Im Fokus des Fotos ist die eingeritzte Darstellung eines Erhängten, wie in einfachen Strichen gezeichnet. Eine Hand deutet darauf, darüber schwebt eine Vergrößerungslinse.
Die hölzerne Tür fällt auf durch etliche Darstellungen von Menschen an Galgen.
English Heritage

Ist es Langeweile, eine vandalische Mutprobe oder das Bedürfnis, seine Spuren für die Zukunft zu hinterlassen? Das Bedürfnis, den eigenen Namen und andere Botschaften in Möbel und Bauwerke einzuritzen, ist jedenfalls uralt und treibt obskure bis problematische Blüten.

Manchmal führt es aber auch zu bemerkenswerten archäologischen Funden, wie kürzlich in England: Entdeckt wurde eine Tür aus dem 18. Jahrhundert, "verziert" mit Gravuren stationierter Soldaten. Die Abbildungen zeigen vor allem erhängte Figuren, bei einer davon könnte es sich sogar um ein künstlerisch freies Abbild von Napoleon Bonaparte handeln, wie die Denkmalschutzorganisation English Heritage berichtet.

England im Krieg

Die Tür befand sich in einer Burg: Dover Castle im Südosten Englands war wichtig für die Verteidigung des Landes. Während heute täglich hunderte bis tausende Privatpersonen per Fähre oder Eurotunnel zwischen dem britischen Dover und dem französischen Calais hin- und herreisen, standen sich die beiden Länder oftmals feindlich gegenüber.

Foto der Burg mit bewachsenem Steinwall, im Hintergrund sieht man den Atlantik.
Dover Castle befindet sich in der Grafschaft Kent.
English Heritage

Ende des 18. Jahrhunderts fürchtete England einen Überfall der napoleonischen Armee. Um die Folgen der Französischen Revolution zu dämpfen, erklärten nicht nur die Habsburgermonarchie und Preußen, sondern bald auch Großbritannien Frankreich den Krieg. Zu den wichtigsten Kämpfen zählte die Seeschlacht von Trafalgar 1805, die den französischen Kaiser Napoleon massiv schwächte und Großbritanniens Vorherrschaft auf den Weltmeeren stärkte. Erst zehn Jahre später, 1815, beendeten die Alliierten unter Großbritannien und Preußen mit der Schlacht bei Waterloo letztendlich Napoleons Herrschaft über weite Teile des europäischen Festlands.

Derweil ließen offenbar gelangweilte Soldaten in einem Wachturm der Burg von Dover ihrer Fantasie freien Lauf. Etwa 50 Schnitzereien finden sich auf der Holztür aus einem der Türme, darunter neun Figuren, die an Galgen hängen.

Mann am Galgen mit einem Zweispitz, der hier aber eher wie ein bananenartiger Hut aussieht.
Eine der Figuren erinnert durch den Kopfschmuck entfernt an Napoleon Bonaparte.
English Heritage

Eine davon erregte besondere Aufmerksamkeit. Diese Gestalt trägt laut Paul Pattison, Historiker von English Heritage, der für die Burg zuständig ist, eindeutig eine Militäruniform und einen Zweispitz. Die Interpretation, dass es sich um den heute berühmtesten Zweispitzträger Napoleon Bonaparte handelt, ist naheliegend. Zumindest als Fantasie des Schnitzers, zumal der französische Kaiser nicht erhängt wurde, sondern 1821 im Exil auf St. Helena wohl an den Folgen von Magenkrebs verstarb. Laut English Heritage könne es sich aber auch um die Abbildung einer realen Hinrichtung in Dover handeln, wo Erhängungen "als morbide Unterhaltung dienten".

Schiff, Kelch und Jahreszahlen

Ein weiteres spezielles Motiv stellt ein beachtliches Segelschiff dar. Bei dem relativ akkurat dargestellten Einmaster handelte es sich um einen damals üblichen Kutter für acht Kanonen, wie er sowohl von der königlichen Kriegsflotte Großbritanniens als auch von Schmugglern verwendet wurde. Während der napoleonischen Kriege war der britische Handel mit dem europäischen Festland durch die französische Sperre der kontinentalen Häfen für britische Händler nur extrem eingeschränkt möglich, den Warenschmuggel konnte die Blockade aber nicht völlig verhindern.

Eingeritzter Kutter
Der Kutter deutet an: Man befindet sich in einer Hafenstadt.
Jim Holden / English Heritage

Eine andere Darstellung wird als Kelch interpretiert, über dem sich ein verschnörkeltes Kreuz befindet – eine weitere interessante Abwechslung zu den Erhängten. Laut English Heritage könnte dies die christliche Kommunion darstellen, ein Sakrament, das in der anglikanischen Kirche Englands gefeiert wird.

Ins Holz eingeritzt sind fünf symmetrische Schnörkel, die ein Kreuz bilden, darunter eine Art Kelch mit langem Stiel im Querschnitt.
Dieses Glas mit schnörkeligem Kreuz könnte religiöse Bedeutung haben.
English Heritage

Auffallend sind auch drei eingeritzte Jahreszahlen. 1789 fand bekanntlich die Französische Revolution statt, 1798 fiel in die Zeit, als Dover Castle umgebaut sowie besser geschützt wurde, und 1855 plante man weitere Umgestaltungen des Turms. Als Wache waren sechs bis zwölf Soldaten im Turm stationiert, die mit Messern oder Bajonetten ihre Spuren hinterlassen haben dürften. Die Bilder stammen von unterschiedlichen Personen.

Hinterlassene Namen

Die Einritzungen wurden erst jetzt entdeckt, weil die Tür restauriert wurde. Das obere Stockwerk des Turms ist nur über eine Leiter zu erreichen, und mehrere Schichten Farbe überlagerten die Schnitzereien. "Wir hatten schon einen flüchtigen Eindruck davon bekommen, was darauf sein könnte, aber als wir sie auseinandergenommen haben, war das Ganze ziemlich erstaunlich", wird Pattison im Guardian zitiert. Ab Juli wird die Tür in der Ausstellung Dover Castle Under Siege gezeigt, die die Geschichte der Burg während Belagerungen und von ihrer Bedeutung für die Verteidigung Englands erzählt.

Einritzungen von gehängten Menschen, Jahreszahlen und Buchstaben. Durch ein Gitterfenster in der Holztür sieht man einen Mann, der an der Tür arbeitet.
Die Tür im obersten Stockwerk des Turms wurde reich verziert.
Jim Holden / English Heritage

Natürlich fanden sich auf der Tür auch mehrfach Initialen, die vermutlich für einzelne Personen stehen, und mit "Downam" und "Hopper" oder "Hooper" zwei Nachnamen. "Was diese Tür zu einem so außergewöhnlichen Objekt macht, ist, dass sie ein seltenes und wertvolles Beispiel für gewöhnliche Menschen ist, die Zeichen hinterlassen", sagt Paul Pattison, "ob sie nun einfach Zeit totschlagen oder in Erinnerung bleiben wollten." (Julia Sica, 20.5.2024)