Nach fast fünf Jahrzehnten in der Lebensmittelproduktion zieht sich Efko-Chef Klaus Hraby im Sommer operativ zurück. Zuvor zieht er Bilanz über die Marktmacht des Handels, falsche idyllische Vorstellungen von Landwirtschaft und Arbeiter aus Südostasien mit grünem Daumen.

Efko-Chef Klaus Hraby: "Bauern zu unterstellen, es gehe ihnen nur um maximale Gewinne, ums Spritzen der Felder und Knechten des Proletariats, stelle ich scharf in Abrede."
Florian Voggeneder/laif

STANDARD: Das Extrawurstsemmerl mit Gurkerl war einst ein Klassiker. Heute führt es zwischen Wraps, Döner, Bowls und Sushi ein Schattendasein. Auch die Brettljause ist vielerorts aus der Zeit gefallen. Wie schlecht ist es um das Essiggurkerl bestellt?

Hraby: Das Geschäft mit Sauergemüse war vor der Pandemie massiv unter Druck. Dann wurden wir für systemrelevant erklärt. Viele Leute deckten sich wie verrückt mit Gurkerln, roten Rüben und Sauerkraut ein. Nachhaltig war dieser Aufschwung nicht. Die Welt dreht sich heute wieder im gleichen Tempo wie zuvor.

STANDARD: Ein Gurkerl hat kein Mascherl. Wie wahrscheinlich ist es, dass jenes, das einem im Wirtshaus oder in der Feinkost eines Supermarkts kredenzt wird, kein österreichisches ist?

Hraby: 50 Prozent. Die andere Hälfte der Gurkerln kommt aus Vietnam, Indien oder der Türkei.

STANDARD: Lassen sich diese von österreichischen geschmacklich unterscheiden?

Hraby: In einer Semmel oder im Salat gewürfelt nicht. Sie müssen auch nicht deklariert werden. Österreich hat jedoch viel strengere Pflanzenschutzrichtlinien. Teil der Qualität ist der Umgang mit Ressourcen.

STANDARD: Kann in einem indischen Gurkerl Kinderarbeit stecken?

Hraby: Soll ich dem Zertifikat eines indischen Zertifizierers trauen? Wie man Kinderarbeit entlang der Versorgungskette verhindern kann, hat mir noch keiner schlüssig erklären können. In der Türkei liegen die Löhne für syrische Erntehelfer pro Stunde aktuell zwischen einem und 1,30 Euro. So etwas wie Versicherungen, Pensionen gibt es nicht. Wir betreiben Import von Sozialmissbrauch, während wir darüber diskutieren, ob Erntehelfer in Österreich mit 8,20 Euro netto die Stunde ausgebeutet werden.

STANDARD: Auch Niedriglohnjobs in Österreich, auf dem Feld oder in der Logistik, sind ein guter Nährboden für Sozialdumping. Wird genug kontrolliert?

Hraby: Fahren Sie auf der Autobahn nie mehr als 130? Wird hier genug kontrolliert? Nein. Efko ist multipel geprüft. Sozialdumping ist bei uns undenkbar. Wird ein Kugelschreiber zu teuer gekauft, haben wir einen Revisionsbericht. Wir gehen davon aus, dass auch unsere Lieferanten die Gesetze einhalten. Klar ist, bei 70 Leuten auf einem Hof gibt es immer irgendwo Wickel. Ich attestiere unseren Landwirten aber, dass sie zu 95 Prozent korrekt arbeiten.

STANDARD: Gurkerln sind extrem personalintensiv. Sie werden zwölf Wochen im Jahr bäuchlings auf Gurkerlfliegern liegend händisch alle vier Tage gepflückt. Warum sind Ernteroboter hier immer noch Zukunftsmusik?

Hraby: Bei Erdbeeren wird maschinelle Ernte nicht mehr lang dauern. Grüne Gurken unter grünen Blättern zu detektieren ist jedoch technisch schwierig. Der Gurkenmarkt ist zu klein. Kein Unternehmen entwickelt dafür komplexe Maschinen.

Efko verarbeitet jährlich 85.000 Tonnen Gemüse.
Efko

STANDARD: Finden Ihre Landwirte heuer ausreichend Erntehelfer?

Hraby: Es gibt genug. Was dabei völlig unterschätzt wird: Das ist keine niedere Hilfsarbeit. Es braucht grüne Daumen. Gut eingearbeitete Leute werden gern von deutschen Betrieben abgeworben. Dort verdienen sie netto mehr, kosten brutto aber wesentlich weniger. Ein Dilemma.

STANDARD: Es ist auch rechtlich umstritten. Mit Deutschland geichzuziehen hieße, das Sozialsystem zu schwächen.

Hraby: In Deutschland werden Erntehelfer brutto für netto bezahlt. Sie haben keine Pensionsversicherung, sind anders als bei uns nicht voll unfall- und krankenversichert. Dieses menschenverachtende System wollen wir nicht bei uns. Aber das ist unsere Konkurrenz – und ihre Produkte werden in Österreich gekauft. Es geht uns um Chancengleichheit.

