Die Schwächephase wirkt überstanden, und es geht fürs Erste wieder nach oben. Am Donnerstag hat der Bitcoin-Kurs die 65.000-Dollar-Marke überschritten und damit eine wichtige psychologische Hürde genommen. Dienstagmittag stand er bei rund 67.000 Dollar. Knapp einen Monat ist das sogenannte Halving nun her, DER STANDARD hat sich angesehen, was seither passiert ist und was in nächster Zeit für den Kurs ausschlaggebend werden könnte.

Zur Erinnerung: Vereinfacht kann man sagen, dass nach dem Halving täglich nur noch halb so viele Bitcoin entstehen wie davor. Miner, also die Leute, die unter großem Energieaufwand Bitcoin erzeugen, erhalten für ihre Leistung nur noch die Hälfte an Coins – diese Reduktion ist so programmiert und führt zu einer bewussten Verknappung des Angebots. Zum Halving kommt es etwa alle vier Jahre. Anders als bei herkömmlichen Währungen ist die Geldpolitik beim Bitcoin von Anfang an klar festgelegt.

Das Bitcoin-Rekordhoch lag im März bei fast 74.000 Dollar. Viele Expertinnen und Experten erwarten jedoch, dass der Kurs im Herbst die 100.000-Dollar-Marke knackt.
REUTERS/Benoit Tessier

Absturz nach Halving

Nach dem Halving am 20. April ging es für die Königinmutter der Kryptowährungen erstmal nach unten. Anfang Mai fiel der Kurs unter 57.000 Dollar. Der Absturz hängt jedenfalls mit Verkaufsdruck zusammen, ein konkreter Grund lässt sich aber nicht benennen. Für so manchen Krypto-Kritiker war wieder einmal das Ende eingeläutet, doch dass Bitcoin wieder völlig vom Markt verschwindet, glauben nicht mehr viele. Mit etwas Verzögerung zog das Halving in der Vergangenheit jedenfalls stets neue Höhenflüge und Kursrekorde nach sich.

"Aus rein ökonomischen Gesichtspunkten dürfte das Halving niemanden überrascht haben", meinte Krypto-Experte Timo Emden von Emden Research. Die Entwicklung sei zu weiten Teilen bereits eingepreist gewesen. In Erwartung des Halvings hatte der Bitcoin im März ein Rekordhoch von knapp 73.800 Dollar markiert. Die volatilen Schwankungen der vergangenen Wochen seien normal und im Markt bekannt. Viele Expertinnen und Experten erwarten, dass der Kurs im Herbst die 100.000-Dollar-Marke knackt.

Gesunkene US-Inflation

In den USA ist diese Woche die Inflation für April etwas gesunken, was eine Zinssenkung wieder wahrscheinlicher macht. Das gefällt auch den Anlegern am Kryptomarkt. Die Entwicklung vom Bitcoin-Kurs läuft oft parallel zu Aktienkursen, weil man nur von Kursgewinnen profitieren kann und Bitcoin, aber auch Gold bei hohen Zinsen eher unattraktiv ist. "Die Zinssenkungsfantasien der Investoren dürften riskanten und zinslosen Anlagen weiter in die Karten spielen", sagt Emden. Andere Cyber-Devisen wie Ethereum, Solana und Ripple gewannen ebenfalls.

Beliebt in Schwellenländern

Während Kryptowährungen in Industriestaaten von den meisten als riskante Anlageklasse gesehen wird, spielen sie in Schwellenländern eine zunehmend systemische Rolle. Vor allem in Ländern mit schwachen oder sehr volatilen Währungen greifen immer mehr Menschen zu Digitalwährungen.

Das unterstreicht auch eine Analyse vom Krypto-Unternehmen Coinshares: 8,3 Prozent der türkischen Bevölkerung halten laut Coinshares Bitcoin – nirgendwo sonst ist der Anteil so hoch. Das passt ins Bild, denn die Türkei hat mit der extrem hohen Inflation und der erratischen Geldpolitik ein gravierendes Problem. Dahinter folgen Vietnam, Nigeria, Venezuela, Brasilien und Indien. Gewinnen Kryptowährungen in Staaten mit bereits hoher und weiter stark wachsender Bevölkerung mehr an Bedeutung, wird die Nachfrage steigen und das auch den Preis treiben.

Bitcoin gelte in solchen Ländern verglichen zur staatlichen Währung als relativ stabil, was ihn, obwohl er keine Zinsen abwirft, sehr attraktiv mache, heißt es in der Analyse. Auch im Zahlungsverkehr sind Kryptowährungen in Schwellenländern ein weit größeres Thema als in der westlichen Welt.

USA und China

Als große Industriestaaten sind in den Top 20 lediglich die USA und Australien gelistet. China taucht in dem Ranking gar nicht auf, was nicht weiter verwundert. Offiziell sind Krypto-Handel und Mining in China seit 2021 verboten. Systeme, die die chinesische Regierung nicht kontrollieren kann, untersagt sie gerne einmal. (Andreas Danzer, 18.5.2024)