Adam Driver spielt in Francis Ford Coppolas Herzensprojekt "Megalopolis" ein Genie – was sonst?
Filmfestival Cannes

Es war einmal ein Mann, der verkaufte sein Weingut, um einen Film zu drehen. Der Mann war die Regie-Ikone Francis Ford Coppola, das Weingut kostete ein Millionenvermögen, und der Film heißt Megalopolis. Am Donnerstagabend wurde das sehnsüchtig erwartete langjährige Herzensprojekt Coppolas beim Festival von Cannes uraufgeführt. Am Ende der Pressevorführung erntete der Film sowohl Buhrufe wie verhaltenen, aber anhaltenden Applaus.

Megalopolis entführt sein Publikum in ein New York der Zukunft und borgt sich dafür die Dekadenz des Römischen Reiches aus. Die Herrschenden, die Coppola hier porträtiert, heißen Cesar, Cicero und Co, und sie führen Machtkämpfe darüber, wie die Stadt der Zukunft aussehen sollte. Eine klare Vision hat der Stadtbaumeister Cesar Catilina (Adam Driver), der auf eigene Faust ganze Viertel sprengt, um diese Vision zu verwirklichen – sehr zum Unmut des Bürgermeisters Cicero (Breaking Bad-Bösewicht Giancarlo Esposito), dessen schöne Tochter auch noch Gefallen am Erzfeind ihres Vaters findet. Und dann sind da noch ein reicher Banker, eine manipulative Klatschreporterin (diabolisch: Aubrey Plaza) und ein neidischer Cousin (Shia La Boeuf) mit psychopathischen Zügen.

Francis Ford Coppola und sein Cast in Cannes: Aubrey Plaza, Adam Driver und Nathalie Emmanuel.
Der 85-jährige Francis Ford Coppolainmitten seines Casts in Cannes: Aubrey Plaza, Adam Driver und Nathalie Emmanuel.
IMAGO/Reynaud Julien/APS-Medias/

Ein teurer Tropfen

Die Geschichte von Megalopolis, die vierzig Jahre lang gut verschlossen in einem Coppola'schen Eichenfass vor sich hingereift ist, ist so simpel wie ihre Protagonisten dekadent. Der Geschmack aber ist komplex: Mal kommt das wie eine Broadway-Oper inszenierte Megalopolis wie billiger Fusel daher, mal trägt er beerige Tiefe auf, mal weht ein frischer Duft von Unabhängigkeit daher. Er korkt zwar ein bisschen, aber es ist ein teurer Tropfen, der von sich behauptet, etwas für Connaisseure zu sein.

Da liegt auch die Krux bei Coppolas 120 Millionen Dollar schwerem, selbstfinanziertem Megaprojekt. Seinen Film mag er zwar als Abgesang auf Amerika und als Appell für Menschlichkeit, Familienwerte und einen bedachten Umgang mit dem Planeten verstehen – wie eine Gesetzestafel am Ende einblendet –, doch eigentlich visualisiert er den technophilen Fiebertraum eines ultrareichen, instabilen Genies.

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Dieses wird von Adam Driver gespielt, der als brütender Cesar Catilina Gefahr läuft, dem Overacting-Schicksal eines Nicolas Cage anheimzufallen. Aber ist nicht Cage ein Cousin der Coppola-Familie? Vielleicht handelt es sich hier auch um ein Familienporträt? Gewidmet ist der Film jedenfalls Coppolas vor kurzem verstorbener Frau Eleanor, die nicht unwesentlich zu seinem Werk beigetragen hat. Ihr ist der berührendste Moment in Megalopolis gewidmet.

Überhöhter Realismus

Nach George Millers Furiosa: A Mad Max Saga, der kommende Woche in unseren Kinos anläuft, war Megalopolis in Cannes der zweite epische Streich eines lange brütenden Genie-Regisseurs. Während sich die Auteurs im Epischen erproben, setzten zwei der vier im Wettbewerb programmierten Regisseurinnen auf realistischere Noten – mit surrealen Akzenten. Etwa Andrea Arnold in Bird, wo ein zerpflückter Franz Rogowski in einem britischen Küstenort auf eine resolute Zwölfjährige trifft, die in einem besetzten Haus lebt. Wie schon in ihrem Film American Honey kreiert Arnold ein audiovisuelles Erlebnis vollkommen abseits bürgerlicher Moralvorstellungen, auch wenn der Film den Reiz des Punks gerne überstrapaziert.

Eröffnet wurde der Wettbewerb von dem Filmdebüt Diamant Brut der jungen Französin Agathe Riedinger. Mit ihrem Porträt einer jungen Frau, die ein Reality-TV-Star werden möchte, tritt sie merklich in Arnolds Fußstapfen. Und sie macht in Sachen Katholizismus Anleihen bei den Neorealisten, indem sie ihre Heldin zur Marienfigur stilisiert.

Meryl Streep kam verkatert zum Rendez-Vous in Cannes, war aber gut drauf.
Meryl Streep kam verkatert zum Rendezvous in Cannes, war aber gut drauf.
REUTERS/Sarah Meyssonnier

Mariengleich war der Auftritt von Meryl Streep in Cannes ganz und gar nicht. Streep ist auf dem Boden geblieben, das mag daran liegen, dass sie neben ihrer Schauspielkarriere – die in Cannes mit der Ehrenpalme ausgezeichnet wurde – vier Kinder bekommen hat. Das erdet und macht, wie sie bei einem Rendezvous mit Journalisten sagte, wenig Lust darauf, nach 19 Uhr noch angerufen zu werden. Sie zeigte sich als nahbare Filmarbeiterin, wie sie im Buche steht, die mit Genialität wenig anfangen kann. (Valerie Dirk aus Cannes, 17.5.2024)