STANDARD: Warum dehnt sich die Suche nach Arbeitskräften in immer exotischere Länder wie Vietnam aus?

Hraby: Aus Ländern wie Polen kommen weniger Leute. Die Lohnunterschiede sind nicht mehr so groß, um die Familie ein halbes Jahr allein zu lassen. Menschen aus den Philippinen etwa haben gute Arbeitseinstellungen, sie sind pünktlich, sprechen gut Englisch, finden sich gut sozial ein. Österreicher machen diese Arbeit nicht. Die Ernte ist, wann sie ist. Wir können sie nicht ausdehnen und schicke Arbeitszeitmodelle bauen.

STANDARD: Gibt es nichts, was Österreicher angesichts der wachsenden Arbeitslosigkeit dazu bewegen könnte, sich auf den Feldern zu verdingen?

Hraby: Nein. Wir haben es acht Mal probiert, es gab obskurste Geschichten. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie es auf Bauernhöfen zugeht. Es ist eingeteilte Arbeit in Partien im Schichtbetrieb – kein Job mit Strohhut, Schürze und Gießkanne. Heindln Sie einmal acht Stunden am Tag, um Biogemüse unkrautfrei zu machen.

STANDARD: Höhere Löhne, 40-Stunden-Wochen, längere Saisonen durch den Zusammenschluss mehrerer Arbeitgeber wären kein Anreiz?

Hraby: Kooperationen gibt es rund um Spargel, Erdbeeren und Gurkerln. Wer viel verdienen will, der arbeitet viel. Wer dieses Bedürfnis nicht hat, tut es nicht. Diese Menschen sind für uns nicht rekrutierbar.

Essiggurkerln sind Handarbeit, vom Feld bis zum Glas.
Efko

STANDARD: Gurkerln und Erdbeeren zu ernten war ein beliebter Ferialjob. Was wurde aus Jugendlichen, die sich damit ihr Taschengeld aufbesserten?

Hraby: Wir hatten bis vor der Pandemie 120 Ferialpraktikanten. Jetzt sind es 15. Es gibt sie nicht mehr. Sie sind weg. Es ist ein Branchenphänomen. Eine wahre Geschichte: Ein Vater ruft bei uns an, meint, seine Kinder könnten armen Bauern ernten helfen, aber nur zwei Stunden lang, nur vormittags und nur jeden dritten Samstag.

STANDARD: Sie meinten einmal, Sie könnten ein Buch über das Thema Erntehelfer schreiben. Was wäre der Titel?

Hraby: (überlegt) Landwirtschaft ist kein Ponyhof.

STANDARD: Efko hatte einst mehr als 500 Gurkerllieferanten. Heute sind es 15. Wie ist es um den Anbau von Salat, Rüben, Kraut und Spinat bestellt?

Hraby: Der Strukturwandel galoppiert. Im Ackerbau braucht es für einen Hektar fünf bis acht Arbeitsstunden. Bei Spargel, Gurken, Erdbeeren, Kopfsalat reden wir von bis zu 3000 Stunden. Sind Kulturen aufwendig und ist der Preis kein Burner, steigen Bauern aus personalintensivem Landbau aus. Dann schicken sie ihre Leute heim, vermieten ihre Unterkünfte, kaufen sich einen größeren Traktor und stellen auf Ackerbau um. Wie überall anders auch wollen viele Junge in der Landwirtschaft nicht mehr so viel hackeln wie der Vater. Statt weiter 365 Tage im Jahr in den Stall zu gehen, ändern sie ihr Betriebskonzept.

STANDARD: Muss Efko zwangsläufig selbst zum Landwirten werden?

Hraby: Wir bemühen uns um Rahmenbedingungen, die für Landwirte passen. In Leopoldsdorf produzieren wir selber Babyspinat, Vogerlsalat und Rucola. Seither weiß ich, wie blutig das Geschäft der Bauern ist. Wir mühen uns ab. Ohne viel Erfahrung und handwerkliches Geschick funktioniert hier gar nichts.

STANDARD: Im Lebensmittelhandel sehen Sie Efko einem gnadenlosen Preiskampf ausgesetzt – mehr denn je?

Hraby: Dieser hat enormen Fixkostendruck, weil Österreich pro Kopf die doppelten Verkaufsflächen von Deutschland hat. In der Pandemie gab es wenige Preisaktionen, weil es vermeintlich an Ware fehlte. Jetzt schwenkt das Pendel in die andere Richtung. Darf ich ausholen? Der Anteil an Lebensmittelausgaben ist über Jahrzehnte extrem gesunken. Nun geht die Kurve in die andere Richtung. Und sie wird nicht mehr flach, denn Anforderungen im Sinne der Nachhaltigkeit steigen. Das kostet Geld. Denn weniger Pflanzenschutz heißt weniger Ertrag und mehr Arbeit.

