Die Macher: Geschäftsführer Sport Andreas Schicker, Präsident Christian Jauk und Geschäftsführer Wirtschaft Thomas Tebbich mit dem Familiensilber.
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12, 12, 17, 15, 7. So viele Punkte Vorsprung hatte Red Bull Salzburg seit Einführung des neuen Ligamodus samt Punkteteilung in der Abschlusstabelle. Es war ein Meistertitel mit Abogarantie, insgesamt zehn Mal in Serie war der Ligakrösus nicht anzutasten. Die Salzburger Überlegenheit drohte dem sportlichen Wettbewerb der Liga die Luft abzuwürgen; zu oft war die einzige Frage, in welchem Monat der nächste Titel feststehen würde. Freilich stellten sich die anderen Topklubs der Liga serienweise selbst ein Bein, doch die harte Wahrheit heißt und hieß: Angesichts von Salzburgs Möglichkeiten muss man deutlich effektiver mit seinen Ressourcen umgehen, um ein Leiberl zu haben.

Auftritt Andreas Schicker, Auftritt Christian Ilzer. Sturm Graz lag im Sumpf, als Sportchef Schicker (Mai 2020) und Trainer Ilzer (Juli 2020) ihre Ämter antraten. Der abgeschlagene Meistergruppen-Letzte war am letzten Spieltag vor eigenem Publikum 1:4 von Hartberg gedemütigt worden, die von der Vita des Trainers Nestor El Maestro befeuerten Titelträume waren da längst spektakulär implodiert. Vor dem gemeinsamen Saisonstart unternahm die Mannschaft den ersten Teambuildings-Gipfelsturm auf Schickers Hausberg, dort sollte auch jeder ein Bild der Zukunft zeichnen. "Ich habe ein Cabrio in der Grazer Herrengasse mit dem Meisterteller und dem Pokal gezeichnet", erzählte Ilzer nach dem Triumph. "Andi hat mir vor Kurzem gesagt, dass er sich damals gefragt hat, ob das nicht ein bisschen zu groß gedacht ist."

Leiden

Es wird wohl nicht im Cabrio passieren, doch Sturm Graz wird am Montag vor dem Grazer Rathaus sowohl den Meisterteller als auch den Pokal präsentieren. Das fühlt sich für die meisten Sturm-Fans auch nach dem stetigen Wachstum der vergangenen Jahre noch surreal an – vor allem aber: verdient. Spieler, Trainer und 15.300 Fans im Stadion plus Zehntausende außerhalb der Merkur Arena mussten beim 2:0 gegen Klagenfurt noch einmal gehörig leiden. Mehr als eine Stunde lang sah es aus, als würde sich Sturm zu einem historisch schmerzhaften Nicht-Meistertitel quälen.

Der Bundesliga-Spieler der Saison: Otar Kiteishvili, im entscheidenden Spiel war er gesperrt.
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Da war drei Runden vor Schluss das unglückliche 1:1 gegen Hartberg gewesen, von dem Ilzer nun gestand: "Der schwierigste Moment war die frühe Rote Karte gegen Jon Gorenc Stankovic. Diese Phase hat mich selbst kurz zweifeln lassen." Der Hohepriester der Überzeugung fing sich freilich selbst wieder ein, doch Normalsterblichen blieben eher zwei verlorene Punkte in Erinnerung. Dann das Auswärtsspiel beim LASK, der erste Matchball, das 2:2, Seedy Jattas Lattenkopfball in der 89. Minute. Wieder nicht Meister. Dann der 19. Mai 2024, ein Heimspiel gegen Austria Klagenfurt, unter anderen Umständen eine Pflichtübung. Aber die Rote gegen Hartberg, der Lattenkopfball beim LASK, das drohende Nicht, sie lasteten schwer.

Geduld

Jusuf Gazibegovic versuchte es volley, Phillip Menzel parierte, Gorenc Stankovic stocherte aus kürzester Distanz, Menzel klärte wieder, Schnegg traf nicht, Horvat traf nicht, Biereth traf nach herrlicher Ballannahme auch wieder: nicht. Das 0:0 zur Pause fühlte sich an wie ein Hinkelstein auf den Schultern. Aber Sturm und die Blitzstarts nach der Pause, auf das ist ja Verlass, man kennt das vom Cupfinale. Also, klar, Minute 48, Horvat! Vorbei. Das nächste Nicht. Biereth sammelte noch eines, Horvat noch eines, zwei Drittel der Partie waren vorbei, der Hinkelstein wuchs auf biblische Ausmaße an.

Minute 69. Eckball Sturm.

Die Erlösung: Dieser Kopfball von Gregory Wüthrich landet im Tor.
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"Ich bin von der Mittellinie zum Sechzehner gelaufen und habe mir gesagt: Du musst jetzt diesen Ball reinhauen", erzählte Gregory Wüthrich später. Es war eine Schönheit von einem Eckball, Horvat zwirbelte die Frucht in höchstem Bogen genau zum Treffpunkt. Wüthrich sprang kraftvoll, hatte einen leicht schrägen Luftstand, aber Meistertitel werden nicht nach Haltungsnoten vergeben, und Wüthrich brachte Wucht in seinen Kopfball, jede Nackenübung in der Kraftkammer zahlte sich in dieser Sekunde aus, und der Ball schlug hinter der Hand von Menzel und vor dem Kopf des auf der Linie heranfliegenden Christopher Wernitznig im Netz ein, und in einem Sekundenbruchteil verdampften all diese Nichts und wurden von den Schreien der Fans in den Grazer Abendhimmel getrieben.

