K.O.-Tropfen Carlina Bianchi Cinderela Festwochen Femizide
Das "Vergewaltigungsgetränk" mit K.-o.-Tropfen wird in Brasilien landläufig "Goodnight Cinderella" genannt.
Christophe Raynaud de Lage

Wer sich live auf der Bühne K.-o.-Tropfen verabreicht, wird alsbald bewusstlos werden. Genau das macht Carolina Bianchi in ihrer Performance A Noiva e o Boa Noite Cinderela („Die Braut und Goodnight Cinderella“). Sie zerdrückt das Tablettenpulver, vermengt es mit Wodka und Tonic und zieht die Flüssigkeit mit großen Zügen über einen Strohhalm ein. Bevor sie sehr müde wird und einschläft, hält sie noch einen Vortrag darüber, aus welcher über Jahrhunderte tradierten Kultur der Frauenverachtung wir heute kommen. Cinderela hatte im Sommer 2023 Uraufführung in Avignon; die Wiener Festwochen bringen die brasilianische Performerin mit ihrem Femizid-Stück nun zum allerersten Mal nach Österreich.

Zu Beginn zitiert Bianchi – noch völlig wach – einen Vergewaltigungsfall aus Dantes Göttlicher Komödie oder veranschaulicht die Züchtigungslogik aus der durch Botticellis Gemäldeserie bekannt gewordenen Geschichte des Nastagio degli Onesti, in der eine Frau beispielgebend unterworfen wird, die in die Ehe nicht einwilligen wollte. Sie wurde verflucht, nach dem Tod einmal wöchentlich vom abgewiesenen Verehrer aufs Neue ermordet zu werden, der ihren Körper dann an Hunde verfütterte. Das wiederholte sich genau jene Zeitspanne lang, in der sie dem Mann gegenüber ablehnend war.

Wiener Festwochen

Direkt Bezug nimmt Bianchi bei ihrem Gastspiel in der Halle G des Museumsquartiers aber auf die italienische Aktionskünstlerin Pippa Bacca, die während ihrer Performance 2008, bei der sie von Mailand nach Jerusalem in einem weißen Brautkleid per Autostopp reiste, vergewaltigt und ermordet wurde. Bacca wollte mit ihrer Aktion die Güte der Menschen nachweisen. Auch Bianchi tritt, Baccas Brautkleid zitierend, in einem strahlend weißen Zweiteiler auf und intoniert dann mit provokanter Karaoke-Inbrunst ein Liebeslied. Das jagt auch die K.-o.-Tropfen schneller durch den Blutkreislauf.

Letzte Fotografien der später ermordeten Bacca sind auf großer Leinwand projiziert. Diese senkt sich ab, nachdem Bianchi am Tisch eingeschlafen ist und die Performer ihres Kollektivs Cara de Cavalo die Show übernommen haben. Sie arrangieren das Setting, tanzen in Zeitlupe zu deformierten Popmelodien. Alsbald wird der Blick auf eine Landschaft frei, die Versatzstücke determinierter Gewaltorte versammelt: ein verlassener Platz am Stadtrand mit Abendrot (auf Leinwand), ein einsam stehendes schwarzes Auto, Sandboden, Matratze, Alkohol, Skelette, Totenköpfe.

Puzzleteile nebeneinander

Hier wird Bianchis überzeugende Bildsprache deutlich: Sie legt Puzzleteile und Erzählungen hinter- und nebeneinander, fächert die schrecklichsten Vorkommnisse auf, ohne dabei selbst Gewalt darstellen zu müssen. Die Teile bleiben für sich, die Kombination vollzieht sich in den Köpfen des Publikums. Da ähnelt sie den Arbeiten der derzeit ebenfalls gefeierten Regisseurin Gisèle Vienne, die in ihrem Missbrauchsstück Extra Life ein Auto in freier Landschaft, Erinnerungen, Träume aufwendet.

Frappierend ist Bianchis Erzählung vom brasilianischen Torwart Bruno Fernandes de Souza, der seine Freundin ermorden, ihre Körperteile an seine Hunde verfüttern, die Knochen einmauern ließ und der nach vierjähriger Haftstrafe von jubelnden Fans in Empfang und von einem neuen Fußballclub gleich unter Vertrag genommen wurde. Diese Geschichte wie auch jene der Massenfemizide aus Ciudad Juárez kann Bianchi, da bewusstlos, nicht mehr selbst erzählen; sie werden als Text projiziert.

Massenmorde in Ciudad Juárez

Die Abwesenheit der Protagonistin, die schlaftrunken von ihrem Ensemble entkleidet und auf eine Matratze, später in den Kofferraum gelegt wird, macht sie nicht weniger präsent. Denn es sind ihre projizierten Texte, die keine Ruhe geben. Über die von Roberto Bolaño im Roman 2666 aufgegriffenen und bis heute nicht aufgeklärten Frauenmorde an der mexikanischen Grenze sagt sie: "Die Frauen waren gezwungen, ihre Nacktheit mit dem Müllhaufen zu vermengen." So wie die bildlichen Zeichen auf der Bühne nüchtern arrangiert bleiben, so nüchtern arrangierend ist Bianchis bemerkenswerte Sprache.

Mit Vehemenz widerspricht die Protagonistin, die Opfer einer Vergewaltigung wurde, jeder Vorstellung von "Heilung". Der Körper gleiche einem Mausoleum. Und um zu sehen, wie es in diesem aussieht, folgt eine via Livekamerabilder auf den Textmonitor übertragene Vaginaluntersuchung am noch bewusstlosen Körper der Performerin. Eine logische Schlussfolgerung einer Aufführung, die die Gewalt, mit der sie sich auseinandersetzt, in Einzelteilen säuberlich aufschichtet und kunstvoll in die Öffentlichkeit zurückschickt.

Wackelige Beine

Nach zweieinhalb Stunden wird die Performerin wach. Auf wackeligen Beinen verbeugt sie sich vor einem heftig applaudierenden Premierenpublikum. Mit "Goodnight Cinderella" bezeichnet man in Brasilien übrigens landläufig das "Vergewaltigungsgetränk". (Margarete Affenzeller, 19.5.2024)