Rund 80 Prozent des Umsatzes erzielt Efko im Lebensmittelhandel.
Efko

STANDARD: Viele Lebensmittel werden sich weiter verteuern?

Hraby: Lebensmittel werden nicht mehr billig, außer wir verzichten auf jegliche Qualität. Teurer wurde auch der Urlaub in Mallorca. Diesen gibt man sich halt nur einmal im Jahr. Eingekauft wird aber jede Woche. Die Händler suchen ihr Heil in Preiseinstiegslagen. Aber Billiges kommt aus Ländern, in denen die Leute nichts verdienen. Wir begehren österreichische Löhne und Sozialleistungen, wollen aber asiatische Preise zahlen. Das geht nicht zusammen.

STANDARD: Der Handel wird nicht müde zu betonen, wie wichtig ihm regionale Lieferanten seien.

Hraby: Vereinzelt gibt es sicher tolle Projekte mit Bauern. Aber diese Premiumschienen sind ein Minderheitenprogramm. Das Volumen liegt im Preiseinstieg, und da ist österreichische Landwirtschaft nicht vorhanden.

STANDARD: Ihre Branche verliert stetig Marktanteile an Eigenmarken des Handels. Sinkt die Vielfalt im Regal?

Hraby: Extrem. In manchen Regalen stehen nur Eigenmarken des Handels. Die Preiseinstiegslagen werden fast allesamt im Ausland produziert. Wir sind ein mittelständischer Markenartikler. 90 Prozent unseres Geschäfts machen vier Kunden. Einen nicht mehr zu beliefern geht nicht. Der Druck ist hier oft sehr groß.

STANDARD: Was importiert Efko?

Hraby: Alles, was sich in Österreich kultivieren lässt – Kraut, Feldsalat, rote Rüben, Gurkerln – wird in Österreich angebaut. Für Silberzwieberln fehlen die Bodenvoraussetzungen, auch Pfefferoni wachsen hier nicht. Sie kommen aus der Po-Ebene. Eisbergsalat holen wir im Winter aus Italien. In Tschechien erzeugen wir für Tschechien und die Slowakei.

STANDARD: Efko weist Kren als steirisch aus, reibt ihn aber in Tschechien. Es ist zulässig, sorgte aber für Zwist.

Hraby: Wir haben hier alle Verfahren gewonnen. Zwei steirische Landwirte produzieren für uns. 18 Arbeitsgänge braucht es, bis der Kren fertig ist. Krenheben ist eine unvorstellbare Hacke. Aber mir als Niederösterreicher soll keiner erzählen, dass das Krenreiben eine steirische Erfindung ist.

Efko-Chef Klaus Hraby: "Wir begehren österreichische Löhne und Sozialleistungen, wollen aber asiatische Preise zahlen. Das geht nicht zusammen."
Florian Voggeneder/laif

STANDARD: Wie verändert der Klimawandel den Anbau?

Hraby: Gewisse Produkte werden sich im Marchfeld nicht mehr produzieren lassen, weil es zu heiß ist. Kartoffeln hören ab gewissen Temperaturen zu wachsen auf, da kann man bewässern, was man will. Wachstumsstress schadet der Qualität massiv. Eisbergsalat wird es im Marchfeld mittelfristig nicht mehr geben.

STANDARD: Reizthema in der Landwirtschaft sind Pestizide. Zu Recht?

Hraby: Ein Beispiel: Es gibt keinen österreichischen Bierrettich mehr. Der letzte Bauer hörte auf. Weil ein gewisser Wirkstoff bei uns nicht zugelassen ist. Ein Abbauprodukt davon wurde im Grundwasser nachgewiesen. Deutschen und Schweizern ist das wurscht. Der Rettich für Österreich kommt halt jetzt aus Deutschland. Und kein Konsument merkt es.

STANDARD: Bio-Bierradi gibt es aber nach wie vor aus Österreich.

Hraby: Das ist eine andere Preisliga. Gibt es gesellschaftlichen Konsens darüber, machen wir gern alles Bio – es will nur nie wer zahlen. Jeder will, dass wir Erntehelfer angemessen entlohnen. Aber auch das darf nichts kosten. Und wir sind gebürstet darauf, nur allerschönste Produkte zu kaufen. Ein Punkterl – und sie bleiben im Regal liegen. Bauern zu unterstellen, es gehe ihnen nur um maximale Gewinne, ums Spritzen der Felder und Knechten des Proletariats, stelle ich scharf in Abrede.

STANDARD: Sie gehen im Sommer in Pension. Werden Sie aus sportlichem Ehrgeiz heraus mitunter ein paar Runden auf dem Gurkerlflieger drehen?

Hraby: Den Gurkerlflieger nehm ich mir statt des Gyms auf die Agenda. Als Neueinsteiger heißt das drei Tage Muskelkater im Trapezius. (Verena Kainrath, 19.5.2024)