das: Schmatzen, Zähneknirschen, Haarekämmen, Schlucklaute, Papierrascheln, Kratzgeräusche, das Rutschen von Fingern auf Gitarrensaiten. Ein Phänomen, das gerade rechtzeitig während der häuslichen Einkehr während der Pandemie zum vielbeachteten Internet- und Musiktrend hochkochte. Auch das Geräusch von kochendem Wasser kann übrigens den Effekt erzielen, den die besagten ASMR-Geräusche bedingen. Pasta und basta!

ASMR baut erwiesenermaßen Stress ab. Davon ist auf dem neuen Album so gut wie nichts übrig geblieben. Wenn man nicht gerade Kopfhörer trägt und sich durch das Lalelu des Housetracks Lunch quält, der von lesbischer Liebe erzählt, oder im eh auf Englisch gesungenen L'Amour De Ma Vie eine zumindest schmatzende Orgel hört, wird das alte Alleinstellungsmerkmal zumindest akustisch ausgelassen. Das Gehirn aber hört natürlich auch ohne konkrete Geräusche mit: "I could eat that girl for lunch / Yeah, she dances on my tongue / Tastes like she might be the one / And I could never get enough." Holla die Waldfee. Eine perfide Strategie. (Christian Schachinger, 17.5.2024)