Politiker werden auf offener Straße tätlich angegriffen, hauptsächlich von rechts, aber auch von links. Jugendliche Schlägertrupps mit Neonazi-Hintergrund machen (ost)deutsche Städte unsicher. In Frankreich wird ein Mann bei dem Versuch, eine Synagoge anzuzünden, von der Polizei erschossen. In der Slowakei ein Attentat auf den Ministerpräsidenten. Die Gewalt geht manchmal von durchgeknallten, verhetzten Einzelgängern aus, manchmal von organisierten Gruppen. Unis werden von Studenten mit Parolen besetzt, die einen deutlichen antisemitischen Unterton haben. (Ost-)Europäische Mittelstaaten wie Ungarn, die Slowakei, Serbien, vielleicht demnächst Kroatien driften in autoritäre Regime ab. Auf dem Kontinent gibt es eine hochgerüstete Großmacht unter einem Diktator, der sich seine Nachbarn einverleiben will. In alten westlichen Demokratien sind die Rechtsextremen stark, in den vormals liberalen Niederlanden jetzt an der Macht.

Auf dem Kontinent gibt es eine hochgerüstete Großmacht unter einem Diktator, der sich seine Nachbarn einverleiben will.
EPA/SERGEY GUNEEV/SPUTNIK/KREMLI

Europa 2024. Es erinnert in so vielem an Europa 1924 oder eher 1934. Ein Kontinent, schwer verunsichert, unter dem Ansturm antidemokratischer Kräfte von innen und von außen. Die Voraussetzungen sind andere als vor 100 oder 90 Jahren. Der Wohlstand ist ungleich höher, das demokratische Denken viel stärker als damals. Aber die Parallelen sind trotzdem beunruhigend. "Aufwachen, bevor es finster wird", stand jetzt eine Zeitlang auf dem Burgtheater. (Hans Rauscher, 17.5.2024)