Der Goldpreis hat heuer bereits zu einem beträchtlichen Höhenflug angesetzt, allein in den vergangenen drei Monaten hat er um rund ein Fünftel auf nunmehr knapp 2400 US-Dollar zugelegt. Das könnte aber nur ein kleines Stück eines weiten Weges gewesen sein, den er künftig womöglich noch zurücklegen muss. Denn bis zum Ende dieses Jahrzehnts soll sich der Preis für das Edelmetall noch verdoppeln, also bis auf 4800 Dollar hinaufschießen, wenn es nach dem Goldexperten Ronald Stöferle geht. Aber ist das überhaupt realistisch? Und aus welchen Gründen sollen dem Goldpreis plötzlich Flügel wachsen?

Eine indische Familie mit Kind in einem Schmuckgeschäft.
Die Entwicklung des Goldpreises wird immer mehr durch die Nachfrage aus Schwellenländern wie Indien und Käufen von Notenbanken bestimmt. Westliche Akteure treten sukzessive in den Hintergrund.
AFP/R. SATISH BABU

Zunächst verweist Stöferle, Analyst und Fondsmanager beim Vermögensverwalter Incrementum, darauf, dass mit dem Start der "fulminanten Rally" die bisherigen Widerstandslinien überwunden wurden und nun der Weg nach oben frei sei für die Kursentwicklung. "Das zeigt, dass wirklich Dampf dahinter ist", betont Stöferle bei der Präsentation des Reports In Gold We Trust. Sogar mehr als an den Aktienmärkten, denn heuer habe Gold nicht nur den Weltindex MSCI World, sondern auch den breitgefächerten US-Börsenbarometer S&P 500 hinter sich gelassen. Damit soll es aber nicht getan sein, denn als Zwischenziel bis Jahresende nennt der Experte 2665 Dollar je Feinunze Gold zu 31,1 Gramm, das entspricht einem weiteren Anstieg um fast zwölf Prozent.

Wenn das langfristige Kursziel einer Verdoppelung bis zum Ende dieser Dekade halten sollte, entspricht das einer jährlichen Rendite von ebenfalls knapp zwölf Prozent. Aber kann das Edelmetall diese Versprechen auch einlösen? Durchaus, wenn es nach Stöferle geht. Denn in den 2000er-Jahren habe der Goldpreis jährlich mehr als 14 Prozent eingespielt, und in den 1970er-Jahren waren es sogar rund 27 Prozent pro Jahr, da zwei Inflationswellen den Preis hochgetrieben hatten.

Höhere Inflation

Zwar wird die Teuerung Stöferle zufolge auch diesmal in den westlichen Volkswirtschaften weiterhin erhöht bleiben und über den meist zweiprozentigen Inflationszielen der Notenbanken liegen, selbst weitere Teuerungswellen will er nicht ausschließen. Allerdings sollte dies nur eine untergeordnete Rolle spielen, was generell für westliche Akteure am Goldmarkt gelte. Denn schon derzeit geben vermehrt Notenbanken, vor allem aus den Schwellenländern, und asiatische Marktteilnehmer den Ton an – und die stehen mehrheitlich auf der Käuferseite.

Besonders seit die russischen Währungsreserven nach dem Beginn des Ukrainekriegs eingefroren wurden, sind diese Währungshüter bedacht, ihre Reserven verstärkt auf Gold umzuschichten, über das sie selbst bei möglichen Sanktionen frei verfügen können. Und sie haben Aufholbedarf: Trotz massiv gestiegener Käufe in den vergangenen Jahren habe die chinesische Zentralbank bloß vier Prozent ihrer Reserven in Gold investiert, während es bei der US-Notenbank Fed mehr als 70 Prozent seien.

Wenig goldaffin

Gleichzeitig herrscht in weiten Teilen der westlichen Anlegerschaft eine geringe Goldaffinität. In den USA sollen 71 Prozent der Finanzberater laut einer Bank-of-America-Studie weniger als ein Prozent des Portfolios in das Edelmetall investieren. Das ist ebenso ein Ausdruck jener Machtverschiebung am Goldmarkt von West nach Ost, die auch dazu geführt hat, dass "alte Gesetzmäßigkeiten nicht mehr funktionieren", wie es Stöferle formuliert, dass also andere Spielregeln gelten. Ein Beispiel: Früher galten steigende reale, also inflationsbereinigte Zinsen geradezu als Gift für die Preisentwicklung. Diesmal nicht, denn trotz real ansteigender US-Renditen startete Gold den jüngsten Rekordlauf.

Aber wie gehen eigentlich die Menschen in Österreich mit den stark gestiegenen Preisen um? "Es gibt einen deutlichen Rückgang der Nachfrage", sagt Münze-Österreich-Sprecherin Andrea Lang, "es wird viel weniger gekauft als in den Angstjahren 2020 und 2021." Interesse sei aber weiterhin vorhanden, vor allem bei Preisrückgängen werde nachgekauft. "Dann bilden sich auch Schlagen vor unserer Türe", berichtet Lang, die dieses antizyklische Kaufverhalten als klug einstuft und hinzufügt: "Das Wissen der Bevölkerung um Edelmetalle hat stark zugenommen."

Dieses könnte sich auch bezahlt machen, sollten die Kursprognosen des Incrementum-Experten Stöferle tatsächlich eintreffen. Der In Gold We Trust-Report von ihm und seinem Kollegen Mark Valek erscheint heuer bereits in der 18. Ausgabe und kommt neben Englisch und Deutsch seit einigen Jahren auch auf Spanisch und Mandarin heraus. (Alexander Hahn, 19.5.2024)