Rocko Schamoni
Vom Fun-Punk zum Universalkünstler: Rocko Schamoni.
Dorle Bahlburg

Nur fort von hier! Es ist 1986. Ein junger Mann von 19 Jahren, der später einmal Rocko Schamoni genannt wird, hat in der Landidylle des nördlichen deutschen Bundeslandes Schleswig-Holstein gerade eine Töpferlehre hinter sich. Sie wird das Letzte sein, was sich in seinem Leben mit den Erwartungen der Eltern deckt.

Jugendliche Irrtümer

Von Lütjenburg – diesen Ort gibt es tatsächlich, auch wenn der Name klingt wie eine poetische Erfindung – will er hinaus in die Welt, mit dem Sound der Punkbands der frühen 80er-Jahre im Ohr und diffusem Kunstwollen im Schädel: endlich in die große Stadt. Die größte denkbare Stadt kann von hier aus nur Hamburg sein. Für die Mutter des Helden ist sie die größte denkbare Gefahrenquelle, mittendrin St. Pauli, das Leuchtfeuer aller Bürgerängste: Halbwelt, Gestrandete, Kleinkriminalität, Nischenexistenzen, alternative Lebensentwürfe, militante Hausbesetzer, aber auch ein florierender Kneipen- und Kunstuntergrund.

Mit Pudels Kern greift Rocko Schamoni einen biografischen Erzählstrang wieder auf, der ihn mit Dorfpunks 2004 in die Bestsellerlisten gebracht hat. Auch zwei Jahrzehnte später "nahen wieder schwankende Gestalten". Die Sicht des Autors auf den schwierigen Job des Erwachsenwerdens in den späten 80ern hat sich verändert. Schamoni erzählt nach wie vor mit unterspanntem Witz, aber nie trivial von den Schwänken der Adoleszenz und ihren oft alkohol-, speed- oder testosteroninduzierten Irrtümern. Doch es bestürzt, wie viele Tote die einst so produktive und vielfältige deutschsprachige (Post-)Punk-Szene inzwischen zu beklagen hat, während die Methusalems des einst so verhassten Rock ’n’ Roll mit Fitnesstrainer und makrobiotischem Brei scheinbar ewig leben.

Rocko Schamoni, "Pudels Kern". € 27,50 / 304 Seiten. Hanserblau, München 2024
Hanser

Golden Pudel Club

In einem feineren Raster wird das Buch zum Seismogramm der kulturellen Veränderungen eines schwierigen Jahrzehnts, die bis in die Gegenwart nachwirken, was man – mit und ohne Drogen – im Malstrom dieser Jahre drinsteckend nicht ohne weiteres so mitbekam. Der Titel spielt nicht so sehr auf das faustische Streben des jungen Mannes aus der Provinz an als auf den Golden Pudel Club am Hamburger Fischmarkt. Einst eher zufällig als Mischung aus Musikclub und einem Secondhandladen, der Punks und Punketten mit Glitzerzeug aus den frühen 70ern ausrüstete, von Schamoni und Mitstreitern gegründet, wurde der "Pudel" ab den 90er-Jahren zum Kristallisationspunkt von allem, was sich in Hamburg in Sachen Popkultur und angrenzende Kunstbemühungen ereignete.

Der Golden Pudel Club und die Einsicht, dass Kunst von Kommunizieren kommt, werden zum Dreh- und Angelpunkt der Erzählung. Das Etablissement gibt es immer noch, zwischenzeitlich abgebrannt und von Zwangsversteigerung bedroht, befindet es sich nun im sicheren Hafen hanseatischer Wohltätigkeit. Die feine Patriotische Gesellschaft von 1795 schützt ihn in Form einer Stiftung als Kulturgut vor schnödem Kommerz und Bodenspekulation. Auch Rebellen kehren heim – meist unverhofft.

Punk war mehr als nur ein Soundtrack der Befreiung, vielleicht die letzte große Erschütterung, die die gesamte Populärkultur ergriff und alle Kategorien einriss. Auf seinen Trümmern wuchs eine Spielwiese für Diversität und Neo-Avantgarden fast aller nun nicht mehr disziplinierten Disziplinen. Ein Ethos des Selbermachens begründet die Ära der genialen Dilettanten – drei Akkorde in den Fingern und Rimbaud-Flausen im Kopf.

Geburt des Fun-Punk

Hier fühlt sich der junge Mann zu Hause, mit Jahrgang 1966 ist er als Punk eher jung. Wo alles schon einmal da gewesen ist, bleibt nur Wiederverwertung, Bricolage, Ironie, Ambivalenz, die Guilty Pleasures des schlechten Geschmacks, kurzum das Arsenal einer aufkommenden postmodernen Ästhetik. Rocko der Fun-Punk war geboren, der Entertainer aus Las Vegas, der Opas verhasste Schlagerwelt recycelte. Als Vorgruppe der Toten Hosen und der befreundeten Goldenen Zitronen warfen ihm die Hardcore-Punks Gemüse an den Sombrero. Ein deutsches Major-Label erlitt einen Totalausfall beim Versuch, ausgerechnet ihn als Teeniestar aufzubauen.

Rocko suchte weiter, und immer war es eine dieser coolen, stets klugen, stets in Schwarz gekleideten Daryl-Hannah-haften Erscheinungen in der Szene, die dem Helden die Wadln richtete, wenn er nicht mehr weiterwusste.

Ein Abend in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses mit den Einstürzenden Neubauten brachte eine zuerst noch befremdliche Initiation in die Hochkultur, später wird er hier Musik für Elfriede Jelineks Sportstück schreiben. Helge Schneider eröffnet für Schamoni die Perspektive auf eine Humorproduktion deutscher Zunge, die etwas von der Anarchie und der Virtuosität, die sie vor 1933 haben konnte, wiedergewinnt.

Weil’s ohne Theorie nicht geht, folgt eine Episode an der Hamburger Kunsthochschule. Im Bus sitzt Rocko neben einem gewissen Jonathan, der mit schwarzer Lockenpracht, schwarzem Trainingsanzug und einer prall gefüllten Mappe mit ihm zur Aufnahmeprüfung fährt. Pudels Kern ist der Roman einer Vorgeschichte, über die bisweilen recht verzweifelten Schwimmübungen, die eine spätere Karriere irgendwo zwischen Musik, Literatur, Theater und Realsatire erst möglich gemacht haben. (Uwe Mattheiß, 19.5.2024)