"Sandgrube" vonFranz Grabmayr aus dem Jahr 1984. Die erdigen Farben verraten das Motiv.
Bildrecht, Wien 2024

"Archaisch" ist ein Wort, das immer wieder fällt, wenn Klaus Albrecht Schröder das Leben und die Arbeiten Franz Grabmayrs beschreibt. 1927 in Kärnten als Bergbauernbub geboren und 2015 gestorben, ist der Materialkünstler Grabmayr für den Albertina-Direktor einer der unterschätztesten Künstler des Landes. Materialkünstler? Das heißt, dass bei ihm die Farbe mehr als nur ein flaches Malmaterial war. Zuerst mit Pinsel und Spachtel, ab den 1970ern aber, weil jene zu schwach für diesen Malprozess wurden, schaufelte und warf Grabmayr mit der Kelle die mit Leinöl abgerührten Farbpigmente auf seine Leinwände – zentimeterdick.

Erde, Feuer, Wasser, Holz

In der Albertina kann man sie jetzt bestaunen. Die Wucht, mit der die teils über 100 Kilogramm wiegenden Farbwände vor einem hängen, ist nur das eine, das andere ist ihre "Dynamik", noch so ein Standardbegriff für Grabmayrs Kunst. Seine wichtigsten Motive waren die Elemente Erde, Feuer, Wasser. Wenn man durch die Schau geht, möchte man Holz auch eine herausgehobene Position zusprechen. Vor allem versprechen die Bildtitel nämlich Feuerbilder und Wurzelstöcke. Dazu Kornmandln und immer wieder Sandgruben.

Ein "Kornmandl" von 1975, das Motiv ist in dieser Schaffensphase Franz Grabmayrs oft noch besser zu erkennen.
Bildrecht, Wien 2024

Bis Mitte 20 war Grabmayr als Lehrer in Kärnten tätig gewesen, dann ließ er sich nach Wien versetzen, um an der Akademie zu studieren. Vom frühen, pastosen Herbert Boeckl war er begeistert, Otto Muehl war sein Trauzeuge. In den 1960ern floh er die Stadt wieder und ließ sich im Waldviertel in einem baufälligen Bauernhof ohne Warmwasser nieder. Dort fand er seine Motive nicht nur, sondern erzeugte sie, indem er in Sandgruben riesige Wurzelstöcke zu meterhohen Feuern anzündete. Ab 1983 ließ er sich auf einem fahrbaren Atelier, für das er Farbeimer auf einen Traktoranhänger lud, stundenlang um sie herumziehen. Hatte er deren Wildheit in sich aufgesogen, entlud er diese Energie eilig. Die Schau fokussiert auf diese Arbeiten aus den 1970ern bis zu den 1990ern.

Fließend bis klumpig

Die Motive waren da schon weit hinter die Abstraktion zurückgetreten. Gut lassen sie sich aber an den Farben (Feuer: gelb, orange; Wurzeln: braun, grün) sowie am Farbauftrag (Feuer: fließend, verschmiert; Wurzeln: knotig, klumpig) unterscheiden. Das alles lädt zwar zum Angreifen ein, aber schauen tut man mit den Augen: Der Blick balanciert auf bunten Graten, stürzt in schroffe Täler und eingefaltete Tiefen, schmiegt sich an Kurven, tastet Rillen ab.

Winters folgte Franz Grabmayr in seinem Atelier im Karl-Marx-Hof in Wien einem ähnlichen Malprinzip wie in Öl im Freien, allerdings in flach und mit Tusche, wenn er Frauen einlud, sich zu mitgebrachter Musik als Modelle für seine Tanzblätter zu bewegen. Dieses schuf er in den 2000er-Jahren.
Bildrecht, Wien 2024

Winters folgte Grabmayr in seinem Atelier im Karl-Marx-Hof in Wien einem ähnlichen Malprinzip, allerdings in flach und mit Tusche, wenn er Frauen einlud, sich als Modelle für seine Tanzblätter zu bewegen. Auch sie sind aus der Nähe nicht weniger spektakulär als in der Fernwirkung. Trotzdem steht der internationale Durchbruch Grabmayrs aus. Dass sich das ändert, hofft Schröder, der mit ihm befreundet war und Werke von ihm zu Hause hängen hat. Eines hat er der Schau geborgt. Das "Gewicht des Pigments" wiegt hier schwer und leicht zugleich, das will man sehen. (Michael Wurmitzer, 18.5.2024)