Ilse Kilic und Fritz Widhalm protokollieren in ihren Comics die vielen kleinen und größeren Veränderungen, die das Älterwerden mit sich bringt.
Edition farce vivendi

Ilse Kilic und Fritz Widhalm werden seit 2009 älter. Oder sagen wir, zu diesem Zeitpunkt haben sie begonnen, ihre Gedanken zum Thema Älterwerden in Comicform aufzuzeichnen. Linke Seite Ilse, rechte Seite Fritz. Und zwischendurch Seitenwechsel. Ilse und Fritz sind die Protagonisten, im zeitgemäßen Jargon, die Avatare. Sie sind pro Seite jeweils drei-, viermal gezeichnet, in reduzierter Form, mehr Strich bei der einen, mehr Linie beim anderen. Kilic und Widhalm sind bekannt für ihre Edition Das fröhliche Wohnzimmer, das Glücksschweinmuseum, das sie vor kurzem aus Altersgründen aufgelöst haben, und für ihre zahlreichen schriftstellerischen, dichterischen und anderen künstlerischen Werke.

Erschütterte Gewissheiten

Kilic und Widhalm waren gerade mal knapp über 50, als sie Du siehst ja noch richtig gut aus – Ein Comic übers Älterwerden (2009) herausbrachten. Was war der Anlass? "Älter wird man ja ununterbrochen", sagt Kilic in ihrem Stammcafé in der Strozzigasse im siebten Wiener Bezirk. "Der Anlass war wohl Ilses Krebsgeschichte, die uns 2005 überraschte", erklärt Widhalm. Eine schwere Krankheit bedeutet einen großen Einschnitt im Leben eines Menschen wie seiner Nächsten. Mit einem Schlag werden eingewöhnte Gewissheiten erschüttert, Selbstverständlichkeiten infrage gestellt. In den folgenden Jahren zeichnen die Autoren drei weitere Comics zum Thema: Du siehst ja noch ganz gut aus – Noch ein Comic übers Älterwerden (2014), Du siehst ja immer noch ganz gut aus – Neue Berichte vom Älterwerden (2019) und zuletzt Du siehst ja immer noch ganz okay aus. Oder etwa nicht? (2023). Die kleinen Veränderungen spiegeln sich, selbstironisch, in den Titelvariationen.

"Älter wird man, solange man lebt." Dass uns das Älterwerden seit der Geburt begleitet, mag eine Binsenweisheit sein, doch in diesen Comics geht es unter anderem genau auch um solche Binsenweisheiten, die knapp unter der Wahrnehmungsgrenze liegen. "Früher dachte ich, es ändert sich nur die Zahl, die ich sage, wenn ich nach meinem Alter gefragt werde: 25, 35, 45, 55, ist doch egal!" Älter werden ist etwas eminent Gesellschaftliches. Und unsere Gesellschaft sieht mit demselben Wahrnehmungsorgan, mit dem es anderes übersieht oder ausblendet.

Das Alltägliche, das Gewöhnliche, das Unspektakuläre spielt im Comic eine bedeutende Rolle. Eine Zahnprothese, ein Bandscheibenvorfall. Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit, die sich im Alter leider nicht gegenseitig aufheben, wie ein mathematischer Schluss zulassen würde. Der Körper rückt plötzlich in den Mittelpunkt. Erinnert an sich. Zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Die Comics inventarisieren: von Wehwehchen bis zu den ernsthaften, einschränkenden Veränderungen. Fritz hört zunehmend schlechter. Er muss sich mit einem Hörgerät anfreunden. "Hörgeräte sorgen durchaus für Thrill. Tastendruck: lauter. Tastendruck: leiser." Eines Tages hat er einen Hörsturz. Da stürzt eine Welt ein. Ilse hat den Grauen Star, sie bekommt künstliche Linsen eingesetzt. Kleine Schnitte mit großen Folgen.

Das Alltägliche spielt in den Comics von Ilse Kilic und Fritz Widhalm eine bedeutende Rolle.
Edition farce vivendi

Enttabuisierung

Anhand der Schnitte und Einschnitte lässt sich das Älterwerden dokumentieren. Ein Schnitt lässt sich gut zeichnen: ein langer Strich mit kurzen Querstrichen. Zu den Schnitten, "die an Ilse Spuren hinterlassen haben", gehört die "Hasenscharte", die im Babyalter operiert wurde. "Den Ausdruck Hasenscharte mochte ich schon als Kind nicht. (...) Schon beim Wort HASE errötete ich." Im Alter ändert sich das Verhältnis zu Wörtern. Einige verlieren ihre einstige, traumatisierende Macht. Das Reden über das Altern, aber auch das Zeichnen ist an Enttabuisierung geknüpft. Mit einem senkrechten Strich und zwei kleinen Querstrichen deuten Fitz und Ilse in ihren Zeichnungen Ilses Hasenscharte an. Auch die großen Einschnitte nach den Brustkrebsoperationen sind verzeichnet. Der Körper ist oft nackt dargestellt. Zu Hause, im FKK-Strandbad am Gänsehäufl, beim Urologen. Der Körper ist das sichtbare Aufzeichnungsgerät des Alters, er ist zerbrechlich, doch zugleich hält er zusammen.

Zu den "Facetten des Älterwerdens" gehören keineswegs nur Nachteile. "Positiv denken geht mir auf die Nerven", sagt Ilse zwar, doch zugleich erinnern sie und Fritz wiederholt an die Freuden des Alterns, an neue Vorlieben oder den Wegfall gewisser Zwänge und Normen. Schließlich ist das gemeinsame Zeichnen Teil einer Lebenskunst. Seite für Seite spinnen Ilse und Fritz ihre Gedanken fort, reichen sich Wörter weiter, Wörter wie Schwermut und Leichtmut, Übermut und Langmut, aber auch Armut. Altersarmut. Während die Gesellschaft Leistungen unterlässt, leisten Ilse und Fritz sich Gesellschaft. Seite an Seite, "ein schönes Paar", in wechselseitiger Spiegelung und Vergewisserung üben sie sich in Gelassenheit und Ausgelassenheit und in "Gegenfröhlichkeit, gegen die Weltlage gewissermaßen". "Ich könnte alle deine Narben ausradieren", so der Zeichner. Humor hilft, sagt Fritz, sagt Ilse, und Kaffee und Gugelhupf. Und spielen sich weiter ihre Stichwörter zu, ihre liebevollen Sticheleien und Fäden, die sie mit ihren Bleistiften ziehen. (Martin Reiterer, 20.5.2024)