Sorge

Wer schon länger Fußball schaut, weiß wahrscheinlich, dass dieser Sport verdammt grausam sein kann. Man kann nachfragen bei diversen Nicht-Meistern von Dortmund bis Gelsenkirchen, beim Serien-Nicht-Cupsieger Rapid oder bei einem der zahllosen Opfer von Real Madrids Champions-League-Hexereien. Ein Tor ist schnell gefallen, die Nichts schwebten also trotz Sturms Führung noch ein wenig über dem Stadion, immer bereit zuzuschlagen, so sie die Elf von Peter Pacult zurückrufen würde. Die Klagenfurter gaben sich nämlich bei weitem nicht auf, obwohl sie längst nur mehr um die Goldene Ananas spielten. Und Sturm machte zu Ilzers Unmut, was Fußballmannschaften nach einem wichtigen Führungstor oft machen: Sturm verteidigte.

Die Macher II: Trainer Christian Ilzer und Präsident Christian Jauk gönnen sich.
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Minute 84. Maximilian Besuschkow flankte kurz vor dem Strafraumeck, es war so eine Hereingabe, bei der man mit der richtigen Perspektive sofort sieht: Ob jemand drankommt oder nicht, da brennt's am langen Eck auf jeden Fall. Florian Jaritz kam dran, er verlängerte, Sturm-Goalie Vitezslav Jaros hatte keine Chance, aber da war noch die Stange. Ausatmen. Das 1:0 hielt, der Meistertitel war nur zehn Minuten entfernt, aber das Nicht atmete wieder richtig giftig in den kollektiven Nacken. Aus ist erst, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Erlösung

Also Minute 90. Alexander Prass erbte im Mittelfeld einen Ball, ob er dann mit der Entscheidung zu einem Energiesolo mit Ballverlustgefahr gut beraten war, ist fraglich, wird Fußballhistoriker aber keine schlaflosen Nächte kosten. Prass schnitt durch das Mittelfeld, legte ab für Amady Camara, und der 18-jährige Bursche aus dem Mali schoss einfach so ein Tor. Entspannt, abgebrüht, mit dem Innenrist ins lange Eck. Easy. Sturm war erlöst, Verneinungen wurden sinnlos, denn Sturm Graz war österreichischer Fußballmeister 2023/24, das war jetzt einbetoniert, und man muss an diesem Moment wirklich noch einmal eine Sekunde innehalten und zurück in diesem Sommer 2020 reisen, um das ausreichend würdigen zu können. 1:4 gegen Hartberg. Letzter der Meistergruppe.

2:0 gegen Austria Klagenfurt. Erster der Meistergruppe, Double-Sieger. "Wir haben jedes fucking Ziel erreicht, bis zum Ende alles durchgezogen", sagte David Affengruber. "Wir haben einen Giganten vom Thron gestoßen", sagte Ilzer. "Es war eine unfassbare Saison, ein unfassbares Spiel", sagte Gorenc Stankovic. "Ich bin der glücklichste Mensch der Welt", sagte Gazibegovic. "Ich bin überglücklich, aber es wird ein bisschen dauern, dass ich das emotional zeigen kann", sagte Sportchef Schicker, der schon die Partie aus seiner Loge bemerkenswert stoisch verfolgt hatte. "Wir haben in den letzten vier Jahren viele gute Entscheidungen getroffen. Das Klima, das wir im Verein geschaffen haben, macht mich stolz."

Sturm ist für die Champions League gesetzt, das ist das Privileg des Meisters. Die Stadt Klagenfurt freut sich mit der Wörthersee-Arena auf vier Heimspiele, die Merkur Arena ist wohl nicht fit für die Königsklasse. Los geht es erst Mitte September, Transfer-Wunderwuzzi Schicker hat mangels Europacup-Quali einen völlig anderen Planungshorizont als bisher – und durch 18,62 Millionen Euro Startgeld ordentlich Spielgeld. Der 37-Jährige stellte auch auf dem Transfermarkt einen weiteren Entwicklungsschritt in Aussicht, betonte aber: "Wir werden nichts Wahnsinniges machen."

Hoffenheim würde Schicker liebend gerne abwerben, er wird sich nächste Woche entscheiden. Auch für Sturms Mastermind selbst sei die Champions League "sehr reizvoll. So etwas erlebt man nicht alle Tage." Aber all das war am Sonntag noch weit weg. In der Gegenwart spielte es "We are the Champions", "Steiermoak" und – so viel Zukunftsmusik muss erlaubt sein – auch die Champions-League-Hymne. (Martin Schauhuber, 20.5.2024)