Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stand auch schon vor Corona in der Kritik. Etwa wegen ihrer chronischen Unterfinanzierung durch die Mitgliedsstaaten. Tatsächlich kommen beträchtliche Teile des Budgets der Uno-Sonderorganisation von der privaten Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung sowie von der Impfallianz Gavi, einer von den Gates und internationalen Pharmafirmen gesponserten öffentlich-privaten Partnerschaft (PPP).

Martin Haditsch unterwegs für die Servus-TV-Reportage "WHO – Auf der Suche nach der Wahrheit".
Servus TV Moviemedia

Pharmaunternehmen könnten so zu sehr Einfluss nehmen, hieß es. Auch der Umgang der WHO mit dem Herbizid Glyphosat war jahrelang höchst umstritten.

Nun, seit der Covid 19-Pandemie, ist das Aufzeigen solcher seriös recherchierten Defizite ins Hintertreffen geraten. Stattdessen führen verbalradikale Impfgegner, Personen mit Hang zu Verschwörungstheorien sowie Warner vor "sozialistischen Zuständen" durch mehr internationale Koordination bei Gesundheitskrisen das Wort. Ihre lauten, wenn auch falschen Messages übertönen die notwendige Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Schwächen des weltweit obersten Gremiums in Gesundheitsfragen.

Wichtigster Streitpunkt unterschlagen

Wie das funktioniert, zeigt die zweiteilige Reportage WHO – Auf der Suche nach der Wahrheit, die vor wenigen Tagen bei Servus TV erstgesendet wurde. Der Zeitpunkt war nicht zufällig gewählt: Ab 27. Mai soll die WHO-Vollversammlung den Pandemievertrag und die novellierten Internationalen Gesundheitsvorschriften beschließen.

Derzeit wird in Genf immer noch um die Formulierungen der Abkommen gerungen, mit denen aus dem katastrophalen internationalen Management der Corona-Pandemie Lehren gezogen werden sollen. Streitpunkt Nummer eins: Die Länder des Westens und Pharmakonzernvertreter widersetzen sich dem Globalen Süden, der mehr Wissenstransparenz und Technologietransfer einfordert. Doch dieser Konflikt wird in der sich objektiv gebenden Servus-Reportage mit keinem Wort erwähnt, in der allerdings ausschließlich WHO-Kritikerinnen und -Angstmacher zu Wort kommen.

Entsprechend wird von einer angeblich geplanten, globalen Gesundheitsdiktatur unter Führung der WHO fantasiert. Auch ein Warner vor einer "neuen Form des Sozialismus" kommt zu Wort: Markus Krall, Unternehmensberater und Autor, befürchtet eine "Tyrannei" durch die Weltgesundheitsorganisation.

Umstrittene Forschung an Viren 

Im Vorspann fällt gleich zu Beginn Silvia Behrendt, Verwaltungsjuristin mit WHO-Erfahrung und Gründerin der Global Health Responsibility (GHR) Agency, mit einer Angstparole auf. "Wir müssen die WHO stoppen", sagt sie. Die nächste Pandemie werde von der WHO bereits "vorbereitet – unter Anführungszeichen" und "lanciert".

Lockdowns in Folge wiederum befürchtet die Medizinerin, Kräuterpädagogin und Spitzenkandidatin der Liste DNA für die Europawahlen 2024, Maria Hubmer-Mogg. Nicht nur weitere Pandemien, auch "die Biodiversität und das Klima können künftig Anlass für Notverordnungen sein", behauptet sie. Was sie nicht dazusagt: In den WHO-Vertragsentwürfen finden sich bis dato keinerlei auf derartige Befugnisse hinauslaufenden Formulierungen.

Verbalangriffe auf WHO-Direktor Ghebreyesus

Insgesamt dauert der durch Feature-Aufnahmen ergänzte Zusammenschnitt von Interviews, für die der Privatsender abermals den umstrittenen Infektiologen und Virologen Martin Haditsch auf Reisen geschickt hat, knapp unter zwei Stunden. Mitunter wird darin scharf vom Leder gezogen – etwa gegen WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Der US-amerikanische Kardiologe und Covid-Impfgegner Peter A. McCullough etwa mäkelt an dem äthiopischen Biologen, Immunologen und Ex-Politiker herum: An der Spitze der Weltgesundheitsorganisation müsse ein Arzt stehen und jemand, "dessen Englisch einwandfrei ist", sagt er.

Uwe Kranz, ehemaliger Präsident des Thüringer Landeskriminalamts und Corona-Maßnahmen-Gegner, ist da noch weit direkter. "Ein hochgefährlicher Mensch mit einer Vita, die absolut kriminell ist", so beurteilt er Ghebreyesus. Ein Angriff ad hominem.

Auch weitere Interviewpartner Haditschs sind umstritten. Die "Expertin" Tess Lawrie sah den Kardinalfehler der WHO zu Beginn der Pandemie darin, Hydroxychloroquin und Ivermectin nicht zur Behandlung von Covid-19 zugelassen zu haben – zwei Medikamente, die sich nachweislich als wirkungslos herausgestellt haben.

Liste mit Absagen

McCullogh wiederum wird als am häufigsten zitierter Kardiologe präsentiert, hat sich aber im Laufe der Pandemie durch seine Empfehlungen dieser beiden Medikamente und seine rabiate Kritik an mRNA-Impfstoffen ins medizinische und wissenschaftliche Out befördert. Im Oktober 2022 empfahl das American Board of Internal Medicine, McCullough deshalb sogar die Zulassung zu entziehen.

In beiden Folgen wird eine Liste von deutschen und österreichischen Regierungspolitikerinnen und -politikern sowie von Expertinnen und Experten der WHO gezeigt, die allesamt abgesagt haben sollen. Das kann man glauben oder auch nicht. Vielleicht hätte man die Leiterin des globalen Gesundheitsprogramms in Genf, Ilona Kickbusch, fragen können. Die hat für den ORF in fünf Minuten mehr sinnvolle Sachen gesagt. (Irene Brickner, 21.5.2024)